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Lübeck Skurrile Werbekampagne für Friedhöfe
Lokales Lübeck Skurrile Werbekampagne für Friedhöfe
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09:39 24.05.2016
Mit einer ungewöhnlichen Kampagne wirbt die Hansestadt Lübeck derzeit für ihre Friedhöfe. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
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Lübeck

Es gibt nichts, was es nicht gibt: Derzeit wirbt die Stadt für ihre Friedhöfe. Mit einer ungewöhnlichen Werbekampagne preist sie die Vorzüge der städtischen Friedhöfe an. Die Sprüche auf den Plakaten machen stutzig. „Lieber First Class liegen als Economy Class fliegen“ ist wohl die skurrilste Botschaft. Es gibt sechs verschiedene Plakate, die die Kölner Agentur Erasmus A. Baumeister entworfen hat. Kosten: 3000 Euro. Aufgehängt werden sie auf den Werbeflächen der Wall AG, bei der die Stadt ein Freikontingent hat. Die Kampagne läuft dieses Jahr, im Durchschnitt wird in jedem Monat jeweils eine Woche lang ein Motiv gezeigt. Der Hintergrund: Auf den städtischen Friedhöfen gibt es immer weniger Bestattungen. Die Zahl ist von 2000 in 2003 auf 1300 in 2015 gesunken. Viele Lübecker lassen sich mittlerweile anonym auf See bestatten oder entscheiden sich für ein anonymes Urnengrab in einem Ruheforst.

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In Kolumbarien ist die Urne des Verstorbenen zu sehen. Für manche Menschen ein Ort, an dem sie sich dem Toten nah fühlen.

„Wir wollen das Thema enttabuisieren“, sagt Bausenator Franz-Peter Boden (SPD). Friedhöfe seien nicht nur ein Ort der Trauer, sondern Friedhöfe könnten sich auch positiv auf das Lebensgefühl der Menschen auswirken. Denn die städtischen Friedhöfe seien Parkanlagen (Werbespruch: „Immer erreichbar“), Orte der Besinnung, die mit der Familie besucht werden könnten („Mitten im Leben“).

„Werbung für Friedhöfe ist ein sensibles Thema“, gibt Thomas Olbrich zu, Chef der Friedhofsverwaltung. Die Kampagne soll die Bestattungskultur wieder in den Fokus rücken. „Viele Menschen machen sich keine Gedanken darüber, wie sie beerdigt werden wollen“, so Olbrich. Darauf zielt der Werbespruch „First Class liegen ...“ ab. Menschen geben viel Geld für schicke Autos oder teure Reisen aus. „Aber über die letzte Ruhestätte machen sie sich keine Gedanken“, hat Olbrich erfahren. Dabei gehe es auch um die Frage: „Was bin ich mir wert?“ Die Hinterbliebenen müssten oft in kurzer Zeit eine Entscheidung treffen, sehen eine Beerdigung manchmal nur unter dem finanziellen Aspekt. Olbrich: „Wir wollen der Entsorgungsmentalität begegnen.“ Zudem seien die Hinterbliebenen später oft unglücklich, weil sie sich für ein anonymes Grab entschieden haben, ihnen später dann aber doch ein Ort der Trauer fehlt. Da seien die städtischen Friedhofe aber der richtige Ort. Dort gebe es verschiedene Bestattungsarten – vom Sarg- und Urnengrab über Baumgräber („Voll im Trend“) bis hin zum Kolumbarium „Ich seh Dich“). Am billigsten ist ein namenloses Urnengrab für 900 Euro. Die luxuriöse Rundumversorgung nach dem Tod kostet 6600 Euro: ein Sarg im Garten der Besinnung samt 20 Jahre Pflege.

Und wie kommt die Werbekampagne an? „Ein bisschen schräg das Ganze“, hat sich Ulrich Pluschkell (SPD) zunächst gedacht. Aber: „Es ist ja richtig.“ Der Tod werde in unserer Gesellschaft tabuisiert.

„Dabei ist es wichtig, sich damit auseinanderzusetzen.“ Er finde es gut, dass die Friedhöfe sich des Themas annehmen. Christopher Lötsch (CDU) sieht das nüchtern: „Nach einem Jahr sollte man Bilanz ziehen, was die Werbung gebracht hat.“

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Josephine von Zastrow

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Der Tod gehört zum Leben: Dass er kommt, ist das Einzige, auf das wir uns in unserem Leben wirklich verlassen können.

23.05.2016

Da haben sich die Werber aus Köln ja viele Gedanken gemacht – über unsere Bestattungskultur, die viele Menschen aus rein ökonomischer Sicht betrachten (müssen).

23.05.2016

Die drei Findelkinder gedeihen prächtig. Tierpfleger Ulf Erhart wünscht sich aber mehr Ruhe für die Kleinen.

24.05.2016
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