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Lübeck Totschlag: Angeklagter lässt Verhandlung platzen
Lokales Lübeck Totschlag: Angeklagter lässt Verhandlung platzen
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20:52 09.01.2018
Der Angeklagte beantragte eine Aussetzung des Hauptverfahrens. Quelle: Markus Scholz/dpa
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Siems

Es ist ein Drama, das eine ganze Familie zerstört hat. Was sich genau an jenem Abend im vergangenen Juli in seinem Elternhaus in Siems abgespielt hat, will zumindest der Angeklagte jetzt nicht mehr wissen – wegen vorherigen Drogenkonsums, wie sein Verteidiger Hans-Jürgen Wolter erzählt.

Gestern Morgen, 9 Uhr, ist es voll im größten Landgerichtssaal 315. Pressevertreter und etliche Zuschauer sind gekommen, um den Prozess zu verfolgen. Justizbeamte führen den Angeklagten, der sich eine rote Aktenmappe vors Gesicht hält, in den Saal. Kaum haben die Fotografen den Saal verlassen, zeigt Hartmut L. sein Gesicht und spricht mit seinem Verteidiger.

Laut Anklageschrift, die Staatsanwalt Niels-Broder Greve im Eiltempo vorliest, war L. an jenem 14. Juli wegen seines höchst pflegebedürftigen und hilflosen Vaters mit seiner Mutter Iris L. (51, Name geändert) in Streit geraten. Er soll sie gepackt, zu Boden geworfen und geschlagen haben. Aus der Küche soll er dann eine Geflügelschere geholt haben, mit der er seiner Mutter Verletzungen im Kopf-, Brust- und Rückenbereich zugefügt habe. Sie verblutete. Die Großmutter (78) des Angeklagten, die ihrer Tochter helfen wollte, soll ebenfalls zunächst mit Faustschlägen, dann mit der Geflügelschere lebensgefährlich verletzt worden sein. Dennoch schaffte sie es, sich eine Bratpfanne zu besorgen, mit der sie ihren Enkel niederschlagen konnte. Auch gelang es ihr, die Polizei zu verständigen. Auch die Großmutter habe einen „erheblichen Blutverlust erlitten“, so der Staatsanwalt. Sie wurde notoperiert, lag sechs Tage auf der Intensiv-, weitere acht Tage auf der Normalstation.

Die Anklage lautet auf Totschlag und versuchten Totschlag in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung. Doch noch bevor Sachverständige und erste Zeugen – vor allem die Großmutter des Angeklagten – vernommen werden können, endet der erste Hauptverhandlungstag. Die vorsitzende Richterin Helga von Lukowicz weist darauf hin, dass die Ladungsfrist von sieben Tagen um einen Tag unterschritten worden sei. Und obwohl sie betont, es sei eine reine Formalie und „der Beginn der Hauptverhandlung ist keine Überraschung“, beharrt der Angeklagte darauf, noch mit einem bestimmten Arzt sprechen zu wollen. Zudem diskutiert er mit der inzwischen leicht gereizten Richterin, dass er noch kein Abschlussgespräch mit seinem Verteidiger Wolter geführt habe.

Weil es für alle Beteiligten unglücklich wäre, alles abzubrechen, wird ihm der Wunsch nach einem Gespräch mit Wolter sofort gewährt. Alle verlassen den Saal, nur Hartmut L. und sein Verteidiger bleiben. Nach etwa 20 Minuten geht es weiter, von Lukowicz erklärt noch einmal, wie es zu dem Formfehler kam: „Wir sind seit dem 1. Januar zuständig, konnten die Ladung aber erst am 2. Januar zustellen.“ Sie erläutert zudem die Optionen: die Verhandlung fortzusetzen oder die Aussetzung zu beantragen: „Machen wir“, sagt der Angeklagte – und meint die Aussetzung der Verhandlung.

Wenig später, nachdem der erste Prozesstag neu terminiert wurde, erklärt Verteidiger Hans-Jürgen Wolter auf dem Gerichtsflur, er sei nicht glücklich mit dem Antrag seines Mandanten. Der Angeklagte sei jedoch am Abend der Tat durch Betäubungsmittel beeinträchtigt gewesen und habe nun das Gefühl, dass dies nicht berücksichtigt werde. Deshalb wolle er mit einem zweiten Arzt sprechen. Für die Großmutter des Angeklagten, die gestern aussagen sollte, ist die Vertagung wohl das größte Problem: „Das fällt ihr alles nicht leicht. Sie hatte sich auf heute vorbereitet, jetzt steht ihr das alles noch einmal bevor“, sagt der Vertreter der Nebenklage, Frank-Eckhard Brand.

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