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Lübeck St. Matthäi verliert sein Herz
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21:13 20.01.2017
Pastor Johannes Ströh hat fast 36 Jahre lang in St. Matthäi an der Schwartauer Allee gepredigt. Jetzt geht er in den Ruhestand. FOTOS (2): CHRISTINE RUDOLF
St. Lorenz Nord

Sie liegt an einer der Hauptverkehrsadern in der Hansestadt, St. Matthäi. Wohl hunderte Autos fahren tagtäglich an dem denkmalgeschützten, neugotischen Kirchengebäude in der Schwartauer Allee vorbei. „Und viele stehen hier an der Ampel oder im Stau, so dass unsere Info- Transparente, die von Zeit zu Zeit an der Fassade auf Veranstaltungen hinweisen, in der Wartezeit gelesen werden können“, freut sich Pastor Johannes Ströh über die Lage „zwischen den Verkehrsströmen“.

Nach fast 36 Jahren im Amt wird Pastor Johannes Ströh am 5. Februar um 15 Uhr verabschiedet.

Dass es vor der Tür seines Pastorats, das direkt neben der Kirche liegt, entsprechend lauter zugeht, stört ihn schon lange nicht mehr. Denn der 65-jährige Theologe ist seit seinem Vikariat, also seit mittlerweile fast 36 Jahren, hier im Amt. „Jetzt ziehen wir vor die Tore der Stadt direkt ans Meer und haben den weiten Horizont vor uns. Mal sehen, wie uns der Kontrast gefallen wird“, merkt er an, „da meine Frau und ich aber die Weite und die See lieben, mache ich mir eigentlich keine Sorgen.“

Als kompletter Abschied von der Kanzel und dem kirchlichen Einsatz ist dieser Schritt aber keinesfalls zu werten; zu viel Berufung für das Amt und den christlichen Dienst schwingen in seinen Worten mit. „Ich gebe mir ein halbes Jahr Auszeit, um mich in den sechs Monaten vor allem um meine Familie und die inzwischen fünf Enkelkinder zu kümmern“, steht für den vierfachen Vater fest.

Dass es mit „seiner“ Kirche nicht zum Besten bestellt ist, weiß er selbst am besten. Als er in St. Lorenz Nord als Pastor anfing, gehörten zu seiner Gemeinde rund 7000 Mitglieder; jetzt sind es noch knapp 3000. „Das ist aber ein Mitgliederschwund im normalen Bereich“, kommentiert er. Doch Resignation kennt er nicht; dafür war und ist seine Mission viel zu stark – „wir wollen Menschen zum Glauben einladen und zur persönlichen Beziehung mit Christus anregen.“ Dass man dabei aber nicht starr verharren darf, ist ihm klar. „Denn gerade, wenn man so lange wie ich in einer Gemeinde ist, muss man sich immer wieder ein Stück neu erfinden“, betont der gebürtige Kieler.

Dies war auch unbedingt notwendig, weil sich in seinem Stadtteil die gesellschaftliche Struktur über die Jahrzehnte extrem verändert hat. „Ursprünglich war das hier eine klassische Arbeitergegend, und auffällig ist jetzt, dass wir heute zirka 50 Prozent Singles haben“, analysiert er. Entsprechend hat er zusammen mit seinem ehrenamtlichen Team, das mit der Zeit immer größer wurde, auch unkonventionelle Formate konzipiert, um sich mit dem Glauben auseinanderzusetzen.

Das Paradebeispiel dafür ist der „08/16-Gottesdienst“, der schon seit 1998 an drei bis vier Sonntagvormittagen im Jahr stattfindet und zu denen sich dann statt der üblichen 100 Kirchgänger im Schnitt bis zu 300 versammeln. „Das ,Herzlich willkommen’ steht dabei stets im Vordergrund; man benötigt auch keine Vorkenntnisse über die Gottesdienst-Liturgie“, führt er aus. Und im Anschluss bestehe in entspannter Atmosphäre jeweils die Möglichkeit, über das Gehörte ins Gespräch zu kommen und den Vormittag bei einem Imbiss ausklingen zu lassen. Auch Band-Gottesdienste primär für Jugendliche hat er in St. Matthäi etabliert.

Wichtig ist Johannes Ströh, der über viele Jahre „pröpstlicher Abwesenheitsvertreter“ im Kirchenkreis war, aber die Feststellung, dass seine Gemeinde trotz neuer Formate stets ihre pietistische Prägung als Profil mit Bibel- und Seelsorgekreisen beibehalten hat. „Möglicherweise sind wir deswegen in Lübeck neben der Dom-Gemeinde die größte Personalgemeinde. Wir haben über 250 Mitglieder, die zu uns gehören, obwohl sie hier nicht wohnen“, erklärt der Pastor. Und mit über 200 Ehrenamtlern verfügt er über ein beträchtliches Helfer-Team.

Im Rückblick bewege ihn deshalb tiefe Dankbarkeit – auch gegenüber seiner Ehefrau, die sich viel in die Gemeindearbeit eingebracht und ihm ganz häufig den Rücken freigehalten habe. „Auch, dass wir dank finanzieller Unterstützung einige Bauprojekte in der Zeit umsetzen konnten“, blickt er zurück. Dass der Glauben direkt mit unserem Leben zu tun hat, sieht er auch in Zukunft als seine wichtigste Botschaft an.

Der „andere“ Gottesdienst

Die „08/16-Gottesdienste“ in St. Matthäi wollen einladen zu einem neuen Nachdenken über die scheinbar so verstaubte Welt des christlichen Glaubens. Der Name „08/16“ – im Gegensatz zu „08/15“ – leitet sich von dem Gedanken ab, dass der angebotene Gottesdienst in gestalterischer Hinsicht „anders“ ist als bekannte Gottesdienstformen. Moderne Lieder, peppige Rhythmen und ansprechende Moderation gehören dazu. Eine Bühne, aufgespannte Segel und eine ansprechende Ausleuchtung setzen im Altarraum besondere Akzente. Die Termine 2017: 12. März, 11. Juni, 12. November, jeweils 11 Uhr.

Michael Hollinde

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