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Lübeck Thomas-Mann-Büste wieder aufgetaucht
Lokales Lübeck Thomas-Mann-Büste wieder aufgetaucht
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11:34 08.11.2014
Berufstaucher André Richardsen (33) hat die gestohlene Thomas-Mann-Büste aus der Trave am Falkendamm gezogen. Gut drei Jahre war der Kopf im Wasser unentdeckt geblieben. Fotos Holger Kröger (2), LN-Archiv
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St. Jürgen

Grün angelaufen ist er, eine dicke Schicht Patina und ein paar Minimuscheln befinden sich nun auf seiner Oberfläche, sonst ist er ganz der Alte:

Die bronzene Thomas-Mann-Büste war drei Jahre spurlos verschwunden. Jetzt ist klar: Die Büste des Literaturnobelpreisträgers war lange Zeit gut auf dem Grund der Trave versteckt. „Wir hätten nie damit gerechnet, dass wir den Kopf noch einmal zu Gesicht bekommen“, sagt Rolf Pribnow, stellvertretender Schulleiter, der Thomas-Mann-Schule, in deren Innenhof sich die Büste bis zum Diebstahl befunden hat.


Der Zufallsfund von André Richardsen

Der Fund nun ist reiner Zufall: Eigentlich ist Taucher André Richardsen nur zu Routinearbeiten im Auftrag der Lübeck Port Authority an den Falkendamm beim Klughafen gekommen. Der Fußweg ist an einer Stelle ein Stück abgesackt. „Wir mussten unter Wasser überprüfen, ob an der Kaimauer Sand austritt“, so der Mitarbeiter der Firma Taucher Hock. Die Sicht in der Trave ist an diesem Tag verhältnismäßig gut, etwa einen halben Meter. „Etwa zwei Meter von der Mauer entfernt befand sich etwas, das erst wie ein Blumenkübel aussah“, so der Taucher. Richardsen zieht den Fund aus dem Schlamm: „Plötzlich schaute mich dann ein Gesicht an — das war schon sehr komisch.“ Was der 33-jährige Preetzer (Kreis Plön) da gefunden hat, ist ihm zunächst gar nicht klar. Schlamm und andere Rückstände bedecken den rund 18 Kilogramm schweren Kopf„Ich habe mich einfach nur gefreut, so etwas Interessantes gefunden zu haben“, sagt der Berufstaucher, der sogar schon einmal den Ehering eines Bekannten aus dem Meer gefischt hat.


Rolf Pribnow, stellvertretender Schulleiter der Thomas-Mann-Schule und Lehrerin Sabine Jebsen nehmen die Büste vom Finder in Empfang. Quelle: Holger Kröger

Doch der Fund erregt Aufsehen. Nicht lange dauert es, da haben Pribnow und seine Kollegin Sabine Jebens den Kopf aus Bronze trotz der Verunreinigungen identifiziert: „Das ist eindeutig die Büste, die uns gestohlen wurde“, sagt die Lehrerin. Und sie muss es wissen: Nachdem Unbekannte im Juni 2011 während Sanierungsarbeiten an der Thomas-Mann-Schule den Kopf der Büste des Literaten im Innenhof abgeschlagen hatten, begannen für sie die Nachforschungen, wie man Ersatz für das über 40 Jahre alte Wahrzeichen beschaffen könnte. „Wir sind davon ausgegangen, dass Buntmetalldiebe am Werk gewesen waren und der Kopf in irgendeinem Ofen eingeschmolzen wurde“, so Pribnow.

Denn von dem Kopf fehlte jede Spur; auch beim 3. Polizeirevier am Meesenring, das damals die Anzeige wegen Diebstahls aufgenommen hatte, waren nie Hinweise zu dem Verbleib des Wahrzeichens eingegangen. So begann Jebens im Internet zu recherchieren. „Eine sehr spannende Angelegenheit“, wie sie sagt. Doch die Ergebnisse waren zunächst ernüchternd: Die Gussform der Original-Büste, die 1965 von Thomas-Mann-Freund und -Verleger Gottfried Bermann Fischer geschaffen worden ist, war inzwischen zerstört worden. Erst sollte mit Hilfe von weiteren Mann-Büsten aus Fischers Hand ein neues 3-D-Modell erstellt werden. Schließlich erschuf Bildhauer Michael Franke ein neues Werk im Wert von 5000 Euro, das 2013 eingeweiht wurde.

Nun gibt es an der Thomas- Mann-Schule einen Doppelgänger. „Die Nachricht war jetzt so überraschend, dass wir uns noch nicht richtig überlegen konnten, was als nächstes passiert“, so Schulleiter Pribnow. „Aber wir werden einen adäquaten Ort für die Büste finden.“ Für Taucher Richardsen gab es nun zunächst Marzipan und eine Flasche Wein — ob noch weiterer Finderlohn verteilt wird, steht noch nicht fest.

Bewegte Geschichte
1966 ist die Thomas-Mann- Büste auf Initiative des damaligen Elternvertreters Rolf Sander der Schule von Schöpfer Gottfried Bermann Fischer gestiftet worden. Die Possehl-Stiftung finanzierte damals mit 1000 D-Mark den Transport aus der Toskana, wo Bermann Fischer seit Verkauf seines Fischer-Verlages lebte. Der Verlag hatte auch Thomas Manns Werke publiziert. Leicht abgewandelte Kopien der Büste, die der Freund Thomas Manns ebenfalls schuf, befinden sich zudem in Zürich und München.

Lena Schüch

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