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Lübeck Über 350 Jahre Adventsvergnügen
Lokales Lübeck Über 350 Jahre Adventsvergnügen
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19:48 20.12.2015
Der Lübecker Fotograf Karl Braune lichtete 1958 diese Ansicht der Holstenstraße mit Weihnachtsbeleuchtung ab. Heute erhellen mehr als 270 000 Adventslichter die Altstadt.

Einen Weihnachtsmarkt gibt es in Lübeck schon lange: In einigen Quellen des Stadtarchivs ist das adventliche Marktvergnügen seit 1648 nachweisbar. Andere sprechen von 1673 als Startpunkt. Jan Lokers, Leiter des Stadtarchivs, geht vom ersten Datum aus. „Es ist anzunehmen, dass die ersten Weihnachtsmärkte nach dem Dreißigjährigen Krieg, also ab 1648, stattgefunden haben“, so der Historiker. Glühweinstände, glitzernde Adventsdekoration oder Bratwurstbuden gab es damals eher nicht. „Auf dem Weihnachtsmarkt boten vor allem heimische Handwerker aber auch auswärtige Anbieter ihre Waren an“, sagt Lokers. „Es gab Kuchen, sicherlich wurde der Markt auch mal mit Laternen geschmückt.“

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Auf den Spuren vergangener Weihnachtstage: Im Stadtarchiv Lübeck lagern zahlreiche Dokumente aus der früheren Adventszeit. Leiter Jan Lokers zeigt hier eine Wunschzettelkarte eines Mädchens aus Kiel.

Tannenbäume hingegen wurden erst gegen Mitte des 19. Jahrhunderts aufgestellt — so berichten es 1896 die Vaterstädtischen Blätter, eine Beilage der Lübeckischen Anzeigen.

Und das Vergnügen währte auch kürzer als heute: Bis 1871 standen die Holzbuden, die Lübecker Anbietern zum Teil auf Lebenszeit zugeteilt wurden, nur an den beiden Werktagen vor Weihnachten, Neujahr und dem Dreikönigstag in der Innenstadt. 75 Jahre später, 1946, dauerte der Weihnachtsmarkt schon vom 19. Dezember bis zum 1. Januar.

Zunächst wurde nur der Markt vor dem Rathaus mit dem damals gotischen Brunnen in der Mitte als Veranstaltungsfläche genutzt. Ab 1847 kamen dann auch der Schrangen, der Koberg und die Parade hinzu.

Kuchenbäcker, Schuster, Zinngießer, Pantoffel-, Korb- oder Hutmacher priesen ihre Waren an. „Besonders Spielsachen wurden häufig verkauft“, sagt Jan Lokers, „die Konkurrenz zwischen einheimischen und auswärtigen Handwerkern war sehr groß.“ Lange Zeit durften die Nicht-Lübecker ihre Weihnachts-Waren daher nur von 11 Uhr bis Sonnenuntergang anbieten, erst ab 1873 öffneten alle ihre Stände bis 23 Uhr.

Das Standgeld für Einheimische variierte einige Zeit lang zwischen drei Pfennig und drei Schilling. Später wurde die Gebühr nach Quadratmeterzahl berechnet. 1882 betrugen die Gesamteinnahmen der Stadt durch Standgebühren 876 Mark, 1913 schon 952 Mark und in den 1930er rund 4000 Mark.

Zahlreiche Wirtshäuser richteten sich auf den Trubel ein, im Tivoli, Kolosseum oder ehemaligen Wilhelm-Theater traten Zauberkünstler, Zwerge und Akrobaten auf. Lokers: „Zu Beginn des 20.

Jahrhunderts wurde der Weihnachtsmarkt wohl immer mehr zum Jahrmarkt mit Karussells und Schießbuden.“ Der wenig besinnliche Rummel dauerte jedoch nicht lange. Trotzdem bestand der Weihnachtsmarkt weiter und überdauerte sogar den Zweiten Weltkrieg, wie es die Lübecker Akten der Verwaltung für öffentliche Einrichtung zeigen.

Als das Marzipan gebraten wurde

Und auch im Ausland bekam man etwas von dem Lübecker Weihnachtszauber: Schon damals pflegten einige Lübecker Firmen die Tradition, ihren Kunden zur Weihnachtszeit ein kleines Marzipanpräsent zu schenken. 1897 berichteten die Vaterstädtischen Blätter über eine englische Firma, die ein mit dem Holstentor geprägtes Stück erhielt. Zunächst wusste man in Großbritannien allerdings nichts Genaues mit dem süßen Präsent anzufangen. Die Beschenkten ließen es schließlich einrahmen und hängten es an die Wand. Doch ein mit der Firma befreundeter Deutscher erklärte den Briten: „Das ist nicht zum Besehen, das ist zum Essen!“ Unglücklicherweise hatte er seinen Freunden nicht erklärt, wie die Süßspeise gegessen wird, denn im Folgejahr sollen sie versucht haben, das Marzipan zu kochen. Ein Jahr später brieten sie es sogar in der Pfanne. Als auch dies missglückte sollen die britischen Geschäftspartner erklärt haben, roh würden sie „das weiße Zeug“ nicht essen.

Und schenkten es kurzerhand einer in England lebenden Familie aus Lübeck.

Katrin Diederichs

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