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Lübeck Seit 25 Jahren ein Raum für Süchtige – mitten in Lübeck
Lokales Lübeck Seit 25 Jahren ein Raum für Süchtige – mitten in Lübeck
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21:13 07.10.2016
Bei allen Probleme, die ein Treffpunkt für Drogenabhängige mit sich bringt: „Wir hatten in den 25 Jahren auch viel zu lachen“, sagen die Mitarbeiterinnen Kirsten Grant (l.) und Ute Behrendt. Quelle: Fotos: Ulf-Kersten Neelsen

Am Anfang gab es viel Verwirrung um den neuen Kontaktladen. 1991 machte „tea & talk“ an der Untertrave auf. „Zuerst kamen einige Herren zu uns, die an käufliche Kontakte dachten“, erinnert sich Ute Behrendt, die in dem Kontaktladen seit 25 Jahren arbeitet. Weil auf einem Schild stand, dass hier Pumpentausch vorgenommen würde (Pumpen sind Drogen-Fachjargon für Spritzen), habe sich eines Tages ein Monteur in das Gebäude verirrt, der auf der Suche nach einer speziellen Pumpe war. „Wir hatten hier auch viel zu lachen“, berichteten Behrendt und ihre Kollegin Kirsten Grant bei der gestrigen Jubiläumsfeier.

Doch die Startphase dieses neuen Angebots war nicht immer lustig. Es gab viel Misstrauen. Süchtige mutmaßten, dass hier mit der Polizei zusammengearbeitet würde. Bei jedem Standort, den der Kontaktladen in den vergangenen 25 Jahren hatte, sorgten sich Nachbarn um ihre Kinder, die Sauberkeit der Umgebung und den Wert ihrer Wohnungen. Ein LN-Kommentator erklärte das Spritzentausch-Angebot im Kontaktladen zum „Alptraum aller Eltern“. Suchthilfe brauche eben viel gesellschaftliche Akzeptanz, erklärte der Landesvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt (Awo), Wolfgang Baasch.

Mittlerweile ist der Tausch von gebrauchten gegen neue Spritzen eine Selbstverständlichkeit. 74 594 gebrauchte Spritzen wurden 2015 im „tea & talk“ entgegengenommen, über 20000 mehr als im Vorjahr. 78519 neue Spritzen wurden ausgegeben – ebenfalls über 20000 mehr als im Vorjahr. Es könne immer wieder vorkommen, „dass noch etwas herumliegt“, räumte Mitarbeiterin Kirsten Grant ein, „aber wir sorgen im Viertel schon für Sauberkeit.“

Da habe es ganz andere Zeiten gegeben, berichtete Renate Menken, Vorsteherin der Gemeinnützigen, beim Jubiläum. Als langjährige Apothekerin habe sie über Jahre direkten Kontakt mit den Süchtigen gehabt. „Ich kannte sie alle“, sagte Menken. Die Drogenabhängigen hätten bei ihr vor der Tür gesessen, „und die „Zivilbeamten standen bei mir in der Apotheke, um die Abhängigen zu beobachten“. Sie habe Methadon und Spritzen verkauft und immer wieder den „Mist“ weggeräumt, den die Süchtigen auf der Straße hinterließen. Die Abhängigen konnten auf der Straße jeden Stoff kaufen, erinnert sich die frühere Apothekerin: „Die Gewinnmarge hätte ich in meiner Apotheke gern gehabt.“

Mit Spritzentausch, Frühstück, Gesundheitsförderung, Hilfe bei Behördengängen und Wohnungssuche würden die Mitarbeiter des Kontaktladens eine „fantastische Arbeit leisten“, lobte Sozialsenator Sven Schindler (SPD). Im Zusammenspiel von Straßensozialarbeit und Drogenberatung sei der Kontaktladen unverzichtbar, erklärte Hans-Peter Stahl, Bereichsleiter psychosoziale Dienste der Awo. Mit dem Sitz in der Wahmstraße sei jetzt der perfekte Standort erreicht, sagte Schindler. „tea & talk“ zog von der Untertrave in die Schmiedestraße und später in die Beckergrube. Dort habe es zwar tolle, große Räume gegeben, so Kirsten Grant und Ute Behrendt, aber die Süchtigen kamen nicht. „Als der Stadtverkehr den Einstieg nur noch vorn im Bus einführte, sagten uns die Abhängigen, dass sie nicht mehr kommen könnten, weil sie ja nicht mehr schwarzfahren könnten“, erzählte Kirsten Grant. Die Wahmstraße dagegen liegt direkt auf der Szene-Verbindung zwischen Klingenberg und Krähenteich.

Das 25-jährige Bestehen feiert der Kontaktladen am 12. Oktober mit den Nachbarn und am 17. Oktober mit den Klienten, die dort einkehren. Vermieter Matthias Rasch, Chef der Grundstücksgesellschaft „Trave“: „Es hat sich sehr gut eingespielt, die Szene hat sich nicht vor das Haus verlagert.“

Kai Dordowsky

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