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Lübeck Um Lübecks Telefonzellen wird es einsam
Lokales Lübeck Um Lübecks Telefonzellen wird es einsam
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22:32 18.08.2016
Sieht aus wie Kunst im Grünen, ist aber eine funktionstüchtige Telefonzelle. Sie steht an der Ecke Bei der Lohmühle/Schwartauer Allee und wird augenscheinlich selten genutzt. Quelle: Fotos: Kröger, Maxwitat, Künzel (4)

Telefonzellen werden kaum noch genutzt. Geradezu symbolhaft offenbart sich das Häuschen an der Ecke Bei der Lohmühle/Schwartauer Allee. Hoch wuchern Gräser um den grauen Kasten, und wer zum magentafarbenen Hörer im Inneren möchte, der muss erst einen Weg durch die Brennnesseln finden. Doch die Telefonanlage ist voll funktionsfähig, und nachts weisen sogar die leuchtenden Buchstaben des Netzanbieters den Weg. Aber kaum jemand telefoniert noch aus einer Zelle heraus. Die Objekte sterben aus, und nur Einzelstücke enden so schick wie die Bücherzelle vorm Gemeinschaftshaus im Nachtigallenstieg.

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Seit Jahrzehnten verschwinden die Häuschen immer mehr aus dem Stadtbild – Kaum jemand weiß noch, wo sie überhaupt stehen – Trotzdem fällt der Abschied vielen schwer.

2013 war bereits für die Standorte Walderseestraße, Kanalstraße, Wendische Straße, Lindenteller, Falkenstraße und Moislinger Allee Schluss. Die Apparate wurden abgebaut und entsorgt. „Entscheidend ist immer die Nachfrage eines Produktes“, erklärt eine Sprecherin der Telekom und bestätigt die Entwicklung. Wie viele Telefonhäuschen heute noch in Lübeck stehen, das gibt die Deutsche Telekom nicht bekannt. Nach ihren Angaben hat die Stadt ein – bisher nie genutztes – Vetorecht beim Abriss von öffentlichen Telefonanlagen. Aber in der Hansestadt wird kein eigenes Register über Standorte und Anzahl geführt. „Nach wie vor ist ausschließlich die Telekom für die Telefonzellen zuständig“, sagt Valessa Glisovic, stellvertretende Stadtsprecherin.

Bundesweit sind nach Angaben der Telekom noch etwa 27000 öffentliche Telefone in Betrieb. Anfang des Jahres waren es 30000, vor drei Jahren 50000 und vor zehn Jahren 110000. Dass die Glaskästen komplett aus dem Stadtbild verschwinden, das würde Doris Pickert (80) nicht gut finden. „Ich habe zwar ein Handy, aber falls es mal nicht funktioniert oder für andere Notfälle sollten die Telefone erhalten bleiben.“ Die Seniorin erinnert sich, dass die ersten öffentlichen Fernsprecher erst in den 70er-Jahren weit verbreitet waren. Aber der erste „Fernsprechkiosk“ wurde bereits 1881 in Berlin in Betrieb genommen.

Aus Sicht von Marco Runge (42) ist das Angebot längst nicht mehr zeitgemäß. „Die können weg“, sagt der Lübecker und weiß auch nicht, wo noch ein Telefonhäuschen stehen könnte. Sabine Thies (55) hingegen hat im Urlaub mal dringend und vergeblich nach einem Münztelefon gesucht. „Die Zellen sollten bleiben“, sagt sie, „auch wenn ich ein Handy besitze.“ Am meisten ärgert sie sich allerdings, dass viele Leute durch lautes Telefonieren die Privatsphäre anderer Menschen missachten. Auch in diesem Sinne waren die Telefonhäuschen sinnvoll, sagt sie.

Wie deutlich der Trend in Richtung Telefonieren mit dem Mobiltelefon weist, ist an der statistischen Anzahl der Sim-Karten je Einwohner ablesbar. Nach Angaben des statistischen Bundesamtes ist jeder Bürger durchschnittlich im Besitz von 1,4 Sim-Karten. Und auch laut Jahresbericht der Bundesnetzagentur (2015) ist das Telefonieren über das Festnetz eindeutig rückläufig.

Wissen Sie, wo in Lübeck noch eine Telefonzelle – mit Häuschen und Tür – steht? Dann schicken Sie uns ein Foto von sich vor der Zelle an redaktion.luebeck@ln-luebeck.de. Wir sind gespannt.

 Ch. Brandt und C. Künzel

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