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Lübeck So schützen sich Retter und Behördenmitarbeiter
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Wachdienste, die Behördenmitarbeiter schützen: Beim Jobcenter gibt es Sicherheitsleute bereits seit zwölf Jahren, in städtischen Verwaltungsgebäuden seit Jahresbeginn. Quelle: Maxwitat

Wenn die Mitarbeiter des Jobcenters wissen, dass ein schwieriger Kunde zum Gespräch kommt, dann steht der Wachmann vor der Bürotür und passt auf. „Wir haben schon seit 2005 Wachleute“, sagt Geschäftsführer Joachim Tag, „die würde ich auch nicht abschaffen wollen.“ Gewalt und Bedrohungen gegen Mitarbeiter im Jobcenter sind nicht alltäglich, kommen aber vor. „Neulich hat ein Kunde einen Kollegen angerempelt, es hat auch schon jemand einen Computer vom Schreibtisch gewischt“, berichtet Geschäftsführer Tag.

 Gewalt gegen Polizeibeamte – das Ausmaß hat die Polizeidirektion Lübeck neulich öffentlich gemacht (die LN berichteten). Aber Pöbeleien, Bedrohungen und körperliche Attacken erfahren auch Rettungskräfte sowie Behördenmitarbeiter. „In unseren Melde- und Zulassungsstellen haben die Übergriffe sowohl verbal als auch körperlich so deutlich zugenommen, dass wir die Mitarbeiter mit Hilfe der Polizei in Selbstverteidigung schulen“, erklärt Innensenator Ludger Hinsen (CDU). Seit dem 2. Januar werden in den Dienststellen im Meesenring und in der Dr.Julius- Leber-Straße Sicherheitsdienste eingesetzt. Das kostet die Stadt rund 109000 Euro im Jahr. „Das Geld fehlt an anderer Stelle“, beklagt Jochen Mauritz, innenpolitischer Sprecher der CDU, die Folgen der „erkennbaren Verrohung der Gesellschaft“.

Seit April vergangenen Jahres kam es nach Angaben der Stadt im Bereich Melde- und Gewerbeangelegenheiten zu 13 Notfallmeldungen, drei Strafanzeigen wurden gefertigt und ein Hausverbot ausgesprochen.

Körperliche und verbale Auseinandersetzungen erleben die Verkehrsüberwacher immer wieder. Für Mitarbeiter der Ausländerbehörde, die zu Abschiebungen raus müssen, wurden schuss- und stichsichere Westen angeschafft. Für das Verwaltungszentrum Mühlentor wird zumindest für die Dienststellen der Sozialen Sicherung über einen Sicherheitsdienst nachgedacht. Im Januar schulten Referenten der Polizei die Mitarbeiter in deren Büros. In der Infothek des Verwaltungszentrums sind Alarmknöpfe installiert.

Auch Rettungssanitäter erleben Bedrohungen. „Ich habe selbst schon in ein Messer geschaut“, erzählt Hendrik von Lehmden, Rettungsassistent beim Arbeiter-Samariter-Bund. „Glücklicherweise war die Polizei ebenfalls vor Ort.“ Das Problem nehme Ausmaße an, „die wir eindämmen müssen“, sagte von Lehmden auf einer Podiumsdiskussion der SPD-Juristen, „es muss uns ermöglicht werden, Stichschutzwesten unterzuziehen.“ Marco König, Vorsitzender des Deutschen Berufsverbands Rettungsdienst, berichtete von „Kollegen, die sich mit Pfefferspray, Spezialhandschuhen und Kabelbindern ausrüsten“. Fast immer würde Gewalt von alkoholisierten Männern zwischen 20 und 40 Jahren ausgehen. König fordert, dass Übergriffe auf Retter systematisch und vor allem digital erfasst werden. „Wir müssen wissen, ob es ein wirkliches oder ein gefühltes Problem gibt“, bestätigt der SPD-Landtagsabgeordnete Thomas Rother.

Mit Tätlichkeiten habe die Berufsfeuerwehr kaum Probleme, sagt Brandamtmann Ralph Paul, seit 1991 Beamter der Berufsfeuerwehr Lübeck. Aber die Behinderung durch Gaffer erschwere die Arbeit enorm.

„Bei größeren Einsätzen muss ich als Einsatzleiter dafür sorgen, dass die Gaffer sich nicht selbst gefährden“, erklärt Paul, „das bindet Kräfte, die ich für das Löschen brauche.“ Rettungsassistent von Lehmden berichtet von einem „Notfall an einer Bushaltestelle, wo 20 bis 30 Schulkinder einen kranken Jungen filmten.“ Die Verbreitung solcher Bilder im Internet sei strafbar, sagt der Landespolitiker Rother. Auch Gewalttäter, die Rettungskräfte attackieren, riskieren höhere Strafen als früher. „Es gibt jetzt meistens gleich eine Freiheitsstrafe“, sagt der Vorsitzende der SPD-Juristen, Sebastian Oelkers. Oft greife aber das Strafrecht gar nicht, weil den Tätern die Schuldfähigkeit fehle. Von Lehmden spricht von „Menschen, die nicht mehr Herr ihrer Sinne sind.“

Verbandsvertreter König fordert, dass „Anzeigen von angegriffenen Rettern nicht von den Staatsanwaltschaften lax eingestellt werden“.

Bürgermeisterkandidat Jan Lindenau (SPD) will die digitale Erfassung von Straftaten in den zuständigen Fachausschuss der Bürgerschaft bringen. Und er will sich um Notrufgeräte für die Retter kümmern.

Lindenau: „Jeder Taxifahrer hat heute so einen Knopf.“

 Kai Dordowsky

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