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Lübeck Streit um Tabak unter JVA-Häftlingen
Lokales Lübeck Streit um Tabak unter JVA-Häftlingen
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21:01 06.04.2018
Die Justizvollzugsanstalt bei Nacht: Der Vorfall ereignete sich im Oktober 2015. Quelle: Foto: Holger Kröger
St. Lorenz Nord

In dem Prozess vor dem Schwurgericht geht es um exakt elf Pakete schwarzen Tabaks und eine Tafel Vollmilchschokolade. Alles zusammen im Wert von 55 Euro. Trotzdem stehen sechs JVA-Beamte während der Verhandlung im Gerichtssaal. Denn zwei der Angeklagten sitzen noch immer in der JVA, in der sich der Vorfall vor zweieinhalb Jahren zugetragen hat. Einer von ihnen wird in Handschellen vorgeführt. Ebenso wie ein Zeuge.

Die JVA Lauerhof von innen und außen: Klicken Sie hier, um zahlreiche Fotos des Lübecker Gefängnisses zu sehen.

Das Gericht rund um den Vorsitzenden Richter Kai Schröder muss nun aufklären, was sich am 16. Oktober 2015 im Haus G ereignet hat. Es ist das Haus, in das alle drei Angeklagten nie einziehen wollten.

Es habe einen schlechten Ruf, erzählen die Männer. Der JVA-Insasse Peter M. saß ebenfalls in diesem Trakt. Er war es auch, der den Tabak und die Schokolade in seinem Schrank aufbewahrte. „Mein Handgelenk war zu der Zeit kaputt. Ich konnte mir keine Getränke vom Kaufmann holen, weil die zu schwer waren“, erzählt er. Deshalb habe er Tabak gekauft und den als Bezahlung für Getränkelieferungen seiner Mitinsassen gegeben. „Ein Tauschgeschäft“, sagt der 55-Jährige, „mit dem ich immer ein paar Miese gemacht habe.“ Am Tag der Tat sollen ihm seine Tabakvorräte zum Verhängnis geworden sein. Laut Anklage sollen die Angeklagten in seine Zelle gekommen sein und ihn zunächst gebeten haben, ihnen Tabak zu leihen. Als Peter M. verneinte, soll der Angeklagte Steffen L. ihn geschubst haben. Auch ein Messer sollen die Männer dem Häftling an den Hals gehalten haben. Björn F. soll derweil den Schrank leergeräumt haben. Der dritte Angeklagte soll vor der Tür gewartet und aufgepasst haben.

Zum Prozessauftakt wollen sich die Männer vorerst nicht zu den Vorwürfen äußern. Nur zu den persönlichen Verhältnissen geben sie Auskünfte. Alle drei Angeklagten haben bereits ein langes Vorstrafenregister. Ihre Kindheit war geprägt von Schicksalsschlägen, einen Schulabschluss haben sie nicht. Drogen und Alkohol gehörten für alle drei zum Alltag. Steffen L. hat ein Hakenkreuz auf den Arm tätowiert. Er soll auf der Straße „Heil Hitler“ gerufen und seinen Arm entblößt haben. Dazu kommen diverse andere Straftaten – mehr als 20 sind es. Ähnlich sieht es bei Björn F. aus. Betrug, Tiertötung, räuberische Erpressung: Der Registerauszug ist lang. Sogar eine gesetzliche Betreuung wurde aufgehoben, weil er als „nicht betreubar“ gilt. „Aber jetzt ist alles positiver. Seit einem Jahr etwa halte ich mich besser an Regeln und bin angepasster“, sagt er. Am 1. September soll Björn F. eigentlich entlassen werden – vorbehaltlich des jetzigen Prozesses.

Denn zusätzlich zum Vorwurf des gemeinschaftlichen Raubs wirft ihm die Staatsanwaltschaft noch ein weiteres Delikt vor. Björn F. soll einen Mithäftling geschlagen haben und in einem anschließenden Disziplinarverfahren einem Vollzugsbeamten damit gedroht haben, ihm das Leben zur Hölle zu machen. Der 26-Jährige gibt diese Taten zu. Wenig später sagt allerdings das Opfer aus. Der Mithäftling von Björn F. spricht von einer Kleinigkeit. „Es war auch meine Schuld, ich habe ihn provoziert. Ich habe kein Interesse daran, dass er bestraft wird.“ Auch als der Richter ihn an seine Wahrheitspflicht erinnert, bleibt er dabei. „Seit dem Vorfall verstehen wir uns richtig gut“, beteuert der 30-Jährige. Zum Ende des ersten Verhandlungstages gab es ein Rechtsgespräch zwischen der Staatsanwaltschaft, den Verteidigern und dem Gericht. „Allerdings ohne Ergebnis“, sagt Kai Schröder, „die Hauptverhandlung wird am 19. April fortgesetzt.

 Von Maike Wegner

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