Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Tops und Flops der eigenen Ernährung
Lokales Lübeck Tops und Flops der eigenen Ernährung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
23:25 17.03.2018
Dieser Chip auf dem Oberarm misst den Blutzucker. Alle acht Stunden müssen die Daten ausgelesen werden.
St. Gertrud

Neun Monate haben nur noch gefehlt. Dann hätte sich Dr. Christoph Twesten bei der Ärztekammer in Bad Segeberg zur Facharztprüfung anmelden können; dann wären die fünf anstrengenden Jahre als Assistenzarzt mit Nachtdiensten und Stationsrotationen an der Uniklinik absolviert gewesen.

Jungmediziner Dr. Christoph Twesten hat die Klinik verlassen und ein Ernährungs- Start-up gegründet.

DAS ZIEL:

In vier bis sechs Wochen soll

das „Produkt“ von Perfood marktreif sein. Dann kann sich jeder für einen voraussichtlichen Preis von 299 Euro seinen eigenen Stoffwechselreport

erstellen lassen.

DER GRÜNDER:

Dr. Christoph Twesten (33) wollte

Facharzt für Innere Medizin werden. Da er parallel am Uni-Institut für

Ernährungsmedizin geforscht hat,

bekam er den Impuls zur Gründung

eines Ernährungs-Start-ups.

LN-Existenzgründerpreis 2018

Zum achten Mal loben die Lübecker Nachrichten einen Preis für mutige Firmengründer aus.

Er wird im Frühjahr verliehen.

5000 Euro gibt es für den Existenzgründerpreis, gestiftet von Juwelier Mahlberg, 3000 Euro für den LN-Innovations- und Mutpreis für eine ungewöhnliche Geschäftsidee.

GRÜNDERGEISTER

DIE IDEE:

Mit einer Ernährungsoptimierung

gesundheitsbewusste und erkrankte Menschen ansprechen – und zwar

mit einem „personalisierten

Stoffwechselreport“. Alles soll

wissenschaftlich untermauert sein.

Und nach bestandener Prüfung hätte sich Twesten als Facharzt für Innere Medizin mit eigener Praxis niederlassen oder die Karriereleiter in der Klinik Richtung Oberarzt hochsteigen können. „Ja, hätte ich alles machen können“, stimmt er zu, „aber am 21. März, also vor knapp einem Jahr, habe ich gekündigt“, blickt er zurück.

Und er gibt schon zu, nach dem langen Medizinstudium in Lübeck den Arztberuf zu vermissen. „Aber ich habe meine Entscheidung nie bereut. Denn es war einfach der richtige Zeitpunkt. Ich habe gedacht – jetzt oder nie. Ansonsten hätte ich mich wohl mein ganzes Leben lang im Nachhinein geärgert“, betont der 34-Jährige, warum er vom Gründergeist infiziert worden ist.

Mittlerweile sitzt er zusammen mit weiteren sechs Mitstreitern in einem eleganten Dachbüro in der Hafenstraße; den weißen Kittel hat er gegen ein blaues Jackett ausgetauscht. Und von der Qualität seiner Geschäftsidee ist er felsenfest überzeugt. „Denn ohne die Gewissheit, dass der Kunde davon nachhaltig profitiert, wäre ich 100-prozentig Arzt geblieben“, sagt er.

Schon viele Male konnte das Softwareprogramm „MillionFriends“ seiner Firma Perfood zeigen, was in ihm steckt. Dabei erarbeitete das Programm aus erfassten Messwerten einen „personalisierten Stoffwechselreport“. „Das ist dann das Endprodukt, das jeder Kunde als Auswertung nach einer 14-tägigen Messphase in den Händen halten kann“, erklärt Christoph Twesten. Das gut 30-seitige Werk zeigt den zukünftigen Weg zu einer gesünderen Lebensweise auf – „schon mit einer kleinen Lebensstiländerung kann man sehr viel für sein Wohlergehen im Alltag erreichen“, so der Mediziner.

Konkret bekommt man detailliert schwarz auf weiß mitgeteilt, was man essen und lieber nicht essen sollte – zum Beispiel werden die „Top-Mahlzeiten“ und die „Flop-Mahlzeiten“ aufgelistet. „In der Summe sind es unserer Erfahrung nach nur rund 15 bis 20 Prozent der Lebensmittel, die man innerhalb des eigenen Speiseplans austauschen sollte, um sich individuell stoffwechseloptimiert zu ernähren“, so die Botschaft des Firmengründers. Entsprechend sei nach dem initialen Ernährungs- check in den meisten Fällen nur eine Ernährungsanpassung und keine komplette Ernährungsumstellung erforderlich.

Doch wie kommt man überhaupt zu solchen Schlussfolgerungen? Im Zentrum von Twestens wissenschaftlichen Überlegungen, die vom Lübecker Uni-Institut für Ernährungsmedizin gespeist wurden und werden, steht der Blutzucker. „Jeder Mensch reagiert sehr unterschiedlich auf Lebensmittel. Dafür sind vor allem die Darmbakterien verantwortlich. Und um dies sehen zu können, kann man den Blutzuckerspiegel zu Rate ziehen“, erklärt er.

Deshalb bekommt erstmal jeder Kunde, wenn er sich für die „MillionFriends“-Methode entscheidet, völlig schmerzfrei einen Zwei-Euro-Stück-großen Sensor auf den Oberarm gestempelt. Dieser misst im Unterhaut-Fettgewebe permanent den Blutzuckerspiegel; und damit man weiß, auf welches Lebensmittel der Körper gerade reagiert, muss in einer App eingetragen werden, was man gerade isst. Diese Messphase dauert zwei Wochen.

„Wenn nun hinterher bei der Auswertung der Daten herauskommt, dass nach Verzehr eines Weizenbrötchens mit Marmelade oder eines Schokomüslis beispielsweise der Blutzucker rapide in die Höhe schnellt, ist das negativ. Weil man dann ganz schnell wieder Hunger auf mehr bekommt“, analysiert er. Der Arzt konnte somit im Selbsttest zum Beispiel erkennen, warum er von einem Apfel sofort wieder Hunger bekommt, nach dem Verzehr einer Banane aber nicht. „Ich musste komplett umdenken“, merkt er an.

Das Ganze sei mit dem Insulinspiegel gekoppelt, der dafür sorge, dass der Zucker in die Zelle gelange und gespeichert werde. „Und wenn dieser Insulinspiegel immer hoch und runter geht, weil das falsche Essen konsumiert wird, ist das auch schlecht. Denn ein Überschuss an Insulin kann dafür sorgen, dass man nach einer Mahlzeit schneller wieder Hunger bekommt und die Fettzellen ihr Fett nicht abgeben wollen“, erklärt Twesten die Zusammenhänge.

Neben dieser Wechselwirkung werden unter anderem noch weitere Faktoren wie Schlaf, Sport und die momentane Lebenssituation erfasst. Und: „Ein wesentlicher Bestandteil des Programms ist eine Mikrobiom-Analyse, also eine Untersuchung, wie die Darmflora zusammengesetzt ist.“

So erklärt sich auch der Produktname „MillionFriends“ – „die Bakterien im Darm sind schließlich unsere Freunde, die uns in unserer Verdauung unterstützen und damit je nach Zusammensetzung einen großen Einfluss auf unsere individuelle Stoffwechselreaktion besitzen“, erklärt Twesten schmunzelnd.

 Michael Hollinde

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!