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„So war das damals“

Lübeck „So war das damals“

Margarethe Enders wurde vor 100 Jahren in Lübeck geboren und wuchs in der Glockengießerstraße auf – Gestern feierte sie Geburtstag – Mit den LN sprach sie über Pferdefuhrwerke, die Liebe und strenge Lehrer.

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Hund „Ruby“ ist in der Seniorenresidenz Waldersee gern an Margarethe Enders’ Seite. Freunde und Familie staunen bei jeder Gelegenheit über die Fitness der 100-Jährigen.

Quelle: Fotos: Künzel, Roeßler (2), Jacobsen, Privat (2)

Lübeck. Guten Tag. Sie sehen aber fit aus. Und das mit 100 Jahren. Alle Achtung.

LN-Bild

Margarethe Enders wurde vor 100 Jahren in Lübeck geboren und wuchs in der Glockengießerstraße auf – Gestern feierte sie Geburtstag – Mit den LN sprach sie über Pferdefuhrwerke, die Liebe und strenge Lehrer.

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Margarethe Enders: Oh, danke. Setzen Sie sich doch. Ich kann Ihnen auch viel erzählen. Zum Beispiel die Geschichten vom Kaiser, als der in Lübeck war. . . Aber jetzt bin ich irgendwie doch ein bisschen aufgeregt. Das legt sich gleich. Am besten, ich sage Ihnen erstmal ein Gedicht von Mascha Kaléko auf:

Sozusagen grundlos

vergnügt

Ich freu mich, dass am

Himmel Wolken ziehen Und dass es regnet,

hagelt, friert und schneit.

Ich freu mich auch zur

grünen Jahreszeit, Wenn Heckenrosen und Holunder blühen.

– Dass Amseln flöten und dass Immen summen, Dass Mücken stechen und dass Brummer brummen.

Dass rote Luftballons ins Blaue steigen.

Dass Spatzen schwatzen. Und dass Fische schweigen.

(Anm. der Red.: Dies ist die erste Strophe, Frau Enders kann alle drei.)

Waren Sie Schauspielerin?

Enders:   Ach, nein (Sie lacht). Ich konnte das schon immer. In der Schule hieß es oft: Gretel ist ein überaus fantasiebegabtes Kind. Aber mit Zahlen und Geschichte hab’ ich es nicht so. Wann genau der Kaiser in Lübeck war, weiß ich zum Beispiel nicht mehr, da müssen Sie mal in die Geschichtsbücher schauen.

Können Sie sich denn noch an das Lübeck Ihrer Kindheit erinnern, Sie sind doch hier aufgewachsen?

Enders:  Ja, ich bin 1916 geboren und in der Glockengießerstraße groß geworden. Wir haben viel auf der Straße gespielt: Kreisel und Verstecken. Autos gab es ganz selten, nur Pferdefuhrwerke. Und wenn im Winter der Schnee zu großen Haufen zusammengefegt wurde, dann sind wir darauf Schlitten gefahren.

Die Kriegs- und Nachkriegsjahre waren doch aber eine harte Zeit?

Enders: Ich hatte trotzdem eine schöne Kindheit. Mein Vater war Molkereiverwalter, und wir hatten immer Milch und Sahne im Haus. Vor einigen Jahren hat ein Arzt zu mir gesagt: „Ihre Knochendichte ist wunderbar.“ Ich habe mir auch noch nie etwas gebrochen (Sie klopft dreimal mit den Fingerknöcheln auf die Sessellehne): Toi, toi, toi.

Hat Ihr Vater lange in der Molkerei gearbeitet?

Enders: Nein, er bekam früh Gelenk-Rheuma. Wegen der Kälte und Feuchtigkeit. Später haben wir dann in der Glockengießerstraße ein kleines Lebensmittelgeschäft gehabt, 30 Jahre lang. Mit Milch, Zucker, Butter und allem. Zum Abendbrot haben wir gegessen, was übrig geblieben ist, was angestoßen war. Tomaten mit Stellen und so.

Ein vergleichsweise gutes Leben?

Enders: Ja, ich denke schon. Aber wir haben damals auch viel rechnen müssen. Es gab viele Arbeitslose, die um Hilfe baten und gern bei uns anschreiben lassen wollten. Und die Bunker waren voll mit Flüchtlingen. Meine Mutter hieß Kindt mit Nachnamen und die Leute haben immer gesagt: „Komm, wir gehen zu Mutti Kindt, vielleicht hat sie noch etwas zu essen übrig.“ Oft saßen Menschen bei uns im Flur und haben einen Teller Suppe bekommen, oder wir haben Familien auf unserem Dachboden schlafen lassen.

Und wie ging es Ihnen selbst?

Enders:  Meine Mutter hat immer hart gearbeitet, um meinen Vater, meinen Bruder und mich irgendwie über Wasser zu halten. In unserem Altstadthaus hatten wir einen Kohleofen im Wohnzimmer, einen Brunnen im Hof und ein Plumpsklosett. So war das damals.

Und die Kleidung?

Enders: Ich habe mir aus einer alten roten Fahne einen Rock genäht und aus Borten eine Weste. Schuhe hatten wir ein Paar für den Winter, im Sommer haben wir die Sohlen rausgenommen und sie mit Bändern unter die Füßen gebunden. Ich sage heute noch: „Not macht erfinderisch, und Sattsein macht träge.“

Konnten Sie die Schule besuchen?

Enders: Ich ging in die Marienschule. Mädchen und Jungen wurden getrennt unterrichtet, es war sehr streng. Die Lehrerin hatte ein Zentimetermaß aus Holz, und wer unruhig war, bekam was auf die Finger. Ich – glaube ich – nie. Später ging ich auf die Gemeinschaftsschule am Dom, die war sehr schön. Ich habe sogar Englisch und Französisch gelernt, und da habe ich auch meine Jugendliebe kennengelernt. Später habe ich einen anderen geheiratet, meinen Mann, aber diese erste Freundschaft hat ein Leben lang gehalten. Früher war das ja sowieso anders, nicht gleich mit ins Bett gehen, wie heute. Das gab es nicht. Freundschaft, Treue, Verlässlichkeit, das waren die Werte.

Und was haben Sie nach der Schule gemacht?

Enders:   Ich wollte gern Modezeichnerin werden, habe auch bei Anny Friede in der Schneiderei gearbeitet. Aber Arbeit gab es nur für technische Zeichner, ich habe dann in einem Konstruktionsbüro gearbeitet. Dort habe ich auch meinen Mann kennengelernt. Der war Ingenieur und Konstrukteur und hat mich gleich am ersten Tag gefragt, ob ich seine Frau werden will. Wir haben im Krieg geheiratet, und dann bin ich schwanger geworden. Mein Mann wollte ja eigentlich erst ein Auto . . . (Sie lacht – dann wird sie still). Leider habe ich das Kind bei der Geburt verloren. Es war ein Junge. Ich bin nie wieder schwanger geworden. Aber heute schmerzt es nicht mehr so. Wenn man ein Kind verliert, muss man damit leben. Was soll man machen?

Fühlen Sie sich im Alter einsam?

Enders:  Oh nein! Ich habe viele Freunde und liebe Menschen um mich. Und meine Nichte ist für mich alles: eine Tochter und beste Freundin. Sie sagt immer „geliebte Gretel“ zu mir. Mir ist auch nicht langweilig. Hier ist jetzt mein Zuhause. Manchmal fahre ich mit dem Taxi in die Stadt. Dann gehe ich auch in die Glockengießerstraße zu meinen Elternhaus.

Wenn Sie zurückdenken, worauf kommt es im Leben an?

Enders: Das Leben ist kein Zuckerschlecken. Aber man muss aus allem das Beste machen können und Fantasie haben. Wir sind nicht auf der Welt, um es toll zu haben. Wenn man etwas möchte, muss man es sich verdienen.

Wünsche für die Zukunft?

Enders: Ich habe doch alles.

LN

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