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Lübeck Szene-Bar schließt nach 38 Jahren
Lokales Lübeck Szene-Bar schließt nach 38 Jahren
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11:52 03.04.2016
Wolf-Dietrich Turné zieht zum Abschied den Zylinder, den Chapeau Claque. Die Location wird bleiben, doch nicht als Szene-Bar. Quelle: Fotos: Neelsen (3)

Freitagabend ging‘s beim Karaoke mit den schrillen „Schwestern der Perpetuellen Indulgenz“ im „Chapeau Claque“ (CC) noch einmal richtig bunt und laut zu, gestern feierte Wolf-Dietrich Turné den letzten Abend der Szene-Kneipe — mit Freunden, Nachbarn und Stammgästen. Laut und schrill — das war nie das Ding des gelernten Kaufmanns, der seit seinem 17. Lebensjahr fotografiert, früher eine Galerie in der Hüxstraße, dann in der Mühlenstraße betrieb und seit einigen Jahren Fotograf bei den Nordischen Filmtagen ist.

1996 kam er „wie die Jungfrau zum Kinde“ über einen Bekannten zu Lübecks Schwulen-Kneipe, Turné übernahm sie von Peter Kühl und Andreas Wiechmann. Jetzt, mit 55 Jahren und nach einigen emotionalen Belastungen in letzter Zeit, schließt er die Bar.

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Es war der Treff für Lübecks schwul-lesbische Community: das „Chapeau Claque“ in der Hartengrube 25 — Doch alles hat seine Zeit und der langjährige Wirt andere Pläne für seine zweite Lebenshälfte.

Haus mit Historie

1904 wurde das heutige Haus Hartengrube 25 dort, wo sich ab 1563 das Stecknitzfahrer-Amtshaus befand, neu errichtet. Samt zwei Steinfiguren über dem Eingang, geschaffen von Wilhelm Christian Cuwie. Bildhauer Sven Schöning erneuert die Figuren, das Haus ist seit 2015 eingetragenes Kulturdenkmal.

Turné hat in den vergangenen 20 Jahren eine Menge erlebt. Damals, als er das „CC“ kennenlernte, „gab es eine Klingel und ein Guckloch“. Zudem waren die Fenster zur Hartengrube verhängt, „denn es war ein Ort der Begegnung, so etwas wie ein Schutzraum“. Turné selbst kämpfte immer für die Öffnung, gestaltete vor einigen Jahren das „CC“ komplett um und öffnete die Fenster, die nun halbtransparent sind. In den 70er- und 80er-Jahren gab es in der Hansestadt übrigens sieben oder acht Szene-Treffs, heute ist nur das „CC“ übriggeblieben. Und während in den ersten Jahren das Gros der Gäste schwul-lesbisch war, mischten sich zuletzt mehr und mehr Heteros unter die Gäste.

In seinen 20 Jahren als Gastronom hat der 55-Jährige „viele Leute kennengelernt — und ganz andere Denkstrukturen“. Teils sind daraus echte Freundschaften entstanden wie die zu dem Paar aus Amsterdam, das er vor 16 Jahren beim Tresengespräch kennenlernte. Er habe in seiner Zeit „einiges in Lübeck auf die Beine stellen können“, vor allem in Zusammenarbeit mit dem Verein CSD unter Christian Till und mit der Aids-Hilfe Lübeck, für die sich Turné seit Jahren engagiert.

Erst kürzlich fand im „CC“ eine Rosenstolz-Revival-Party statt. Den Erlös, immerhin 525 Euro, übergab Turné an Hildegard Welbers vom Vorstand der Aids-Hilfe. Zahlreiche Szene-Partys, auch im „Eishaus“, in der „Botschaft“ oder in anderen Locations, hat das „CC“ ausgerichtet, in der Hartengrube selbst gab es immer wieder Rosenstolz-Partys, Oktoberfeste oder Rosenmontagsfeiern mit Kostümprämierung. Viele seien in der Bar „groß geworden“, etliche hatten hier ihr Outing, Paare fanden sich, andere trennten sich.

Und manches Mal ließen sich auch Promis hier blicken: Gitte zum Beispiel, die im Rahmen der Nordischen Filmtage ins „CC“ reinschaute, oder Kay Ray, Patrick Lindner oder Entertainerin Daphne de Luxe. Ein bisschen wehmütig wird der Szene-Wirt schon, wenn er sich zurückerinnert. Aber: Alles hat bekanntlich seine Zeit.

Doch es gibt auch eine gute Nachricht: Aus dem „CC“ wird die „Location 25“, denn momentan renoviert Turné das Haus, das er 2007 erwarb. Sobald wie möglich möchte er dann einen Mix aus Galerie und Gastronomie schaffen. Für allerlei „projektierte Veranstaltungen“ wie Familienfeiern, Fotografen-Austausch, einen Szene-Treff, Clubabende und ähnliches. Auch sein Mieter, der Künstler Uwe Boschen, könnte künftig hier ausstellen, und wer Vorschläge habe, könne sich gerne per E-Mail (wdturne@googlemail.com) an ihn wenden, so Turné.

Von Sabine Risch

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