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20:18 09.01.2016
Das Café, wie es bis zur Umgestaltung Anfang 2013 insgesamt 26 Jahre aussah: ein bisschen plüschiger und traditioneller als heute.

Man kennt sich, man beschenkt sich: Anne Mencke (64), seit fast 25 Jahren im Service des Café Niederegger tätig, erzählt, dass sie jedes Jahr Weihnachten eine Hyazinthe geschenkt bekommt. Und zwar von den beiden alten Damen, die gerade wieder an einem Tisch sitzen, wie stets ein Stück „Mohrenkopftorte“ essen und klönen. Auch die beiden Stammgäste Marga Soltau und Elfriede Schwartz (85) werden beschenkt. Marga, die bald 87 wird, hat zum 70. Geburtstag einen Stuhl aus Marzipan bekommen. „Weil ich immer gesagt habe, dass mir hier ein Stuhl gehört“, erklärt sie schmunzelnd. Und zum 80. habe es eine Sau mit Ferkeln gegeben, aus Marzipan, versteht sich. Motto: „So alt wird keine Sau.“

Marga und Elfriede, die beiden Lübecker Gärtners-Töchter, sind schon als kleine Mädchen regelmäßig mit ihrer Großmutter zu Niederegger gegangen, ihre Eltern kauften oft „bunte Platten“. Wenn Gäste kamen, hätten ihre Eltern oft „Mohrenkopf“- oder „Prinz-Heinrich-Torte“ geholt. „Das Kuchensortiment“, sagt Marga Soltau, „kennen wir auswendig.“

Doch als die Schwestern heranwuchsen, wollten sie allein in die Stadt — zum Einkaufsbummel und zum Kaffee bei Niederegger.

„Bei unseren Eltern in der Gärtnerei mussten wir immer ,Gewehr bei Fuß‘ stehen“, erzählt die jüngere Schwester, „als wir heirateten und uns selbstständig machten, haben wir uns dann einmal in der Woche diese Auszeit genommen.“ Und das tun sie immer noch — auch mehr als sechs Jahrzehnte später. Selbstverständlich telefonieren sie miteinander oder sehen sich bei Familienfeiern, aber im Café spreche es sich entspannter, wenn kein Ehemann, Kind oder Enkel im Hintergrund herumlaufe.

Wenn die beiden erzählen, wie es einst bei Niederegger war, dann wird jene Zeit lebendig. Die Zeit, in der sich zwei sehr bekannte Lübecker stets mit Damen im Café trafen, aber nicht mehr als ein „Pony“ (Piccolo) Sekt spendierten, obwohl sie sich deutlich mehr hätten leisten können. „Und unten im Café war damals alles gepolstert, es hingen Gardinen an den Fenstern. Unten saßen die feinen Damen mit Hut — wir sind immer nach oben gegangen“, so Elfriede Schwartz.

Wenn die beiden vom Einkaufs- oder Schaufensterbummel kamen — „Anfassen kostet nichts“, sagt die ältere Schwester —, dann sei die Einkehr eine Wohltat gewesen: „Bei Niederegger beruhigen sich die Augen und die Hände.“

Verändert hat sich im Laufe der Jahrzehnte einiges: Nicht nur, dass Gardinen und Plüschsessel fehlen und nicht alles mehr zum Kuchensortiment gehört, was die beiden Schwestern kennen. Nein, auch das Publikum habe sich verändert. Früher habe man sich noch schick gemacht, wenn man ins Café ging, heute eher nicht. Und früher seien viele junge Leute im Café gewesen, wie ihre Söhne mit ihren Freunden. Heute suchten es überwiegend Touristen auf.

Ja, und auch die Servicekräfte sind anders als vor zehn, 20 oder 30 Jahren: „Die Jüngeren wissen nicht, dass man zum Berliner zwei Kuchengabeln vorlegt — was für die Älteren klar ist“, nennt Soltau ein Beispiel.

Erlebt haben die Schwestern in all den Jahren schon eine Menge. Sie tauschen sich gern darüber aus und treffen sich einmal im Jahr mit den früheren Café-Leiterinnen. Eines steht fest: So lange es irgendwie geht, werden die beiden jeden Freitag bei Wind und Wetter gegen 16.30 Uhr bei Niederegger aufschlagen. „Das ist unser zweites Zuhause“, sagt Marga, und Elfriede ergänzt: „Niederegger gehört zu uns, zu unserem Leben.“

Café mit Historie
1880 eröffnet Niederegger-Inhaber Wilhelm Köpff im Stammhaus in der Hüxstraße ein Café mit Lesezimmer. Schon damals gibt es die legendäre Nusstorte. Das Café entwickelt sich schnell zum Treffpunkt, wird bald erweitert. Zur Kaiserzeit präsentiert es sich mit weißen Wänden, Mahagoni-Ppaneelen und grünen Plüschsesseln, später im Jugendstil.
1942 wird das Café zerstört, doch schon 1945 beginnt man mit dem Wiederaufbau. Die letzte Umgestaltung erfolgt 2013.

Sabine Risch

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