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Lübeck Stürmische Nächte an der Küste Japans
Lokales Lübeck Stürmische Nächte an der Küste Japans
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20:52 13.11.2017
Der Schein trügt: Auch wenn der Himmel tagsüber strahlend blau ist, zieht nachts ein kräftiger Sturm an der japanischen Küste entlang. Quelle: Fotos: Luisa Rische

Kyoto. Tag des Aufbruchs. Durch die geschlossenen Vorhänge höre ich, wie die Autos über die regennasse Straße fahren, das Wasser plätschernd zur Seite spritzt. Schlaftrunken wehre ich mich noch gegen den Gedanken, den Luxus eines Hostels zu verlassen, aufzubrechen.

Ein heftiger Taifun zieht über Japan hinweg, die Nächte sind nass, das Zelt klamm. Nach vielen durchregneten Nächten bietet eine Familie im japanischen Hiroshima einen Unterschlupf für die nächsten Tage. Es gibt es deutsches Bier unter einer Eintracht-Frankfurt-Flagge.

LUISA RADELT

Die 28-jährige Lübeckerin

Luisa Rische reist zwei Jahre lang allein mit ihrem Fahrrad „Anton“ um die Welt.

In unregelmäßigen Abständen berichtet sie in den LN von

ihren Erlebnissen.

Es wirkt befreiend, wieder zu treten, voranzukommen, zu entdecken. Ich übernachte nicht weit von Kyoto an einem Fluss, der mich am nächsten Tag bis nach Kobe führt. Ich entscheide mich endgültig, China hinter mir zu lassen, bis Dezember in Japan zu bleiben, wo ich mich nicht mehr fremd, sondern angekommen fühle. Durch das Zentrum Kobes fahre ich 350 Meter hinauf zum nächsten Zeltplatz. Als das Zelt steht, schließe ich mich einem Fußballspiel an, anschließend laden mich meine japanischen Mitspieler zum Grillen ein. Zurück aufs Rad, zurück auf die Straße. Nachdem ich zwei Tage lang das Kratzen im Hals erfolgreich ignoriert habe, fordern die japanischen Viren schließlich ihren Tribut. Ein weiser Freund weist mich daraufhin, dass Viren in anderen Teilen der Welt mehr zusetzen, weil ich nicht dagegen immun sei. Merke ich dann auch.

Weil ich mir das Hostel nicht leisten kann, schlage ich täglich an den Grenzen der Stadt mein Zelt auf und verbringe die verregneten Tage im Einkaufszentrum, wo ich Strom und Internet habe. Als alle Röhren zum Atmen wieder frei sind, geht es weiter nach Hiroshima. In Higashihiroshima habe ich die vor Kälte rot glühende Nase voll. Auf dem Weg zum Zeltplatz am Ryuozan fahre ich orientierungslos durch die Stadt, stehe unerwartet vor einer Jugendherberge, überlege gar nicht lang und checke tropfend ein. Ab in die Badewanne, ab ins Kuschelbett.

Der Himmel reißt auf, der Sturm wütet weiter, ich bleibe noch einen Tag in Higashihiroshima. In der Hauptstadt des Sake folge ich den rotbraunen Backsteinschornsteinen ins Herz der Stadt, wo zehn Brauereien dicht an dicht Japans berühmten Reiswein herstellen und lagern. Während ich mich durch die Sakagura Dori, Sake Lagerhaus Straße, knipse, holt mich eine französische Touristengruppe ein.

Ich schließe mich einfach an – die werden schon wissen, wo es den besten Reiswein gibt. Unentdeckt folge ich der Gruppe in eine Brauerei, schaue mir einen Filmvortrag an, probiere ein Glas Sake und schleiche unentdeckt wieder hinaus. Als ich einen Tag später in Hiroshima ankomme, fahre ich zum Friedenspark, besuche das Museum und werfe einen Blick auf das ikonische Mahnmal.

Am Abend empfängt mich Reiko, meine Couchsurfing-Gastgeberin. Die Japanerin nimmt mich für zwei Nächte auf. Gleich den ersten Abend führt sie mich aus. Es geht in ein winziges Restaurant, mit einem Tresen für vier Personen, einem Tisch für acht. Es gibt Okonomiyaki: Weißmehlfladen, Weißkohl, Sojasprossen, Schweinebauch, Nudeln, Tempura-Teig, Ei, Sauce – die Köchin bereitet das Essen auf einer heißen Platte am Tresen vor, dann schiebt sie es zu uns hinüber.

Zwei Tage später verlasse ich Hiroshima vorläufig, fahre über Kure auf die Insel Etajima und schließlich weiter nach Miyajima, zur heiligen Schrein-Insel. Ich schlage mein Zelt am Meer auf, mit Blick auf den Torii, und wandere am nächsten Tag den Berg Misen hinauf. 535 Meter geht es steil in die Höhe. Oben angekommen, eröffnet sich mir ein Rundum-Blick auf die Insel, auf Hiroshima, auf Etajima, auf das Meer. Atemberaubend. Dann folge ich der Einladung von Nobuhiro und kehre nach Hiroshima zurück. Mit seiner Frau, seiner Tochter und seinen Enkeln essen wir erneut Okonomiyaki. Zurück zu Hause gibt es deutsches Bier unter einer Eintracht-Frankfurt-Flagge. Eigentlich hatten wir ausgemacht, dass ich eine Nacht bleibe, doch Nobu und Marume laden mich ein, zwei oder auch drei Nächte zu bleiben.

Von Luisa Rische

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