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Lübeck Spannender als das Kanzler-Duell
Lokales Lübeck Spannender als das Kanzler-Duell
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11:55 12.10.2017
Die Kandidaten auf der Bühne des Hanse-Museums.  Quelle: Olaf Malzahn
Lübeck

Die zweistündige Leserkonferenz, die von den LN-Redakteuren Gerald Goetsch, Lars Fetköter und Josephine von Zastrow moderiert wurde, machte klar, wohin die Stadt in den nächsten Jahren unter neuer Führung steuert. Vier von fünf Bewerbern wollen die Verkehrsberuhigung der Altstadt entweder besser durchsetzen oder sogar verschärfen. Joachim Heising (parteilos): „Ich will Teilbereiche der Innenstadt zu Fußgängerzonen erklären und verstärkt Poller einsetzen.“ Detlev Stolzenberg (parteilos) will als erstes die öffentlichen Parkplätze in der Beckergrube abschaffen: „Zu viele Autofahrer sind auf der Suche nach einem Stellplatz in der Beckergrube, der Großen Burgstraße und der Mühlenstraße unterwegs.“ Das lehnt Thomas Misch (Freie Wähler) ab, weil er sich Sorgen um den Einzelhandel macht. Auch Kathrin Weiher (parteilos) will, dass die Altstadt mit dem Auto erreichbar bleibt, fordert aber, dass keine großen Busse mehr hindurchrollen: „Die großen Busse parken am Radbruch-Platz, kleine fahren in die Innenstadt.“ Jan Lindenau (SPD) setzt auf eine Lösung durch den ganz großen Dialog mit allen Interessengruppen.

Egal, wer von den Fünfen – der sechste Kandidat Ali Alam fehlte aus persönlichen Gründen – das Ruder übernimmt, für Radfahrer brechen paradiesische Zeiten an. Stolzenberg will die Investitionen für Radwege vervierfachen und strebt an, dass 28 Prozent aller Wege mit dem Rad erledigt werden. Weiher würde zwei neue Radschnellwege bauen lassen – entlang der Ratzeburger Allee und von Travemünde in die Innenstadt. Heising will den Radlern in den ausgeweiteten Fußgängerzonen Platz verschaffen. Misch ist für einen maßvollen Radwegeausbau, und Lindenau würde als erstes das Fahrrad-Parkhaus am Bahnhof anpacken. Alle fünf Kandidaten wollen zudem, dass Lübeck so schnell wie möglich in den Hamburger Verkehrsverbund (HVV) aufgenommen wird.
Hoch her ging es im Hansemuseum, als der Moislinger Joachim Anwald nach der Wiedereröffnung des Stadtteilbüros fragte. „Das ist ein ganz heißes Eisen“, sagte Heising, der auf einen mobilen Bürgerkoffer setzt. Stolzenberg sagte, den Bürgern seien lange Wege nicht zumutbar, und er plädierte für einen Bürgerservice à la Mannheim – örtliche Bürgerbüros, die 40 Stunden in der Woche geöffnet sind. Misch sprach sich gegen weitere digitale Versuche aus und für die Wiedereröffnung der Stadtteilbüros. Lindenau will die alten Büros sofort wieder aufmachen und langfristig fünf Stadtteilhäuser einsetzen. Eine schwere Position hatte Weiher, die auf moderne Serviceangebote setzt: „Ich gebe Ihnen Brief und Siegel, dass der Kieler Innenminister uns die Kosten für die Wiedereröffnung aus dem Haushalt streicht.“ Stolzenberg ging Lindenau an: „Ich glaube nicht, dass Lindenau und die SPD die Anlaufstellen wieder eröffnen.“ Lindenau bekannte sich zu einer Fehlentscheidung vor vier Jahren und erlaubte sich einen Seitenhieb gegen Weiher. Die habe verhindert, dass in Kücknitz sofort wieder eine Anlaufstelle geschaffen werde könne, weil sie die Räume mit ihrem Pflegekinderdienst besetzt hat.

Klare Positionen auch bei der umstrittenen, weil zwei Millionen Euro teuren Bewerbung um die Kulturhauptstadt 2025: Heising und Weiher sind dafür, Misch, Stolzenberg und Lindenau dagegen. Die von gleich sieben Lesern eingereichte Frage, ob die vor Jahren geschlossene Völkerkundesammlung wieder ein eigenständiges Museum bekommen solle, bejahten vier Bewerber – nur Weiher ist dagegen.

Kampf um den Chefsessel im Rathaus: Fünf Männer und eine Frau wollen Lübecks neuer Bürgermeister werden. Neu hinzugekommen ist der bisher unbekannte Kandidat Joachim Heising (parteilos). Am Freitag muss der Gemeindewahlausschuss die Bewerber bestätigen.

Autofahrer stehen in Lübeck ständig im Stau, was tun die Kandidaten dagegen, wollte Benjamin Brandt wissen. Am konkretesten antworteten Stolzenberg und Heising. Der parteilose Stadtplaner Stolzenberg fordert einen Zweischichtbetrieb an sieben Tagen in der Woche an der Possehlbrücke. Der Finanzmakler Heising: „Angebote von Firmen annehmen, die die Brücke zügig fertigstellen, auch wenn es etwas kostet.“ Lindenau setzt darauf, dass ein HVV-Beitritt 7000 Pendler von den Straßen zieht. Weiher plädierte für einen einheitlichen Busfahrpreis, der auch für Travemünde und Moisling attraktiv ist.

Und warum gab es am Ende Buh-Rufe? Weil Weiher sich mit ihrem imposanten Lebenslauf als kompetenteste Bewerberin bezeichnete („Nur weil ich blond und Frau bin, dürfen Sie mich nicht unterschätzen“), und Lindenau sich gegen Buh-Rufe aussprach. Dafür wurde er dann ausgebuht.

Kai Dordowsky

Informieren Sie sich hier über alle Kandidaten, Termine und Ergebnisse der Bürgermeisterwahl

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