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Lübeck Steinmeier fordert mehr Mut von den Volksparteien
Lokales Lübeck Steinmeier fordert mehr Mut von den Volksparteien
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23:00 30.10.2018
„Demokratie ist die Staatsform der Mutigen“: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei seiner Rede in Lübeck. Quelle: Rainer Jensen/dpa
Lübeck

Unsere Demokratie „ist mit keiner Ewigkeitsgarantie versehen“, sagt Frank-Walter Steinmeier. Die wachsende Polarisierung verschaffe Populsten Auftrieb. Dann folgt der Appell des Bundespräsidenten an die Politik vor allem in Berlin: „Ich glaube, es liegt vor allem an den Volksparteien selbst, ob es ihnen gelingen wird, auch im Angesicht von neuen Fliehkräften Gesellschaft zu integrieren, alte Strukturen ganz grundlegend zu öffnen für neue gesellschaftliche Realitäten, und vor allem, ob es ihnen gelingt, auch heute wieder glaubhaft und mitreißend Zukunft zu entwerfen.“ Es gebe also auch für sie, die Parteien, einiges zu „wagen“, sagt Steinmeier mit Bezug auf das Motto von Willy Brandt in dessen Regierungserklärung 1969: „Wir wollen mehr Demokratie wagen.“ (Die vollständige Rede Steinmeiers finden Sie hier.)

Der Lübeck-Besuch Steinmeiers beginnt schon zwei Stunden zuvor. Es ist 15.20 Uhr, als der Bundespräsident in einer dunklen Limousine beim Buddenbrookhaus vorgefahren wird. Fast 30 Minuten früher als erwartet. Ein paar Schaulustige sind da, freundlich winkt ihnen Steinmeier zu, schüttelt Hände. Begrüßt wird er vorm Eingang unter anderen von Kultursenatorin Kathrin Weiher, Hans Wißkirchen als dem Leitenden Direktor der Lübecker Museen und von Birte Lipinski, der Leiterin des Buddenbrookhauses, von dessen geplantem Umbau Wißkirchen berichtet.

Frank-Walter Steinmeier hat am Dienstag in der Lübecker Musik- und Kongresshalle die neunte Willy-Brandt-Rede gehalten. 

Der Rundgang startet im Erdgeschoss in der Ausstellung zur Biografie der Familie Mann. Lipinski erläutert exemplarisch den Weg der Manns von Lübeck in die Welt. Steinmeier hört interessiert zu, stellt Fragen, bereichert das Gespräch mit Ansichten und Fakten. Im Juni erst hat er ja in Los Angeles die ehemalige Villa des Nobelpreisträgers als Thomas-Mann-House eröffnet, einem künftigen Zentrum für den transatlantischen Austausch.

Weiter geht es zur Sonderausstellung „Herzensheimat. Das Lübeck von Heinrich und Thomas Mann“. Lipinski erläutert gemeinsam mit Wißkirchen die Ausstellung. Thematisiert wird hier auch die Internationalität der Familie durch die brasilianische Mutter und die Selbstverständlichkeit des politischen Wirkens, die durch den Vater vermittelt wird.

Steinmeier lud die Außenminister nach Lübeck

Lübeck ist kein Neulandfür den Bundespräsidenten. Im April 2015 hat er hier seine Außenministerkollegen zum G7-Treffen begrüßt, das als Vorbereitung für den G7-Gipfel der Staats-und Regierungschefs zwei Monate später auf Schloss Elmau diente. Lübeck mit seinen drei Nobelpreisträgern sei „eine wunderschöne Stadt“, hatte er die Wahl des Tagungsortes begründet. Das habe er den Außenamtschefs aus Frankreich, Großbritannien, Japan, Kanada, Italien und den USA sowie der EU-Außenbeauftragten zeigen wollen. Für einen Außenminister, einen Sozialdemokraten zumal, sei Lübeck vor allem auch mit Willy Brandt verbunden, zu dessen 100. Geburtstag 2013 er ebenfalls in der alten Hansestadt war.

Der promovierte Juristist an der Seite Gerhard Schröders 1998 von Hannover nach Berlin gewechselt und hat dort zahlreiche zentrale Positionen innegehabt – vom Kanzleramtschef bis zum Außenminister. 2009 scheiterte er mit 23 Prozent der Stimmen als Kanzlerkandidat der SPD. Seit März 2017 ist er Bundespräsident und hat nach dem Platzen der Jamaika-Verhandlungen großen Anteil am Zustandekommen der Großen Koalition gehabt – bemerkenswert für ein Staatsoberhaupt. Steinmeier, 1956 in Detmold geboren, ist verheiratet und Vater einer Tochter. Als seine Frau Elke Büdenbender 2010 schwer erkrankte, spendete er ihr eine Niere.

Die meiste Zeit verbringt der Bundespräsident in der Beletage, in der das Konzept des „begehbaren Romans“ im Fokus steht. Ein Blick aus dem Fenster verrät dem Staatsoberhaupt, dass inzwischen rund 200 Menschen vor der Tür in der Mengstraße warten und hoffen, ihn zu sehen. Drinnen werden derweil zwei besondere Stücke aus dem Archiv präsentiert.

Ein besonderer Moment folgt im „Götterzimmer“. Hier trägt sich Steinmeier ins Gästebuch ein: „ (. . .) – endlich im Buddenbrookhaus in Lübeck – aus der Welt ins Zuhause der Familie Mann. Ganz herzlichen Dank für die Führung durch das Haus und die Gelegenheit zum Gespräch, in dem ich viel Neues erfahren habe“, schreibt er.

Abschließend ein Blick nach vorne: Im Kellergeschoss wird die Zukunft des Buddenbrookhauses an Schauwänden thematisiert. Zu Gast sind hier auch Vertreter des Jugendprojekts „Literatur als Ereignis“. Emma Conrad (18), Morten Krienke (19) und Yahlina Flüh (18) von der Grund- und Gemeinschaftsschule St. Jürgen erläutern ihren Part im Umbauprojekt. Sie stellen dem Bundespräsidenten exemplarisch eine Station vor, die sie für die neue Ausstellung entwickelt haben. Es ist ein kleiner „Psychotest“, mit dem der Besucher auf lustige Art herausfinden kann, mit welchem Kind der Manns er sich am besten verstehen würde. Der Bundespräsident macht gerne mit, das Ergebnis wird aber nicht verraten.

Nun drängt die Zeit. Nach einem „Bad in der Menge“ und vielen Selfies geht es in die Musik- und Kongresshalle. Vor Steinmeier haben unter anderem sein Vorgänger Joachim Gauck – damals allerdings noch nicht Staatsoberhaupt – , der frühere Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und Ex-Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) und der damalige EU-Parlamentspräsident und spätere SPD-Vorsitzende und Kanzlerkandidat Martin Schulz die Willy-Brandt-Rede gehalten.

Ziemlich pünktlich um 17 Uhr heißt es in der voll besetzten MuK: „Meine Damen und Herren: der Bundespräsident.“ Und der macht sich nach dem musikalischen Auftakt mit der Bigband des Johanneums unter Leitung von Hartmut Jung und der Begrüßung durch Wolfgang Thierse an die Arbeit. Dreimal wird seine Rede unter dem übergreifenden Thema „1968“ von Beifall unterbrochen: Als es um die Chancen des Grundgesetzes geht, die auch die Zugewanderten ergreifen sollten. Als er das Engagement jedes Einzelnen fordert, damit „antidemokratische Stimmen nie wieder mehrheitsfähig werden“. Und als er die Verdienste der friedlichen Revolutionäre von 1989 unterstreicht.

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) nimmt den Ball Steinmeiers auf. „Wir müssen Politik auch anders begreifen in unserem Land“, sagt er. „Wir müssen wieder miteinander reden.“ Die sozialen Medien seien dabei nicht die beste Empfehlung: „Zwei Stunden bei Twitter oder Facebook sollten Politiker lieber im Gespräch mit den Menschen verbringen.“ Es sei „schon kompliziert in der Demokratie“, sicher, aber die einfachen Lösungen seien eben auch meist die falschen. Und vor Parteien, die die Wahrheit gepachtet zu haben glaubten, könne er nur warnen. „Ich würde mir wünschen, dass in Berlin vieles von dem ankommt, was Sie hier gesagt haben“, wendet er sich an den Bundespräsidenten.

„Demokratie will gelebt und nicht nur im nörgelnden Unterton besprochen werden“, hat Wolfgang Thierse als Kuratoriumsvorsitzender der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung vorher gesagt. Und dazu gehöre „Zivilcourage“ als ganz zentrale „Tugend der Demokratie.“ Ähnlich sieht es Lübecks Bürgermeister Jan Lindenau (SPD): „Demokratie braucht Diskurs und muss erkämpft werden.“

Cosima Künzel, Peter Intelmann, Lars Fetköter

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