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Lübeck St. Petri im Jahr 1988: Das Gotteshaus wird zur Kulturkirche
Lokales Lübeck St. Petri im Jahr 1988: Das Gotteshaus wird zur Kulturkirche
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18:36 25.11.2013
Von Michael Hollinde
Die Reihe „Petrivisionen“ gehört zu den beliebtesten Veranstaltungsformaten in der Kulturkirche. Sie bezieht den ganzen Kirchenraum mit ein.
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Lübeck

Er hat sehr viel zu erzählen, Klaus Meisel, der Alt-Küster von St. Petri. „Nicht Küster — ich war Kirchenvogt“, korrigiert er gleich, „der kommt gleich nach dem Pastor, Kirchenvogt vom 1. April 1988 bis zum 8. Oktober 2002.“ Und das Datum seines Berufsstartes hat nicht nur für den heute 75-Jährigen ein hohes Gewicht, sondern ist auch für St. Petri extrem bedeutsam.

Denn am 1. April 1988 — gut ein halbes Jahr nach der kompletten Wiederherstellung des Bauwerks — startete Petri auch inhaltlich in eine neue Ära. Da begann unter der Leitung von Propst Niels Hasselmann und Pastor Günter Harig ein bundesweit einzigartiges, ein wegweisendes Projekt. Seitdem trägt St. Petri nämlich das Etikett „Kulturkirche — eine Kirche ohne Gemeinde, offen für die ganze Stadt, den Themen und Fragen aus Kultur und Gesellschaft zugetan“, wie es der derzeitige Hausherr Pastor Bernd Schwarze formuliert.

Und diesem speziellen Konzept „seiner“ Kirche hat Klaus Meisel viele Erlebnisse zu verdanken, die wohl nur wenigen Kirchendienern vergönnt sind. „Also, zum Beispiel“, beginnt eine seiner unzähligen Geschichten, „war mal Schauspieler Heinz Rühmann bei uns zu einer Weihnachtslesung eingeladen. Diese kleine, zerbrechliche Gestalt war so erkältet und heiser, dass ich ihm erstmal aus dem Stadttheater schnell einen großen Ohrensessel mit Decken und Heizlüfter besorgt habe. So hat er das dann überstanden.“

Meisel weiß auch davon zu berichten, wie er die CDU-Größe Wolfgang Schäuble im Rollstuhl durch Petri geschoben hat, oder wie ihm mal Ex-Bundespräsident Richard von Weizsäcker anerkennend auf die Schulter geklopft hat. Der pensionierte Kirchenvogt und gebürtige Kücknitzer, der vor seinem Petri-Amt 30 Jahre lang Kranführer bei der Metallhütte in Herrenwyk war, bekennt ebenfalls, dass er sich von zahlreichen Ausstellungs-Künstlern erstmal den Sinn der Exponate erklären ließ.

„Wissen Sie, wenn in drei Metern Höhe direkt nebeneinander zwei Video-Monitore unter dem Motto ,Dialog von Vater und Sohn‘ aufgehängt werden sollen, irritiert das doch, oder?“ Dass er mit seinen Fragen auch vielen Besuchern aus der Seele gesprochen habe, sei ihm anschließend häufig klar geworden. „Denn die Besucher haben mich dann wieder gefragt, wenn sie mich mal zu fassen kriegten, und ich konnte es dann erklären.“ Dann erzählt er von der Ausstellung mit den 25 000 Rosen, für die er Blumenrabatten mit Torf im ganzen Kirchenschiff befüllen musste — „dabei war der Fußboden doch unser Heiligtum“. Oder von der Installation mit tausenden Papierkugeln — „da habe ich zu Björn Engholm gesagt, wir sind doch keine Müllkippe.“ Oder von den zwölf Kubikmetern Sand, die es mal zu verteilen galt. Und so weiter.

Bei all den Schilderungen des Mannes, dessen Markenzeichen der graue Kittel war, wird eins deutlich — „Petri ist nach wie vor auch ein Experimentierfeld“, wie es Pastor Schwarze zusammenfasst, der von einem 14-köpfigen Kuratorium beraten wird. Damit wird das Konzept, das vor 25 Jahren unter dem damaligen Hausherrn Pastor Günter Harig begonnen wurde, fortgeführt. „Wir wollten Petri nicht verweltlichen, aber mit der Lust an der Modernität versuchen, das Alte mit dem Neuen zu verbinden“, sagt der heute 73-jährige Harig, der 18 Jahre lang bis 2005 an der Spitze von St. Petri stand. „Die Menschen werden heute unterfordert. In St. Petri werden sie gern überfordert.“

Der frühere Propst Niels Hasselmann erinnert sich an den Neuanfang: „Wir konnten die Tradition außer Acht lassen und hatten die einmalige Chance, etwas Neues zu schaffen.“ Letztendlich habe man das inhaltliche Konzept auf vier Beine gestellt — Konzerte, Kunstausstellungen, Wortbeiträge wie Lesungen und Podiumsdiskussionen, sowie ureigenste kirchliche Handlungen wie Gottesdienste, Taufen und Trauungen. Schließlich ist St. Petri nie entwidmet worden.

Noch heute würden Jahr für Jahr Delegationen aus anderen Gemeinden zu Besuch kommen, um sich das „Modell Petri“ erläutern zu lassen, erklärt Bernd Schwarze. Dass man zusätzlich zur Kulturkirche im Jahr 2004 noch Uni- und Hochschulkirche geworden sei, erweitere das Spektrum der Formate erneut. „Und mit 150 000 Petri-Besuchern sowie 70 Veranstaltungen an 90 Veranstaltungstagen in 2012 ist das Modell immer noch erfolgreich“, so seine Bilanz. Petri sei eben Petri, sagt der Theologe und guckt dabei versonnen in den riesigen lichten und festlichen Kirchenraum mit den 20 hohen weißen Säulen unter dem Gewölbehimmel.

Am Sonntag lesen Sie: Wasser und Frost setzen St. Petri erheblich zu

Hilfe für St. Petri
Die Spendenaktion „Sieben Türme sollst Du sehen“ hat schon St. Marien und St. Jakobi gerettet. Jetzt werden zur dringend erforderlichen Instandsetzung der Kulturkirche St. Petri rund 2,8 Millionen Euro benötigt — eine Summe, die St. Petri und der Kirchenkreis nicht allein stemmen können. Die evangelische Kirche in Lübeck hofft daher auf viele Unterstützer. Am Ostermontag soll nun der Neuauftakt der Kampagne gefeiert werden; zudem wird der 25. Geburtstag der Kunst- und Kulturkirche begangen.


Die Spenden-Gala beginnt Ostermontag, 1. April, in St. Petri um 19 Uhr (Einlass 18 Uhr) und ist als buntes Fest mit Musik und Wort und vielen Überraschungen geplant. Es werden an die 100 Wort-, Musik- und Kunstgrößen beteiligt sein. Als Vorsitzende des Petri- Kuratoriums begrüßt Pröpstin Petra Kallies die Gäste, und Pastor Bernd Schwarze führt durch das Programm.

Bereits ab 17 Uhr besteht die Chance, sich im Außenbereich der Kirche über die künftigen Sanierungsmaßnahmen zu informieren. Ab 18 Uhr ist die Turmauffahrt frei für alle, und es werden Gewölbeführungen angeboten.

Das St. Petri-Café lädt zu Getränken und hausgemachten Speisen ein. Im Eingangsbereich gibt es Info-Tische und Souvenir-Verkauf. Zudem ist ein LN-Foto-Shooting geplant, Motto ab 18.30 Uhr „Wir helfen Petri!“. Karten für 25 Euro (Schüler, Studenten frei) gibt es im LN-Pressehaus, bei Hugendubel, im Pressezentrum, im Turmshop und an der Abendkasse. Der Erlös geht an „Sieben Türme sollst Du sehen“.

„Menschen werden heute unterfordert. In Petri werden sie gern überfordert.“
Ex-Pastor Günter Harig

Michael Hollinde

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