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Lübeck Technik, die läuft und läuft und läuft
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23:24 26.11.2016
Das Zifferblatt zeigt außen die Minuten, in der Mitte die Stunden und innen die Viertelstunden. Jede Viertelstunde ertönt das Schlagwerk. Die Augen des Sonnengesichts bewegen sich hin und her. Quelle: Olaf Malzahn

Jeden Morgen schließt Andreas Groth (74) den Dom auf, steigt die Treppe zum Lettner hinauf – einem hölzernen Aufbau, der den Ostchor vom übrigen Kirchenschiff trennt –, öffnet eine Tür und steht in einem kleinen Raum mit großen Zahnrädern. Es ist der Maschinenraum der prächtigen Uhr aus dem Jahr 1628.

Das, was von außen zu sehen ist, ist voll von Symbolen: Der Tod mit dem Stundenglas schlägt mit hartem Klang die vollen Stunden. Der Glauben schlägt mit hellem, freundlichem Klang die halben und Viertelstunden. (Die Schlagwerke müssen extra aufgezogen werden.) Eine Kugel, halb schwarz und halb golden, zeigt den Wechsel des Mondes an. Die Augen des Sonnengesichts bewegen sich mit jedem Pendelschlag hin und her.

Andreas Groth (74) zieht die Uhr im Lettner des Doms jeden Tag auf. Eine Winde zieht das Gewicht 29 Meter in die Höhe. Quelle: Olaf Malzahn

Die Symbole müssen den Heutigen zum Teil erst erklärt werden. Die Technik dahinter aber funktioniert genauso wie im 17. Jahrhundert. Die Welt hat sich immer schneller verändert – doch die Lettneruhr tickt langsam und unabänderlich wie vor fast 400 Jahren. Vorausgesetzt natürlich, sie wird aufgezogen. Dafür stellt Andreas Groth sich an eine große Kurbel und zieht mit einer Winde das Gewicht an einem Drahtseil nach oben, 29 Meter hoch bis in den Dachreiter, das Türmchen auf dem Dachfirst. Zweimal am Tag muss das geschehen, morgens kurbelt Groth, nachmittags der Küster.

Einmal im Jahr kommt ein Uhrmacher, um das Uhrwerk zu inspizieren und die Teile zu schmieren. Auswechseln muss er so gut wie nie etwas. „Was soll auch kaputtgehen?“, fragt Andreas Groth.

Teig formen: Know-how aus der DDR

Die Brötchenmaschine VATW4 muss mindestens einmal im Monat abgeschmiert werden. Daran merkt man, dass sie alt ist. Früher, erinnert sich Bäckermeister Jörg Knölcke (71), Inhaber der Bäckerei Horst, genügte einmal im halben Jahr. „Die Lager sind alle ausgeschlagen“, sagt er. Aber Brötchen formt die Maschine noch immer – heute wie 1960, als Knölckes Vater sie kaufte. Hergestellt wurde sie im Volkseigenen Betrieb Bäckereimaschinenbau Halle. Schon damals, lange vor der Entspannungspolitik, verkauften DDR-Betriebe über bundesdeutsche Vertriebspartner ihre Produkte im Westen.

Bäckermeister Jörg Knölcke an der Brötchenmaschine VATW4. Quelle: Olaf Malzahn

Wie alt die Maschine genau ist, weiß Knölcke nicht. Aber er weiß, dass aus ihr jeden Tag zuverlässig 3000 Brötchenrohlinge kommen, Knüppel (mit Kerbe) oder Schrippen (ohne Kerbe). Eine elektronische Steuerung gibt es nicht. Ersatzteile allerdings auch nicht. Knölcke: „Wenn Sie beim Bäckereimaschinenhändler anrufen, sagen die: Schmeiß weg das Ding.“ Wenn er Teile braucht, muss er sie anfertigen lassen.

Zehn Jahre, schätzt Knölcke, hält die VATW4 noch, und so lange wird er sie in Ehren halten. „Man weiß ja auch, wie sie reagiert. Hier muss man noch als Bäcker dran arbeiten. Mit Gefühl.“

Schleusen wie vor 100 Jahren

Als Mitte der 1890er-Jahre der Elbe- Lübeck-Kanal gebaut wurde, gab es ein Problem: Südlich von Lübeck war nicht überall elektrischer Strom zugänglich. Da ließ der Wasserbauinspektor Ludwig Hotopp (1854- 1934), der auch die Hubbrücke entwarf, sich etwas einfallen. Er erfand eine Technik, mit der man eine Schleuse, die allen Anforderungen der modernen Binnenschifffahrt genügte, ohne Strom betreiben konnte.

Die Tore der Büssauer Schleuse werden mit Druckluft bewegt. Quelle: Lutz Roeßler

Heute, 120 Jahre später, steht Schichtleiter Max Povtsjuk (31) am Steuerstand der Büssauer Schleuse und dreht an einem großen Rad. Das Rad, die Rohre, die Anzeigen – alles stammt aus der Bauzeit des Kanals, der 1900 eingeweiht wurde. Auch der Elektromotor, der hier ausnahmsweise nötig ist, weil der Unterschied zwischen den Wasserständen auf den beiden Seiten nicht immer ausreicht, tut seit mehr als 100 Jahren seinen Dienst. Den Großteil der Arbeit aber macht das Wasser selber: Indem es abwärts in einen Kessel fließt, nimmt es Luft mit. Damit wird in dem Kessel Druckluft erzeugt, die zum Schleusen und zum Bewegen der Schleusentore ausreicht. „Diese Schleusen kann man fehlerfrei fahren“, sagt Povtsjuk.

Teile wie Rohre oder Ketten sind immer mal ausgewechselt worden – aber am Prinzip hat sich nichts geändert. Auf absehbare Zeit wird das auch so bleiben – es sei denn, der Kanal wird eines Tages ausgebaut.

Hanno Kabel

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