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Lübeck Startschuss für die Jugendberufsagentur
Lokales Lübeck Startschuss für die Jugendberufsagentur
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22:33 12.04.2017
Die Partner: Markus Dusch (v. l.), Kathrin Weiher, Sven Schindler, Maik Abshagen, Jörn Krüger, Helge Daugs, Thomas Schmittinger und Joachim Tag.

Eine hochrangige Runde traf sich vor wenigen Tagen in den Räumen der Arbeitsagentur. Die Senatoren Kathrin Weiher (parteilos) und Sven Schindler (SPD), die Geschäftsführer von Arbeitsagentur und Jobcenter, Markus Dusch und Joachim Tag, Schulrat Helge Daugs, sowie die Schulleiter Thomas Schmittinger für die Gymnasien, Maik Abshagen für die Gemeinschaftsschulen mit Oberstufen und Jörn Krüger für die Berufsschulen unterzeichneten ein sechsseitiges Papier, das nicht weniger ist als der Startschuss für eine Jugendberufsagentur (JBA) für Lübeck. Eine Einrichtung, die die Kieler Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) den Lübeckern schon vor einem Jahr bei der Armutskonferenz ans Herz gelegt hatte. Denn beim Übergang von der Schule in den Beruf gehen viele Jugendliche verloren, landen in Hartz IV, werden arbeitslos, tauchen ganz ab. Es gibt zwar zahlreiche Hilfen und Übergangslösungen, aber eben nicht aus einer Hand. Das will Lübeck ändern.

„Wir wollen Jugendliche in optimaler Weise mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln unterstützen“, erklärt Bildungssenatorin Weiher, der es vor allem darum geht, „die Zahl der Schulabbrecher weiter zu reduzieren.“ Gerade erst hat die Landesregierung in ihrem Bildungsbericht festgestellt, dass in Lübeck 9,6 Prozent ohne Abschluss von der Schule abgehen. „Es ist unser gemeinsames Ziel, dass kein junger Mensch ohne Abschluss bleibt“, bestätigt Agentur-Chef Dusch. Und Jobcenter-Geschäftsführer Tag sagt: „Nicht jeder junge Mensch schafft auf geradem Weg den Übergang ins Berufsleben.

Verschiedene Hilfesysteme rücken zusammen, so dass möglichst keiner mehr verloren geht.“

Das sind gar nicht so wenige. Laut Bildungsbericht der Hansestadt gelten 40 Prozent der Bewerber um eine Ausbildungsstelle als Risikogruppe. Sie haben keine Lehrstelle gefunden, landen in Fördermaßnahmen oder ihr Verbleib ist unbekannt. Von 20 Prozent der Schüler ist der weitere berufliche Verlauf unbekannt. 29 Prozent der Lübecker haben keinen Schulabschluss. Ein Drittel aller Studierenden brechen ihr Studium vorzeitig ab. Im vergangenen Jahr waren 838 junge Lübecker zwischen 15 und 25 Jahren arbeitslos gemeldet, aktuell sind es 793. In Kiel, wo die Jugendberufsagentur Anfang März eine Anlaufstelle eröffnet hat, waren 2016 im Durchschnitt 1500 junge Menschen erwerbslos gemeldet – fast 1000 haben keine abgeschlossene Berufsausbildung. Von 120 Langzeitarbeitslosen unter 25 Jahren in Kiel haben über 80 Prozent keine abgeschlossene Berufsausbildung.

Dabei gibt es so viel Hilfe. Die Berufsschulen haben diverse Maßnahmen für junge Leute im Angebot, die Schulabschlüsse nachholen wollen oder noch nicht reif für eine Lehrstelle sind. Arbeitsagentur, Jobcenter, Sozialhilfe, Kinder- und Jugendhilfe sowie Eingliederungshilfe kümmern sich um die unter 25-Jährigen. Nach Angaben der Arbeitsagentur wurden im vergangenen Jahr 741 Jugendliche von Jobcenter und Agentur gefördert – mit berufsvorbereitenden Bildungsgängen, außerbetrieblichen Ausbildungen, assistierter Ausbildung, Einstiegsqualifizierungen, Berufseinstiegsbegleitung oder auch Geld.

Doch das ist nicht nur für die Betroffenen verwirrend, das sind schlicht zu viele Köche. Hamburg hat es vorgemacht, wie man die Hilfen bündelt. Herausgekommen ist die Jugendberufsagentur, in der alle möglichen Helfer und Berater zusammenarbeiten und in der die Jugendlichen nicht mehr von Pontius zu Pilatus geschickt werden. Schleswig-Holstein hat das Modell übernommen und 200000 Euro Anschubfinanzierung bereitgestellt. Sechs Jugendberufsagenturen gibt es bereits – in Kiel, Neumünster, Dithmarschen, Nordfriesland, Pinneberg und Schleswig-Flensburg. Der Kreis Segeberg hat die Einrichtung einer JBA beschlossen und Fördergelder beantragt. In Lübeck wurde die Verwaltung vor 14 Monaten damit beauftragt, ein Konzept für eine JBA vorzulegen.

Das wird jetzt von den beteiligten Partnern im Detail ausgearbeitet. Das fängt beim Umgang mit notorischen Schulschwänzern an und endet mit dem Übergang in den ersten richtigen Job. Die Partner informieren sich über die Fälle. Und für Jugendliche, die nirgendwo aufschlagen, sollen „individuelle Ansprachemodule entwickelt werden“. Geklärt werden muss auch noch, ob es wie in Kiel eine zentrale Anlaufstelle geben soll. Nur eines ist bereits klar: Es entsteht keine neue Behörde.

 Kai Dordowsky

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