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Lübeck Stromausfall: Wer zahlt den Millionen-Schaden?
Lokales Lübeck Stromausfall: Wer zahlt den Millionen-Schaden?
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22:56 27.05.2018
Wer hat Schuld am Vier-Stunden-Blackout von Lübeck? Quelle: Agentur 54°
Lübeck

Bis zu vier Stunden ohne Strom. Eine sehr lange Zeit für einen Stromausfall. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 12,8 Minuten im Jahr. In Lübeck dauerte der Ausfall am 16. Mai fast 20 Mal so lang. Betroffen waren 146 000 Haushalte und 350 Großkunden. Und vor allem die Wirtschaftsunternehmen wie Brüggen, Dräger und Niederegger verzeichnen Schäden in Millionenhöhe. Die Produktion stand still, die Kosten liefen weiter. Der Schaden ist immens. Wer ihn verursacht hat, muss zahlen. Und die Antwort ist teuer.

„Vier Stunden Stromausfall sind kein Pappenstiel“, macht Grünen-Fraktionschefin Michelle Akyurt klar. Außerdem sei kurze Zeit zuvor schon der Strom in Israelsdorf ausgefallen, kurz danach nochmal in Kücknitz. „Ist das eine zufällige Häufung – oder ein Problem im System?“, will sie wissen – und fordert Aufklärung im Hauptausschuss. Andreas Zander (CDU) stimmt zu: „Es ist kaum nachvollziehbar, dass in der heutigen Zeit der Strom so lange ausfällt.“ Und: „Wer kommt für den wirtschaftlichen Schaden auf?“, will CDU-Frontmann Oliver Prieur wissen. „Wer ihn verursacht hat, muss den Schaden bezahlen“, sagt FDP-Fraktionschef Thomas Rathcke. Auf den Punkt bringt es die Bundestagsabgeordnete Valerie Wilms (Grüne): „Wer hat den Schalter in die falsche Richtung umgelegt?“ Sie ist Aufsichtsrats-Chefin der Stadtwerke GmbH. „Einer muss bezahlen“, stimmt Ulrich Pluschkell (SPD) zu, Vorsitzender der Stadtwerke Holding. Die Frage ist: Wer? Da gibt es nur zwei zur Auswahl:

Stadtwerke oder E.on. Oder präziser ausgedrückt: Die Lübeck Netz GmbH oder die Schleswig-Holstein Netz AG. Lübeck Netz ist eine Tochter der städtischen Stadtwerke Lübeck. Hinter der SH Netz hingegen steht E.on. Denn SH Netz gehört zum Konzern der HanseWerk AG, die die Stromnetze von E.on Hanse übernommen hat. Es ist ein Kampf zwischen David und Goliath. Das Umspannwerk in Stockelsdorf gehört Goliath – der SH Netz. Dort ist die Schnittstelle, durch die Strom in das Lübecker Netz weitergeleitet wird. Das gehört David – der Lübeck Netz. Ursache des Blackouts war ein Kurzschluss. Wer von den beiden hat ihn verursacht?

Da die Antwort etliche Millionen kostet, wird geschwiegen. Stadtwerke-Chef Jürgen Schäffner will sich auf LN-Anfrage noch nicht dazu äußern. Aber am Montag wird er zu dem Thema in einer Sitzung des Aufsichtsrats der Stadtwerke Stellung nehmen. Unterdessen untersucht ein Gutachter die technischen Details. Den Experten haben SH Netz und Lübeck Netz offenbar gemeinsam beauftragt. Dem Vernehmen nach soll das Ergebnis diese oder nächste Woche vorliegen.

Blick zurück: Am Tag des Stromausfalls war der Verantwortliche für den Blackout schnell klar – jedenfalls für die SH Netz AG. Die sieht die Schuld eindeutig bei der Lübeck Netz GmbH. „Ursache der Spannungsschwankungen war ein technischer Schaden im Netzbereich der Stadtwerke Lübeck – durch den auch das Netz der Schleswig-Holstein Netz AG in Mitleidenschaft gezogen wurde“, hieß es bereits am Tag des Blackouts in einer Pressemitteilung der SH Netz. Da war es kurz vor 18 Uhr, und Lübeck hatte wieder Strom. Diese Aussage hat die Alarmglocken bei den Stadtwerken schrillen lassen. Sie sehen die Schuld bei SH Netz.

Pikant ist der Zeitpunkt des Ausfalls. Denn im Hintergrund kämpfen Lübeck Netz und SH Netz um die lukrativen Konzessionen für die Leitungsnetze der Kommunen. Aktuell werden diese Konzessionen in Lübeck und im Umland neu vergeben. Eine sehr seltene Gelegenheit, die nur alle 20 Jahre kommt. Denn für diesen Zeitraum schreiben die Kommunen die Netze aus. Ein langwieriges und komplexes Verfahren.

Jens Meier, neuer Chef der Netz Lübeck, hat im Sommer 2017 angekündigt, gegen SH Netz antreten zu wollen – und damit gegen den Platzhirsch E.on. Meier will sich um die Netze im Umland bewerben – und um die in Lübeck. Denn die Hansestadt schreibt ihre Netze in diesem Jahr ebenfalls neu aus. Die Kommunen legen ein Punktesystem zu Grunde für ihre Entscheidung, wem sie die Netze anvertrauen. Dabei geht es vor allem um die Verlässlichkeit der Stromversorgung. Und: Beim Kampf um die Netz-Konzessionen für 20 Jahre wird der Verursacher des Vier-Stunden-Blackouts die schlechteren Karten haben.

 Von Josephine von Zastrow

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