Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Trinkexperimente gegen Komasaufen
Lokales Lübeck Trinkexperimente gegen Komasaufen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:44 31.05.2018
Trinken bis zur Alkoholvergiftung: 60 bis 70 Jugendliche landen jedes Jahr in der Uniklinik Lübeck, 2012 waren es sogar 110. Quelle: Foto: Dpa
Lübeck

Die Bilanz fällt ernüchternd aus. Bis zu 50 Gruppen von sechs bis sieben Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren wollte die Suchthilfe der Vorwerker Diakonie mit ihrem Trinkexperiment erreichen. Tatsächlich nahmen nur 16 Gruppen an dem zwei Jahre laufenden Projekt teil. „Wir konnten dem Akzeptanzproblem bei Vereinen und Schulen nicht in einer Weise begegnen, dass die Bedenken hinreichend ausgeräumt werden konnten“, heißt es im Jahresbericht der Suchthilfe 2017, „so führten wir insgesamt weniger Veranstaltungen durch, als dies geplant war.“ Es habe Sorge bei den Verantwortlichen von Vereinen gegeben, erklärt Friedemann Ulrich, Leiter der Suchthilfe, „und es gab Bedenken von Eltern, Kinder würden zum Trinken verführt.“

Dabei geht es genau um das Gegenteil. Das Trinkexperiment fördere den verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol und helfe den Jugendlichen, die Wirkung des persönlichen Konsums einzuschätzen, sagt die Vorwerker Diakonie. Den Teilnehmern werden geringe Mengen Alkohol unter Aufsicht von Suchtberatern kredenzt. Ulrich: „Dabei werden keine Schnäpse ausgeschenkt, sondern Bier, Sekt und Mischgetränke.“

Bevor getrunken wird, werden Schnelligkeits- und Konzentrationstests vorgenommen. Nach dem Konsum werden diese Tests wiederholt. Vorab werden die Eltern, Vereine oder Schulen umfassend informiert.

Die Probanden werden auch nach Hause gebracht. Und sie erhalten anonymisierte Rückmeldungen über ihre Tests. „Die Jugendlichen gehen nach der Teilnahme verantwortungsbewusster mit Alkohol um“, bilanziert Friedemann Ulrich.

Die Lübecker Ergebnisse decken sich ihm zufolge mit den Schlussfolgerungen einer großen Brandenburger Studie. Dort nahmen von 2010 bis 2012 rund 1000 Schüler an Trinkexperimenten teil. Die Wissenschaftler stellen fest, dass „kein unerwünschter Gruppendruck in Richtung Alkoholkonsum“ entstanden sei, dass es „keine Unfälle, Intoxikationen oder aggressive Entgleisungen“ gegeben habe, dass die Beeinträchtigung der Konzentrationsfähigkeit mit steigender Trinkmenge zunehme und dass „ein erheblicher Anteil der Teilnehmer die Wirkung des Alkohols auf sich selbst sowohl über- als auch unterschätzt“. Nur 13,4 Prozent hatten laut Studie „eine ausreichend exakte Vorstellung davon, wie viel Promille sie haben“.

Unter Experten sind Trinkexperimente schwer umstritten. „Wir raten Schulen sehr robust davon ab“, sagt Schulrat Helge Daugs. „Wir halten eine Teilnahme gemäß Schulgesetz sogar für verboten und sehen im Experiment keinen Tatbestand, der eine Ausnahme rechtfertigen würde.“ Schule müsse „alles unterlassen, was auch nur ansatzweise eine Motivation zu erhöhtem Alkoholkonsum auslösen könnte. Dazu gehören für mich auch diese Experimente.“

„Mit Kindern und Jugendlichen Alkohol zu trinken, halte ich für sehr bedenklich“, erklärt auch Björn Malchow von der Landesstelle für Suchtfragen. Wichtiger wäre, das Selbstbewusstsein der Jugendlichen zu stärken, „damit sie in einer Gruppe auch mal nein zu Alkohol sagen“. Es habe sich gezeigt, dass sich der theoretische Ansatz, Jugendliche mit Trinkerfahrung „dort abzuholen, wo sie sind“, in der Praxis nicht umsetzen lasse, erklärt ein Sprecher des Kieler Sozialministeriums, das das Projekt mit 25000 Euro förderte. „Unabhängig von den Ergebnissen, wonach die Zahl der Alkoholkonsumenten unter den Teilnehmern sowohl in Bezug auf die Häufigkeit als auch die Menge deutlich gesunken ist, ist die Beendigung des Projektes daher richtig“, sagt der Sprecher.

Inga Marsch, städtische Suchthilfekoordinatorin, hält dagegen Trinkexperimente für ein praxiswirksames Präventionsprojekt, das zu einer nachhaltigen Reduzierung von riskantem Alkoholkonsum führe.

Auch die Vorwerker Diakonie hat sich lange mit dem Projekt schwer getan, räumt Friedemann Ulrich ein. „Wir möchten niemandem verurteilen, sondern Verantwortliche in Jugendarbeit und Bildung für neue Formen präventiver Maßnahmen gewinnen.“ Erst einmal werden die Trinkexperimente nicht wiederholt.

Komasaufen

71 Jugendliche – 36 Jungen und 35 Mädchen – wurden im vergangenen Jahr mit einer Alkoholvergiftung in eine Lübecker Klinik eingeliefert. Die Suchthilfe der Vorwerker Diakonie sucht im Rahmen des seit neun Jahren laufenden Projekts „Hart am Limit“ (Halt) die jungen Komasäufer auf. Nach Angaben der Suchthilfe ist die Zahl der Jugendlichen seit Jahren nahezu gleich. Es gebe weder Anlass zur Entwarnung noch zu Katastrophenszenarien, sagen die Berater, „aber es kommen immer noch viel zu viele Jugendliche wegen Alkoholvergiftung in die Klinik“.

 Kai Dordowsky

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!