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Lübeck Kleine Geschichten vom großen Stromausfall
Lokales Lübeck Kleine Geschichten vom großen Stromausfall
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09:26 17.05.2018
Chef Carlo Scussel (r.) mit den Stammgästen Dr. Helmut Machemer, Antje und Christian Kroeger sowie Dr. Mona Machemer. Quelle: Sabine Risch
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Lübeck

Eis: Ohne Strom eine vergängliche Erfrischung

Die Eisdiele „Venezia“ in der Königstraße ist bereits kurz nach Beginn des Stromausfalls die Anlaufstelle schlechthin: Alle Tische sind belegt, auf dem Gehweg bildet sich eine lange Schlange. Viele, die in benachbarten Büros, Geschäften oder Praxen arbeiten, nutzen die Zeit für eine süße Pause. Auch die Stammgäste von der Augen Praxisklinik am Markt, Dr. Helmut und Dr. Mona Machemer, sitzen hier. „Wir mussten aufhören, unsere Patienten nach Hause schicken und Operationen absagen“, sagt Mona Machemer. Zwar habe der OP ein Notstromaggregat, aber das reiche eben auch nicht ewig. Wegen des Stromausfalls habe man die Patienten natürlich nicht anrufen können, aber eine Mitarbeiterin sei in der Praxis geblieben, um eventuell vor der Tür stehende Patienten zu informieren. Mit Machemers am Tisch sitzen Rechtsanwalt Christian und seine Frau Antje Kroeger. „Wir müssen viel Eis essen, um Carlo zu unterstützen“, sagen sie.
Carlo Scussel, Chef der Eisdiele, ist nicht wirklich entspannt. 250 Kilo Eis hat er für diesen Tag gemacht. Das sei zwar auf minus 16 Grad gekühlt und halte eine Weile, „aber bei zwei, drei Grad plus muss ich aufhören, es zu verkaufen“, sagt er. Dann müsse er alles wegschmeißen. Später, um 15 Uhr, schließt er die Eisdiele komplett. An den Tischen und auf den Bänken sitzen dennoch Menschen in der Sonne und genießen ihre mitgebrachten Getränke und Speisen.

Dariush (30) steht mit Megafon auf dem Klingenberg und ruft: „Unser Eis schmilzt. Retten Sie unser Eis. Alle Kugeln für die Hälfte.“

Nawid Safaie von „Magic Waffel“ in der Schmiedestraße ist ebenfalls besorgt. „Für uns ist der Stromausfall katastrophal“, sagt der Inhaber des kleinen Ladens, „wenn das nicht schnell vorbei ist, sind 150 Liter Eis verloren.“ Aber da hat der Chef Glück im Unglück. Die elektrische Versorgung lässt zwar auf sich warten, aber dafür kommt ein Bekannter vorbei. Kumpel Dariush (30) hat ein handliches Megafon dabei, stellt sich kurzerhand auf den Klingenberg und ruft: „Meine Damen und Herren, wir verkaufen die Kugel Eis für die Hälfte. Unser Strom ist ausgefallen. Unser Eis schmilzt. Bitte retten Sie unser Eis.“ Und siehe da, schnell hat sich eine kleine Schlange vor dem Eis- und Waffelverkauf gebildet. Da kann Nawid Safaie schon fast wieder lächeln. sr/kü

Verzweifelte Autofahrer an der Tankstelle 

An der Avia Tankstelle in der Falkenstraße arbeitet Pächter Wolfgang Tausendschön vor der Werkstatt an einem Wagen. Es ist kurz vor 14 Uhr. Alles, was keinen Strom braucht, das funktioniert. Der Rest nicht, der steht still. „Von der Waschstraße bis zur Tankanlage – nichts geht mehr“, sagt der Mann im Overall mit ernstem Blick. Denn eine Notstromversorgung hat die Tanke nur für die Computer und für das Kassensystem. „Bei dem Rest müssen wir abwarten“, meint er, während der Verkehr zügig vorbeifließt. Nicht auszudenken, was passiert, wenn der Strom länger wegbleibt, sagt der Pächter.

Stillstand an den Tankstellen: Pächter Wolfgang Tausendschön hat an der Avia-Tankstelle in der Falkenstraße Notstrom für die Kasse und die Computer. Tanken ging für ein paar Stunden nicht.

Hin und wieder rasen Polizei oder Krankenwagen vorbei. Ein Polizeisprecher berichtet von langen Staus und einer höheren Einsatzzahl als an anderen Tagen. Die Ampeln ein paar Meter von der Tankstelle entfernt funktionieren auch nicht, aber das Chaos scheint hier auszubleiben. Auch die Busse am benachbarten Burgfeld fahren. Die Anzeigetafeln sind allerdings schwarz.
Düster sieht es für die Autofahrer aus, deren Tanknadel im roten Bereich ist. An der Zapfsäule habe es daher verzweifelte Kunden gegeben, erzählt Tausendschön. „Die kamen mit fast leerem Tank und haben gefragt: ,Was soll ich jetzt machen? Schieben?‘“ Der Pächter bedauert, dass er nicht helfen kann. „Ändern kann ich es nicht.“

Niederegger: Café dicht, Verkauf geht weiter

Im dunklen Café Niederegger in der Breiten Straße ist es angenehm kühl. „Eine Weile halten die Aggregate noch durch“, erklärt Geschäftsführerin Theresa Mehrens-Strait. Es ist 15.15 Uhr, das Café ist geschlossen, doch der Verkauf läuft – ebenso wie der Eisverkauf am Fenster – vorerst weiter. Eine Dame fragt, ob die für 16 Uhr angemeldete Gruppe dennoch kommen könne. Ja, die Führung durchs Marzipanmuseum im Obergeschoss soll stattfinden.

Theresa Mehrens-Strait in der Eingangstür, die ohne Strom nicht geschlossen werden kann. Im dunklen Laden läuft der Verkauf weiter.

Wer jedoch Kaffee trinken möchte, wird nach Travemünde geschickt. „Dort gibt es seit 13.30 Uhr wieder Strom“, sagt die Geschäftsführerin. Selbst wenn in der City der Strom zurückkomme, werde man nicht mehr öffnen, „denn wir konnten das Geschirr nicht spülen und wollen unseren Gästen keine Pappteller hinstellen“. sr

Marien-Krankenhaus und Uniklinik – Keine Probleme dank Notstrom

Im Marien-Krankenhaus sitzt Pflegedirektorin Ute Röder am Schreibtisch vor ihrem Rechner und kann ungestört arbeiten. „Auf solche Situationen muss jedes Krankenhaus vorbereitet sein“, sagt sie und ergänzt: „Wir haben Notstrom, der mit Dieselmotoren funktioniert und das komplette Krankenhaus absichert.“ Und so konnte Röder auch schnell eine Mutter beruhigen, die sich sorgte, weil ihr Kind gerade operiert wurde. „Für unser Krankenhaus ist ein Stromausfall überhaupt kein Problem. Alles, was die Patientenversorgung und auch die Daten betrifft, ist abgesichert.“ Anfang des Jahres war das Krankenhaus auch schon eine Stunde ohne Elektrizität. Laut Stadtwerke-Sprecher Lars Hertrampf war der Grund damals ein Kabelfehler.

Pflegedirektorin Ute Röder sitzt im Marien-Krankenhaus am Rechner und kann problemlos arbeiten.

Ähnlich äußert sich Pressesprecher Oliver Grieve von der Stabsstelle Integrierte Kommunikation am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Lübeck: „Unsere Krisen-Einsatzleitung hat hochroutiniert alle notwendigen Maßnahmen ergriffen und bewiesen, dass das UKSH für solche Krisenfälle absolut gewappnet ist.“ Wichtig ist ihm zu betonen, dass so etwas nur mit Teamgeist und Zusammenhalt funktionieren kann. „Der Dank geht an alle Mitarbeiter, die das UKSH so tatkräftig unterstützt haben und auch an die Leitstellen der Feuerwehr.“

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