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Lübeck Teppich-Verbot gilt selbst in Wohnungen
Lokales Lübeck Teppich-Verbot gilt selbst in Wohnungen
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20:55 03.08.2017
Im Schlesienring in Kücknitz mussten sich die Bewohner einer Gemeinschaftsunterkunft, die in abgeschlossenen Wohnungen leben, ebenfalls von ihren Möbeln trennen, die über die Basis-Ausstattung hinausgehen. Quelle: Fotos: Ulf-Kersten Neelsen (2), Gemeindediakonie, Hfr

Berge von Sperrmüll türmten sich jüngst im Schlesienring in Kücknitz: Flüchtlinge, die in den Häusern 51 bis 55 wohnen, mussten ihre Sofas, Teppiche und anderes Mobiliar entsorgen, das nicht zur Basisausstattung einer Gemeinschaftsunterkunft gehört. Der Grund: Brandgefahr.

Quelle: Neelsen

Auf LN-Anfrage hat die Staatsanwaltschaft Lübeck die Brandursachen bei drei Feuern in Asylunterkünften im ersten Halbjahr benannt: Matratzenbrand, defekte Dunstabzugshaube, Ursache unbekannt.

Feuerwehr: Auflagen stammen nicht von uns – Polizei nennt Brandursachen in Unterkünften.

Am 22. Februar löste ein Bewohner der Gemeinschaftsunterkunft Luisenhof in Siems ein Feuer in einem Holzhaus aus. „Ein Bewohner hat aus Unachtsamkeit und in trunkenem Zustand mit seiner Zigarette eine Matratze in Brand gesetzt“, sagt Oberstaatsanwältin Ulla Hingst. Am 12. März brannte eine Dunstabzugshaube in einer Unterkunft in der Ziegelstraße 8. „Fettexplosion“ hieß es in den Zeitungsberichten. Laut Staatsanwaltschaft war ein technischer Defekt der Haube die Ursache. Am 27. Juni brannte es in der Unterkunft Festwiesenweg in Kücknitz. Die Ermittlungen würden noch laufen, aber vermutlich könne die Ursache nicht geklärt werden, weil das Feuer zu viel zerstört habe, sagt die Oberstaatsanwältin. „Es gibt keinen Anhaltspunkt für Brandstiftung.“

Drei Feuer in Gemeinschaftsunterkünften in nur sechs Monaten – das ist für eine Kommune, die die Verantwortung für rund 2000 Menschen in den Unterkünften hat, schon besorgniserregend. Aber ist die Entfernung aller Möbel, die nicht zur Basisausstattung gehören, die richtige Lösung? Thomas Köster, stellvertretender Leiter der Berufsfeuerwehr, versichert: „Diese Auflagen stammen nicht von uns, wir haben das nicht gefordert.“ Köster kommt aus München und musste dort einen schlimmen Brand in einem Containerdorf bekämpfen. „Jedes Möbelstück ist eine Brandlast“, sagt er. „Brände in Containerdörfern sind nicht zu unterschätzen – vor allem durch die beengte Wohnsituation.“

Der Bereich Soziale Sicherung, der zusammen mit Verbänden wie Gemeindediakonie, Rotes Kreuz und Johanniter die Unterkünfte betreibt, hält an den harten Auflagen fest. Zusätzlich angeschafftes Mobiliar müsse entfernt werden. Die Flüchtlinge seien in ihrer jeweiligen Landessprache auf die Hausordnungen hingewiesen worden, in denen das seit längerem so geregelt sei. Im Schlesienring in Kücknitz leben die Bewohner wie auch im Festwiesenweg in abgeschlossenen Wohnungen. „Wir haben die Häuser 51 bis 55 an die Gemeindediakonie vermietet“, sagt Matthias Rasch, Chef der Grundstücksgesellschaft „Trave“. „Es gibt dort 28 Wohnungen mit eigenen Küchen und Bädern. Das ist trotzdem eine Gemeinschaftsunterkunft.“ Der Bereich Soziale Sicherung will alle Asylbewerber gleich behandeln. „Auf dem Grundsatz der Gleichbehandlung erfolgt diese Aufforderung auch an Bewohner von Gemeinschaftsunterkünften, die den Charakter von abgeschlossenen Wohnungen haben“, heißt es wörtlich. Dass nicht alle Brandgefahren eliminiert werden könnten, sei klar, sagt der Bereich, „aber es geht um die Vermeidung zusätzlicher Brandlasten“.

Frage an die Gemeindediakonie: Hat der Verband kein schlechtes Gewissen gegenüber den Spendern von Möbeln, dass diese jetzt auf dem Sperrmüll landen. „Wir haben keine Möbelspenden angenommen“, sagt Diakonie-Pastorin Dörte Eitel, Chefin der Gemeindediakonie. „Es handelt sich um Spenden, die die Spender den Geflüchteten direkt übergeben haben.“ Der Arbeitskreis Flüchtlinge in Schlutup, eine Gruppe ehrenamtlicher Betreuer, hat Ende Juli an Sozialsenator Sven Schindler (SPD), Diakonie-Pastorin Eitel und den Bereichsleiter Obdach und Asyl der Gemeindediakonie, André

Weidmann, geschrieben. „Die Benutzung von Kochern in den Zimmern ist gefährlich, der Besitz eines Teppichs oder Sessels ist es jedoch nicht“, sagt der Arbeitskreis. Schindler solle die „inhumanen Maßnahmen“ beenden und zu einem „menschenwürdigen Umgang mit den Flüchtlingen“ zurückfinden. Eitel und Weidmann sollen ihre „Betreuer vor Ort nicht in Gewissensnöte“ bringen. Die Schlutuper Flüchtlingshelfer: „Einer christlichen Organisation wie der Diakonie steht die entwürdigende Drangsalierung der Flüchtlinge unter ihrer Obhut schlecht an.“

Mehrere Bürgerschaftsfraktionen haben ebenfalls schon eine Abkehr von der jetzigen Praxis gefordert. Die BfL spricht von einer „beschämenden Handhabung“ durch die Stadt. BfL-Sozialpolitiker Fritz Knispel: „Wir fordern eine rasche Aufklärung, wer für dieses panische Verhalten zuständig ist.“

 Kai Dordowsky

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