Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Welchen ,Lieblingsgast’ wollen wir in Lübeck begrüßen?
Lokales Lübeck Welchen ,Lieblingsgast’ wollen wir in Lübeck begrüßen?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:27 30.08.2018
Ist gegen ein Komplettverbot von Ferienwohnungen in der Altstadt: Lübecks Tourismus-Chef Christian Martin Lukas (41). Die städtische Tourismus-Gesellschaft vermittelt selbst 50 Ganghäuser an Urlauber. Sie sind sehr beliebt und schon für 2019 gebucht. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck

 

,Ballermann’ in Lübecks Gängen. Über laute Touristen in Ganghäusern beklagen sich die
einheimischen Ganghausbewohner
. Können Sie das nachvollziehen?

Christian Martin Lukas: Unsere Erfahrung ist, dass Gäste, die das Individuelle der Ganghäuser suchen, auch Gäste sind, die Kultur und den Charme der Altstadt erleben wollen. Insofern kann ich nicht bestätigen, dass das Gäste sind, die sehr laut sind. Die Frage ist natürlich: Was ist laut? Ich befinde mich in einer Stadt: Was stört mich da, was bin ich bereit zu akzeptieren?

Die Einheimischen haben aber einen anderen Lebensrhythmus als die Touristen...

Wir bringen in jedem Fall Verständnis für die Bürger mit. Für uns war und ist es immer wichtig, dass Bürger und Gäste in gutem Einvernehmen aufeinandertreffen. Das bei Veranstaltungen wie zum Beispiel dem Hansekultur-Festival ein gutes Miteinander erfolgt. Tourismus ist für uns eine Willkommenskultur – insofern ist es uns sehr, sehr wichtig, dass die Lübecker und Travemünder weiterhin gute Gastgeber bleiben. Daher ist es erforderlich, einen Kompromiss zu finden, der für alle Beteiligten positiv ist.

Haben Sie eine Lösung?

Das Problem ist vielschichtig. Zum einen geht es um Wohnraum, zum anderen um die Belastung der Ganghaus-Bewohner. Man könnte über eine Reduzierung der Komplettvermietung als Ferienwohnung nachdenken. So machen es andere Städte auch. Das heißt: Eine Vermietung wird nur zu einem gewissen Prozentsatz der Tage im Jahr zugelassen. Oder man kann eine gewisse Menge an Ferienwohnungen, an Ganghäusern, festlegen, die in die Vermietung gehen, so dass sie nicht stören. Da ist man dann sehr schnell bei einer Prozent-Lösung.

Das lehnen Ganghaus-Bewohner ab ...

Man muss die Gänge dabei auch einzeln betrachten. In welchen Gängen ballen sich Ferienhäuser, in welchen nicht? Was sich unsere Gäste nicht wünschen, ist eine starke Ballung oder ,Ghettoisierung’ von Tourismus-Quartieren. Denn sie wollen ja Teil des Stadtlebens sein – ,living like a local’, also leben wie ein Lübecker.

Also keine Pauschallösung mit 15 Prozent Ferienwohnungen, sondern in jedem Gang schauen, dass es nicht zu viele werden?

Ja, eine Prozent-Lösung, individuell angepasst. Zum Beispiel: Ein bestimmter Prozentsatz an Wohnungen steht für die Vermietung an Feriengäste zur Verfügung, und dann muss die Verwaltung einen gesunden und gangbaren Weg finden.

Das wollen die Politiker

CDU

Die CDU ist gegen eine Regulierung. „Wohnraum kann man anders schaffen“, argumentiert Fraktionschef Oliver Prieur. Und: Das Thema Ferienwohnungen sei komplex. Nicht nur Touristen würden dort nächtigen, sondern auch Arbeitnehmer, die für ein Jahr in Lübeck sind. Prieur will einen Bestandsschutz für die Ferienwohnungen.

SPD

Von den Genossen kommt der radikalste Vorschlag. Die SPD will Ferienwohnungen auf der Altstadtinsel komplett verbieten – und nur in den beiden zentralen Straßenzügen erlauben, also in der Achse Klingenberg und Koberg sowie der Achse Schüsselbuden, Fünfhausen, Beckergrube. Das Verbot soll ab 1. Januar 2019 gelten.

Grüne

Die Öko-Partei ist gegen ein generelles Verbot. Sie will aber die Zahl der Touristen-Unterkünfte eindämmen und Ferienhäuser in Gängen und Höfen verbieten. Für den Rest der Altstadtinsel soll es eine Quote für Ferienwohnungen geben. Sie müssen bei der Stadt registriert werden. Zudem: Die Stadt soll Lizenzen für Ferienwohnungen versteigern.

Unabhängige

Die Wählergemeinschaft sieht die Touristen-Unterkünfte als illegal an. „Die Vermietung von Ferienwohnungen ist nach der Erhaltungssatzung von 1979 eindeutig verboten“, sagt Frank Müller-Horn. Die Bauverwaltung müsse mehr Mitarbeiter bekommen, um das Verbot durchzusetzen, vor allem in Gängen und Höfen. Außerdem müsse das Thema öffentlich diskutiert werden. Zudem: In Travemünde bestehe das Problem ebenfalls. Mehr als 260 Ferienwohnungen haben die Unabhängigen auf einer entsprechenden Website gefunden. Sie wollen eine Milieuschutz-Satzung.

Linke

Die Milieu-Schutz-Satzung hat die Linksfraktion als erste zum Thema gemacht. Sie fordert, dass sie für die Altstadt und den Stadtteil St. Lorenz Süd aufgestellt wird. Damit soll erreicht werden, dass bestimmte Bevölkerungsschichten nicht verdrängt werden. Zudem wollen die Linken, dass illegale Ferienwohnungen auf der Altstadtinsel verboten werden – zum 1. Januar 2019.

BfL

Die BfL will, dass Ferienwohnungen in den Gängen und Höfen verboten werden. Im Rest der Altstadt sollen Touristen-Unterkünfte genehmigt werden müssen. Sie dürfen maximal 120 Tage pro Jahr an Urlauber vermietet werden. Wer dagegen verstößt, soll Geldstrafen zahlen müssen.

Ein Komplettverbot halten Sie für falsch?

Der Wunsch der Gäste ist es, einzutauchen in unsere Stadtkultur. Und Teil dieser Stadtkultur ist auch der Tourismus. Seit sehr vielen Jahren. Der Tourismus beflügelt die Stadtkultur – so wie sie jetzt ist. Wir brauchen den Tourismus nicht nur als Wirtschaftsfaktor. Durch den Tourismus ist ganz viel entstanden in dieser Stadt – für die Gäste, aber auch für den Bürger. Wenn wir woanders Urlaub machen, möchten wir auch Teil des Ganzen werden. Wir können nicht das verbieten, was wir selbst woanders suchen.

Es gibt Lübecker, die sind richtig genervt von den Urlaubern. Die Tourismus-Strategie sieht vor, zwei Millionen Übernachtungen und 12 400 Betten bis 2020. Reicht es jetzt?

 Ich glaube, das ist aktuell ein Zeitgeist-Thema. Es betrifft nicht nur Lübecker, sondern es wird an vielen Orten diskutiert. Ich denke, dass die nächste Strategie im Tourismus die Themen Nachhaltigkeit, Qualität, Besucher-Ströme, Besucher-Lenkung und den Austausch zwischen Bürger und Gast mehr in den Fokus nehmen sollte, und nicht eine weitere Wachtumsmarke.

Was heißt das?

Dabei geht es um Fragen wie: Welchen ,Lieblingsgast’ wollen wir in Lübeck begrüßen? Wie kann Kultur stärker vom Tourismus profitieren? Denn oft spiegelt sich die Steigerung der Touristen-Zahlen nicht in den Besucher-Zahlen der Kultur-Institutionen wieder. Es wird nicht mehr darum gehen, höher, schneller, weiter zu kommen, sondern vielmehr um eine neue Qualität im Tourismus.

Sucht sich Lübeck jetzt aus, wer als Tourist in die Stadt kommen darf?

Wir müssen das Produkt Lübeck weiter in die Richtung entwickeln, dass es aus sich selbst heraus Gäste anspricht, die kulturaffin sind, die ausgabefreundlich sind, die aber auch ein gewisses Werteverständnis mitbringen. Um dem entgegenzuwirken, was man ,Ballermann-Tourismus’ nennt.

Josephine von Zastrow

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Anwohner in den Straßen rund um den Campus sind genervt. UKSH-Mitarbeiter parken die kleinen Straßen zu, um Gebühren zu sparen. Die Mehrheit der Kommunalpolitiker will aber keine Anwohnerparkrechte.

30.08.2018

Nach der erfolgreichen Premiere in 2017 steigt in Travemünde wieder das Seebadfest. Am Wochenende 7. bis 9. September gibt es Musik, Kultur und Kulinarik in der Altstadt.

30.08.2018

Aus, vorbei: Ab 1. Februar 2019 sind die Touristen-Unterkünfte in Gängen und Höfen verboten. Das hat die Bürgerschaft beschlossen. Für den Rest der Altstadt wird es eine Milieuschutz-Satzung geben.

30.08.2018