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Lübeck Suchtexperte: Verkaufsverbot hilft gegen das Koma-Saufen
Lokales Lübeck Suchtexperte: Verkaufsverbot hilft gegen das Koma-Saufen
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22:34 01.11.2013
Jugendliche besorgen sich nachts an Tankstellen und in Supermärkten Alkohol. Der gesetzliche Jugendschutz kann umgangen werden, wissen Experten und fordern eine Beschränkung des Verkaufs. Quelle: dpa

Jugendliche decken sich abends und nachts in Tankstellen und Supermärkten mit Alkoholika ein, um vor dem Besuch der Disco ordentlich einen zu heben. Vorglühen nennt sich das und ist Alltag. Die Präventionsbeauftragten von elf deutschen Großstädten — darunter auch Lübeck — fordern jetzt ein nächtliches Verkaufsverbot für Alkohol, um den exzessiven Alkoholmissbrauch zu bekämpfen.

Friedemann Ulrich, Leiter der Suchthilfe der Vorwerker Diakonie, begrüßt ein Verkaufsverbot. Entscheidend für jugendliches Koma-Saufen seien der Gruppendruck und die leichte Verfügbarkeit von Alkohol. „Ein nächtliches Verkaufsverbot würde eindeutig die Verfügbarkeit erschweren“, sagt der Suchtexperte. „Nachts ziehen vor allem die Jugendlichen los, die exzessiv viel trinken. Sie besorgen sich Alkohol.“ Der gesetzliche Jugendschutz könne leicht umgangen werden, weiß Ulrich und berichtet von Jugendlichen, die sogar Taxifahrer zum Alkohol-Einkaufen schicken. Ein Teil dieser Jugendlichen landet in Kliniken. Das Projekt „Hart am Limit“ (Halt) registrierte im vergangenen Jahr 110 junge Leute, die mit einer schweren Alkoholvergiftung in die Uniklinik eingeliefert wurden — eine Steigerung um 70 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Sozialsenator Sven Schindler (SPD) fordert „eine gesellschaftliche Koalition“ gegen den jugendlichen Alkoholmissbrauch und befürwortet ein nächtliches Verkaufsverbot. „Tankstellen und Supermärkte haben sich nachts zu Anlaufstellen von Jugendlichen entwickelt, die vor dem Discobesuch vorglühen“, weiß Schindler, „das ist keine gute Entwicklung.“ Auch den Einzelhändlern ist das Problem ein Dorn im Auge. „Aus übermäßigem Alkoholkonsum ergeben sich Folgeschäden wie Vandalismus und verschmutzte Straßen, die wir Einzelhändler für eine Katastrophe halten“, sagt Hans Frick, Präsident des Einzelhandelsverbandes Nord-Ost. Es reiche aber nicht, den Jugendlichen nur den Zugang zum Alkohol zu erschweren, sagt Frick und fordert ein Bündel von Maßnahmen wie Test-Einkäufe und Präventionsarbeit.

Das Kfz-Gewerbe Schleswig- Holstein, das rund 300 Tankstellen im Land vertritt, hält nichts von einem Verkaufsverbot. „Das kratzt nur am Rand eines großen Problems“, sagt Geschäftsführer Jan- Nikolas Sontag. Nach Verbandsangaben werden nur zwei Prozent der Alkoholika über Tankstellen verkauft, und die Verbote in anderen Bundesländern — etwa in Baden-Württemberg — hätten keinen Erfolg gehabt. „Es gibt dort keinen Rückgang beim Koma-Saufen und keinen Rückgang bei alkoholbedingten Straftaten“, so Sontag.

Vor zwei Jahren preschten die Lübecker Liberalen mit der Forderung nach einem Verkaufsverbot vor. Innerparteilich war das umstritten. „Wir sehen ein Verbot inzwischen kritisch“, erklärt Fraktionschef Thomas Rathcke, „es ist in der Praxis nicht umsetzbar.“ Der SPD- Sozialpolitiker Ingo Schaffenberg lehnt ein Verbot ab, regt stattdessen den Dialog von Jugendlichen, Präventionsfachleuten und Geschäftsinhabern an. Schaffenberg: „Gemeinsam können wir eine Lösung erarbeiten, mit der alle leben können.“ Vorbild sei die K.-o.-Tropfen-Kampagne, die Beratungsstellen, Polizei, Politiker und Gastronomen 2012 starteten.

Die Stadt könne ein solches Verkaufsverbot ohnehin nicht durchsetzen, erklärt Sprecher Marc Langentepe. Dafür sei das Land zuständig. Das Kieler Sozialministerium setzt auf die Kontrolle des Jugendschutzes durch Testkäufe. Die sollten auch nachts an Tankstellen und in Supermärkten stattfinden.

Lübeck lehnt Testkäufe ab
Die Stadtverwaltung wird keine jungen Mitarbeiter zu Testkäufen in Supermärkte und Geschäfte schicken, um Verstöße gegen den Jugendschutz beim Alkohol festzustellen. „Wir halten das nicht für eine sinnvolle Maßnahme“, erklärt Stadtsprecher Marc Langentepe. Außerdem habe die Verwaltung kaum junge Beschäftigte, die in Frage kämen. Das Kieler Sozialministerium hat einen Erlass herausgegeben, der Testkäufe zur Einhaltung des Jugendschutzes für Städte mit mehr als 20 000 Einwohnern erlaubt.

Cosima Künzel und Kai Dordowsky

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