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Lübeck Studenten geben Flüchtling ein neues Zuhause
Lokales Lübeck Studenten geben Flüchtling ein neues Zuhause
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10:38 22.10.2014
Navid Zaland (l.) ist einer von 434 Flüchtlingen, die 2014 nach Lübeck gekommen sind. Und der 27-jährige Afghane ist der einzige, der im Rahmen eines Flüchtlingsprojekts in einer Wohngemeinschaft lebt. Quelle: Roeßler
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„Kabuli“ heißt das afghanische Gericht, das aus Reis mit Rosinen und Karotten, gebratenem Hähnchenfleisch, Salat und Brot besteht. Und vielleicht wären Arno Gerß und Telse Fabricius nie in den Genuss dieser Spezialität gekommen, wenn nicht vor zwei Monaten Navid Zaland in ihre Wohngemeinschaft (WG) gezogen wäre und zu einem „afghanischen Abend“ geladen hätte.

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„Wir treffen uns fast jeden Abend in der Küche, kochen gemeinsam und spielen Karten“, sagt Arno Gerß. Am Anfang gab es noch Probleme mit der Kommunikation, schließlich ist Navid erst vor zehn Monaten ohne Sprachkenntnisse von Afghanistan nach Deutschland geflüchtet. „Manchmal geht es wirklich nur mit Händen und Füßen. Aber Navids Deutsch wird immer besser“, sagt Telse Fabricius.

Navid Zaland ist der erste Flüchtling, der durch das Projekt „WG gesucht“ vom Asta der Universität Lübeck und dem Lübecker Flüchtlingsforum in eine WG vermittelt wurde. „Studenten ziehen gerne in WGs, damit sie viel vom Leben in der Stadt mitbekommen und nicht alleine sind“, sagt Alexander Bigerl vom Asta der Uni Lübeck, der die Idee zu dem Projekt hatte. „Warum sollte das bei Flüchtlingen anders sein?“ Gemeinsam mit der Vorwerker Diakonie läuft das Projekt nun seit drei Monaten. „Wir hoffen, dass sich in nächster Zeit mehr WGs bei uns melden werden, die ein freies Zimmer haben.“

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Der angehende Erzieher Arno Gerß und die Abiturientin Telse Fabricius haben lange diskutiert, bevor sie sich entschieden, an dem Projekt teilzunehmen. „Wir waren schon ziemlich unsicher. Aber die Diakonie und das Flüchtlingsforum haben uns bei unseren Fragen sehr gut berat

en“, sagt der 24-Jährige. Und es ist für die beiden auch ein politisches Statement. „Wie sollen sich Flüchtlinge denn sonst intergrieren und die Sprache lernen, wenn sie nicht mitten in der Gesellschaft leben?“, fragt die 19-jährige Telse Fabricius. Massenunterkünfte an Stadträndern, in denen Flüchtlinge isoliert von der Gesellschaft auf das Ende ihres Asylverfahrens warten, seien „das Letzte“.

„Ich halte die Behandlung von Flüchtlingen in Deutschland für schlecht“, sagt Arno Gerß. „So kann ich auf einer menschlichen Ebene helfen und verstehe dabei ein bisschen, wie man sich nach der Flucht aus seiner Heimat in einem fremden Land fühlt. Man ist in so einer Situation einfach auf Hilfe angewiesen.“

„Refugees welcome“ (dt.: Flüchtlinge willkommen) steht auf einem Aufkleber an der Tür von Arno Gerß und Telse Fabricius (hi.). Navid Zaland und seine Tante Lima Soochi freuen sich darüber.

Hilfe im Umgang mit Behörden und mit der Sprache bekommt Navid Zaland auch von seiner Tante, die schon seit 26 Jahren in Lübeck lebt — und von seiner Flucht erst spät erfuhr. „Irgendwann habe ich einen Anruf aus Russland erhalten. Navid sagte, er sei bald da“, erzählt Lima Koochi. Die 39-Jährige freut sich, dass ihr Neffe in der WG untergekommen ist: „Es ist sehr schön hier — und seine Mitbewohner sind sehr lieb. Navid hat wirklich ein großes Glück.“

Navid Zaland fühlt sich — mittlerweile — gut. Drei Monate lebte er in der Erstaufnahme-Einrichtung für Flüchtlinge in Neumünster. Dann ging es in eine Asylbewerberunterkunft nach Siems. „Seit ich hier in der WG bin, fühle ich mich richtig wohl. Alle sind so lieb und hilfsbereit“, sagt der 27-Jährige.

Und besonders eines kann Zaland in seiner WG machen, was er in den Sammelunterkünften nicht machen konnte: Musik. In seinem Zimmer stehen zwei Keyboards, ein Harmonium und eine Geige — alles geliehen. Noch in seinem Heimatland hat Navid Zaland bei der afghanischen Version von „Deutschland sucht den Superstar“ mitgemacht und kam fast unter die ersten Drei. „Musik ist mein Leben. Ich freue mich, dass ich hier viel Musik machen kann.“

Immer mehr Flüchtlinge

434 Flüchtlinge wurden bisher in diesem Jahr in Lübeck aufgenommen. Die Hansestadt musste die Platzzahl in den Gemeinschaftsunterkünften verdoppeln (von 250 auf 500). Für das nächste Jahr wird mit mehr als 1000 Flüchtlingen gerechnet.
Das Projekt „WG gesucht“ sucht noch Teilnehmer. Wer ein Zimmer frei oder Fragen zu dem Flüchtlingsprojekt hat, der kann sich entweder unter der Telefonnummer 0451/3050439 melden oder eine Mail an
pas@asta.uni-luebeck.de senden.

Hannes Lintschnig

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