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Lübeck So erlebt eine Blinde die Hansestadt
Lokales Lübeck So erlebt eine Blinde die Hansestadt
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13:46 31.08.2016
Lübeck begreifen: Lucia Hoffmann (34) orientiert sich an dem Relief auf dem Markt. Freundin Elisabeth Ben Salem (l.) und Stadtführerin Marion Apsitis (r.) finden das Bronzemodell sehr anschaulich. Lucia Hoffmann ist gebürtige Paderbornerin und lebt seit vielen Jahren in München. Sie arbeitet als freie Journalistin. Quelle: Wolfgang Maxwitat

Meine Hände fühlen über die große Plakette an einer Hauswand an der Obertrave: „Hochwasser. Linie vom 13. Nov. 1872“ steht dort geschrieben. Die Plakette ist etwa in Kopfhöhe angebracht. Ich bin fasziniert und fassungslos: So hoch hat die Trave also damals gestanden.

Als blinde Touristin habe ich mit einer sehenden Freundin eine spezielle Stadtführung gebucht, die vom Lübeck und Travemünde Marketing (LTM) speziell für unsere Personengruppe angeboten wird. Es ist 9.56 Uhr, wir befinden uns am Holstentor. Um uns herum stehen Touristen aus aller Herren Länder. Hier sprechen Leute Englisch, dort wird in einer mir nicht näher bekannten asiatischen Sprache diskutiert. Klick, klick höre ich einen Fotoapparat direkt neben mir. Wir warten auf Marion Apsitis, unsere Gästeführerin. Um 10 Uhr soll die Tour beginnen. Und dann begrüßt sie uns auch schon: „Herzlich willkommen in unserer schönen Hansestadt Lübeck, die Stadt der sieben Türme.“ Die nächsten zwei Stunden machen wir gemeinsam eine Tour durch Gassen und Gänge.

Doch als Erstes kann ich das Holstentor als Reliefbild ertasten. Es gibt nämlich einen Stadtführer für Blinde und Sehbehinderte. Dieses Buch beinhaltet neben Texten in Blindenschrift und Großschrift für Sehbehinderte auch zahlreiche Reliefs von berühmten Bauten Lübecks. Unsere Gästeführerin hat dieses Buch dabei – und so bekomme ich einen Eindruck von dem imposanten Stadttor. Großartig.
„Lübeck wurde 1158 von Heinrich dem Löwen gegründet.“ Der Welfen-Herzog wollte, dass hier Handel getrieben wurde, erfahren wir. „Die Altstadtinsel sieht aus wie ein Butt“, erklärt Marion Apsitis. Es gibt eine Mittelgräte, die Breite Straße – und davon ab führen Rippenstraßen abwärts in Richtung Wasser. Das kann man sich sehr gut vorstellen. Passt auch zu einer norddeutschen Stadt.

Nachdem wir viel Informatives über das frühe Lübeck erfahren haben, gehen wir die Obertrave entlang in Richtung Marlesgrube. Gegenüber der alten Salzspeicher machen wir einen kurzen Stopp. Vor uns fährt eine Barkasse den Fluss entlang. Ein anderes Schiff tutet ein Stück flussabwärts. Maritimes Flair, so habe ich mir das hier immer vorgestellt. Eine Großstadt mit mehr als 200 000 Einwohnern, hinter Kiel die bevölkerungsreichste Schleswig-Holsteins, mit Universität und mehreren Hochschulen sowie der Hier erfahren wir einiges über Lübeck früher und heute. So ist Lübeck heute die zweitgrößte Stadt Schleswig-Holsteins hinter Kiel. Die Stadt mit 212.000 Einwohnern hat mehrere Hochschulen, eine große Universität und die einer bundesweit bekannten Akademie für Hörgeräte-Akustik. Groß geworden durch den Handel und die Hanse – toll, ich lerne viele neue Ding Lübeck ist durch den Handel und die Hanse groß und bedeutend gewordene.

Vor Hochwasser gut geschützt: Was es mit dem Sprichwort „Die Schotten dichtmachen“ auf sich hat, erfahren wir an einem der alten Häuser an der Obertrave. Hier ertaste ich die Löcher in der Wand, wo bei Hochwasser ein sogenanntes Schott eingesetzt wird, um die Türen vor dem Eindringen des Wassers abzudichten. Auch zeigt mir Marion Apsitis eine Plakette, an der die Höhe der Fußböden der Häuser an der Obertrave abzulesen ist. Ich taste alles genau ab.

Von der Marlesgrube gehen wir in den Durchgang Nummer 56. Die Akustik beim Sprechen in dem engen Gang ist ganz besonders. Gleichzeitig kann ich rechts und links die Hauswand berühren. „Die Gänge mussten so breit sein, dass ein Sarg hindurch passt“, erläutert Marion Apsitis. Von den früher etwa 200 Gängen sind heute noch 90 erhalten. Ich bin sehr beeindruckt von diesen schmalen, nach feuchtem Gemäuer riechenden Gässchen. In der Depenau gehen wir auf altem Kopfsteinpflaster. Mit meinen Füßen spüre ich jeden der großen alten Steine. Eine Turmuhr schlägt 11 Uhr. Tasten, riechen, hören. Das macht für mich das Flair der alten Hansestadt aus.
Wir wandern nun zum Rathaus. Dort auf dem Markt steht ein Bronzemodell der Altstadt von Bildhauer Egbert Broerken. Dieses ist mit Blindenschrift versehen und zeigt Lübeck aus der Vogelperspektive. Das Modell für Blinde und Sehbehinderte ist auch für Sehende interessant. Hier kann ich die Stadt in wahrsten Sinne des Wortes begreifen. Wo sind eigentlich die Türme? Ich suche die Marienkirche. 125 Meter hoch ist das Gotteshaus der Kaufleute. Gewaltig! Während diese Kirche mitten in der Stadt steht, entdecke ich den Dom mit seinen ebenfalls zwei Türmen etwas abseits im östlichen Teil der Altstadtinsel. Fünf Kirchen, sieben Türme, ich habe sie alle ertastet.

Und dann sind da noch die St. Petrikirche, die St. Aegidienkirche und die St. Jakobikirche.
Vor dem Buddenbrookhaus in der Mengstraße beenden wir um 12 Uhr unsere Stadtführung. Ich habe längst nicht alles begriffen – aber sehr vieles.

Von Lucia Hoffmann

Infos für Blinde

Menschen mit Sehbehinderungen können die Hansestadt mit speziellen Stadtführungen entdecken. Diese sind in der Tourist-Information des Lübeck und Travemünde Marketings, Holstentorplatz 1, oder telefonisch unter 0451/889 97 00 zu buchen. Außerdem gibt es dort taktile Stadtpläne der historischen Altstadt und Reliefbücher mit umfangreichen Informationen über Lübecks Sehenswürdigkeiten.

Der Blinden-/Sehbehindertenverein Schleswig-Holstein, Geschäftsstelle Lübeck, bietet ebenfalls Beratung für Blinde und Sehbehinderte. Der Verein in der Lübecker Memelstraße 4 ist montags bis freitags, von 9 bis 17 Uhr, zu erreichen. Telefon: 0451/40 85 08.

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