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Die Frau der ersten Stunde

Lübeck Die Frau der ersten Stunde

Seit 20 Jahren gibt es die Lübecker Tafel — Inge Schade hilft von Anfang an ehrenamtlich mit.

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Konzentriert bei der Arbeit: Inge Schade sortiert, bevor die Kunden kommen, das Fleisch in unterschiedliche Kisten. An Schweinefleisch mangelt es nicht, anderes ist eher rar.

Quelle: Fotos: Wolfgang Maxwitat

St. Gertrud. Es ist kalt in den Räumen der Alten Wäscherei am Kolberger Platz. Inge Schade hat sich gewappnet, obwohl sie kaum stillsteht: Strumpfhose unter der langen Hose, dicke Schuhe, Weste überm Pullover und Schal. Seit 8 Uhr ist sie in der Ausgabestelle „Innenstadt“, es wird aufgebaut und eingeräumt, zwischendurch gibt es für die 77-Jährige ein schnelles Frühstück mit ihren Kolleginnen und Kollegen von der Lübecker Tafel, inklusive Aufräumen kann der Arbeitstag bis 14.30 Uhr gehen. Doch jetzt wird erst einmal weiter Ware in die grünen Kisten sortiert, die auf großen Tischen vor den Ehrenamtlern stehen. Inge Schade ist fürs Fleisch zuständig — meist jedenfalls, „denn bei uns ist sich keiner zu fein, jeder macht, wenn‘s sein muss, alles“, sagt sie, während sie Schweinefleisch in eine Kiste, Geflügel, Rind und Vegetarisches in eine andere Kiste sortiert.

Vor der Tür und im Wartebereich stehen die ersten Kunden an, obwohl die Ausgabe erst um 11.30 Uhr — also in einer Stunde — beginnt. Viele Flüchtlinge sind unter den Wartenden, „sie machen inzwischen ungefähr 50 Prozent unserer Kunden aus“, sagt die Helferin. Als die Tafel vor 20 Jahren gegründet wurde, sei das anders gewesen, weiß Schade.

Sie hatte sich damals, nachdem sie nach 37 Jahren in Hessen nach Lübeck zurückgekehrt war, dem neuen Verein angeschlossen. „Um Kontakte zu bekommen und etwas im sozialen Bereich zu tun“, erklärt die Frau der ersten Stunde ihr Engagement.

Im Januar 1996, als 19 Mitglieder unter Leitung des St. Aegidien-Pastors Frank Lotichius die Tafel aus der Taufe hoben, „sind wir anfangs mit unseren Privatautos durch die Gegend gefahren, erst im Oktober bekamen wir dann einen Verteiltag im Andreas-Wilms-Haus.“ Damals seien vor allem Ost- und Südosteuropäer und Türken zur Ausgabe gekommen sowie viele ältere Menschen, erinnert sich die 77-Jährige — und insgesamt deutlich weniger Kunden als heute.

Während sie spricht, knetet Inge Schade immer wieder ihre Hände — es wird langsam doch ein bisschen kalt in der ungeheizten Ausgabestelle. Doch dann ist wieder Aktion angesagt: Neue Ware kommt an, Helfer schleppen die Kisten, verteilen den Inhalt an die verschiedenen Stände. An Schweinefleisch mangelt es Inge Schade nicht: Leberkäs, Würstchen, Aufschnitt und Frikadellen stapeln sich. Die Kiste mit den vegetarischen Sachen, Rindfleisch und Geflügel ist deutlich spärlicher bestückt. Ein Problem, denn viele der Tafel-Kunden sind Moslems, die kein Schweinefleisch essen. Gerade einmal zwei Packungen frisches Hähnchen- und Putenbrustfilet sind dabei. „Das kann ich keiner Einzelperson geben, denn dann habe ich später nichts mehr für Familien“, erklärt sie das Dilemma. Ersatzweise gibt es Eier — wenn denn ausreichend da sind. Ein Flüchtling bleibt vor der Kiste mit Schweinefleisch stehen und schaut Inge Schade fragend an. „Nein“, sagt sie, zückt einen bunten A4-Zettel, auf den Symbole gedruckt sind und tippt auf das durchgestrichene Schwein. „Eigentlich müsste man größere Tafeln haben mit allen Lebensmitteln drauf.“ Denn längst nicht alle Tafel-Mitarbeiter und nur wenige Flüchtlinge können Englisch. Gut, dass es für Notfälle den syrischen Flüchtling Tarek Matar (32) gibt, denn der spricht neben Arabisch auch Englisch und kann zwischen dem Kistenauspacken dolmetschen.

Seit zwei Monaten arbeitet er ehrenamtlich bei der Tafel. „I like to help people“ („Ich möchte Menschen helfen“), sagt er.

Das ist auch der Beweggrund für Inge Schade. 20 Jahre Kisten schleppen, Waren sortieren und an Bedürftige ausgeben — da könnte man doch irgendwann die Nase voll haben von der Sache. „Klar“, sagt sie, „kleine Durchhänger gibt es immer mal wieder, aber meine Schmerzgrenze ist wirklich hoch. Verlässlichkeit ist wichtig. Wenn ich was mache, dann richtig!“ Trotz ihrer 77 Jahre. „Ich mache es, solange es geht“, hat sie sich vorgenommen. Außerdem sei es ja nicht nur Arbeit, sondern auch viel Freude, „denn wir sind eine gute Gemeinschaft.“

Eine Frau mittleren Alters, die einen großen „Hackenporsche“ hinter sich herzieht, kommt zum Fleischstand und lässt sich von Inge Schade Würstchen geben. Es ist ihr letzter Einkauf bei der Tafel, denn wie sie freudestrahlend erzählt, hat sie endlich Arbeit bekommen. Das sind die Momente, in denen der Helferin das Herz aufgeht.

Ausgabestellen
Travemünde: Gemeindehaus St. Lorenz, Teutendorfer Weg 10h, montags 15 Uhr, Kücknitz: Gemeindehaus St. Joseph, Josephstraße 15a, montags 14 Uhr, Innenstadt (St. Lorenz Süd): Kolberger Platz 1, dienstags 12.30 Uhr, mittwochs 11.30 Uhr, Neuanmeldungen jeweils eine Stunde früher, Eichholz: Ansverushaus, Mercatorweg 1, mittwochs 14 Uhr, Moisling: Andersenring 55-57, freitags 14 Uhr, Buntekuh: Bugenhagen-Gemeinde, Karavellenstraße 8, freitags 13 Uhr, Mittagstisch der „Tafelrunde“: Friedenskirche, Täuferstraße 2, donnerstags 12 Uhr.
Kein Grund zum Feiern
Im Büro der Tafel sitzen sie zusammen und halten Rückschau auf die vergangenen 20 Jahre: Vorsitzende Margot Bartsch (69), ihr Stellvertreter Bernd Wienicke (67) und Sybille Bogus-Dose (66), Leiterin der Ausgabestelle am Kolberger Platz. Nein, ihnen sei nicht danach zumute, den 20. Geburtstag ihrer Einrichtung zu feiern.
„Jede Firma würde sich freuen, wenn sie derartig expandiert“, sagt Sybille Bogus-Dose, „aber wir wissen nicht, ob wir uns freuen sollen — ungeheuerlich, wie die Armut zugenommen hat.“ Vor 20 Jahren waren es 20 aktive Helfer, die mit Privatautos Waren verteilten, heute sind es 220 Ehrenamtliche und fünf Tafel-eigene Fahrzeuge.
Ganz wichtig für die Tafel- Mitglieder ist die Ausgabestelle Kolberger Platz. Sie ist der Ersatz für die Innenstadt. Die dortige Stelle musste wegen Schimmelbefalls geschlossen werden, etwas Neues in der City fand die Tafel nicht. Seit Mai 2015 vermietet die „Trave“ nun die Räume der Alten Wäscherei an die Tafel. „Ohne den Kolberger Platz wären wir aufgeschmissen“, sagt Wienicke, und auch Margot Bartsch wäre froh, „wenn wir die Räume behalten könnten, denn dann würden wir gleich einen dritten Wochentag öffnen.“
Die Chancen auf eine Vertragsverlängerung sind nicht die besten. Zum einen sei die Nutzung durch die Tafel bauordnungsrechtlich befristet, zum anderen wolle man sich die Option offenhalten, in der Alten Wäscherei einen Nachbarschaftstreff für das Neubaugebiet Stettiner Straße einzurichten, so „Trave“- Chef Matthias Rasch. sr

Sabine Risch

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