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Lübeck St. Petri wird auf die Fugen geschaut
Lokales Lübeck St. Petri wird auf die Fugen geschaut
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12:15 10.12.2013
Bauhistoriker Holger Reimers (r.) und Mitarbeiter Jens Kotte (30) analysieren das Mauerwerk. Quelle: Fotos: Hellerling
Lübeck

Holger Reimers und Frank Schlütter lesen in den Fugen und Backsteinen von St. Petri wie in einem offenen Buch. Den weißen Mörtel identifizieren sie als eine mittelalterliche Mischung aus Gips und Kalk, die glatteren sowie graueren Versionen sind Zement. „Wir haben hier mehrere Mauerwerksgenerationen“, sagt Bau- und Kunsthistoriker Reimers. Gleiches gilt für die Steine: je dunkler, umso älter.

Einige von ihnen datieren zurück aus dem Jahr 1469, als hier noch die Marientidenkapelle stand. Die unzähligen Reparaturen in den späteren Jahrhunderten hätten an der Fassade von St. Petri „ein buntes Bild“ entstehen lassen.

Zusammen mit Mineraloge Schlütter nehmen Reimers und sein Team derzeit das Gebiet rund um den Kirchenturm unter die Lupe. Die Mauern dort bröckeln nämlich an vielen Stellen, durch die offenen Fugen dringt Wasser ein. Die Sanierung wird nach Angaben des evangelischen Kirchenkreises Lübeck-Lauenburg voraussichtlich 2,8 Millionen Euro kosten. Geld, das aus eigener Kraft nicht aufgebracht werden kann (die LN berichteten). Deshalb werden Spenden vom Bauverein St. Petri gesammelt, nach aktuellem Stand beträgt die Summe knapp 475 000 Euro. Die Arbeiten sollen kommendes Jahr beginnen.

Nun ist es der Job von Reimers und Schlütter, die Beschaffenheit des Mauerwerks zu sondieren. So sollen für die Reparatur zum Beispiel die besten Mörtel-Varianten genutzt werden. „Jeder Mensch geht zum Arzt, wenn er einen Ausschlag hat“, erklärt Mineraloge Schlütter seine Arbeit anhand einer Metapher. „So ähnlich ist es hier auch.“ Zuerst müsse verstanden werden, was die Probleme seien. Und ein ebenso wichtiger Grundsatz: „Was noch intakt ist, wird von uns nicht angefasst“, sagt der 56-jährige Reimers. Bei der anstehenden Sanierung werden nur kaputte Bereiche repariert.

Mehrere Wochen ist das Team seither dabei, annähernd jeden Stein und jede Fuge zu kartieren. Im Vorfeld war St. Petri dafür mit einer fliegenden Kamera abfotografiert worden. Die einzelnen Abschnitte sind mit Hilfe kleiner Zahlenaufkleber auf den Steinen beschriftet. Nun sitzt Jens Kotte, Mitarbeiter in Reimers Crew vor der Westseite und vergleicht Fotografie mit Original. „Ich markiere auf dem Bild die Bereiche, die mit alten und neuen Steinen versehen sind“, sagt der 30-Jährige. „Abends habe ich einen steifen Nacken.“ So entsteht aber am Ende ein bauliches Gesamtbild der Kirche.

Mineraloge Frank Schlütter analysiert in mehreren Metern Höhe zum Beispiel ein großes gotisches Fenster. Die Klinge seines Taschenmessers kann er an manchen Stellen ohne Probleme zwischen Backstein und Mörtel weit ins Mauerwerk stecken. Durch solche sogenannten Flankenabrisse dringe Wasser ins Gemäuer ein und wasche es aus. „Vom Boden sieht alles noch gut aus, von hier oben sind nicht selten größere Ausmaße zu erkennen“, sagt der 55-Jährige. Mit kleinen Bohrungen entnimmt Schlütter zentimeterlange Proben und analysiert sie später im Labor. So erhält er auch Aufschluss über Feuchtigkeits- und Salzgehalt.

Bauhistoriker Holger Reimers schätzt, dass seine Truppe noch vier bis sechs Wochen vor Ort ist. „Es ist das erste Mal, dass wir uns in der Form mit St. Petri befassen“, sagt der 56-Jährige. Wenn die direkten Arbeiten an der Kirche abgeschlossen sind, beginnt das Auswerten und Erstellen des Berichts. Der beste Fugenkitt scheint wohl schon gefunden: Hochbrandmörtel nach mittelalterlicher Machart.

Viele Bereiche, in denen an St. Petri damit gearbeitet wurde, sind noch heute gut in Schuss.

Die Kirche

1170 wird die Petrikirche zusammen mit St. Marien erstmals erwähnt. 50 Jahre später entstand der erste Backsteinbau — eine kleine dreischiffige romanische Hallenkirche. Ein Jahrhundert später baute man sie zu einer größeren gotischen Halle um. Im Zweiten Weltkrieg wurde St. Petri stark beschädigt, erst 1987 konnte sie erneut geweiht werden.
Spenden für St. Petri können die Lübecker im Rahmen der Aktion „Sieben Türme sollst Du sehen“. Neben dem Spendenkonto können Silber-Sondermünzen erworben werden, Infos unter Telefon 04 51/149 23 42. Bronze-Münzen gibt es im Turmshop von St. Petri. Das Spenden ist auch online möglich auf www.sieben-tuerme-luebeck.de.

Peer Hellerling

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