Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Um Mitternacht ist die Party vorbei
Lokales Lübeck Um Mitternacht ist die Party vorbei
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:10 08.01.2018
Luisa Rische und Forian Weich verbringen ihren letzten gemeinsamen Abend in Vietnam. Ihre Silvesterparty endet jäh um Mitternacht – die vietnamesischen Lokale rufen den Feierabend aus. Quelle: Fotos: Rische
Lübeck/Hoi An

Die Zeit rennt uns davon. In zehn Tagen muss mein Kumpel Florian in Saigon sein, um seinen Flug zurück nach Deutschland nicht zu verpassen. Mit dem Fahrrad ist das kaum zu schaffen. Von Hoi An bis Saigon sind es im besten Fall 800 Kilometer und 8000 Höhenmeter. Wir entscheiden uns, den Bus zu nehmen. Florian mit Rad, ich ohne. Mein Fahrrad „Anton“ bleibt vorerst im Hostel in Hoi An, wo ich es nach Silvester wieder abhole.

Eine verrückte Busfahrt – und Silvester feiert die Lübecker Weltradlerin in Vietnam.

LUISA RADELT

Die 28-jährige Lübeckerin

Luisa Rische reist zwei Jahre lang allein mit ihrem Fahrrad „Anton“ um die Welt.

In unregelmäßigen Abständen berichtet sie in den LN von

ihren Erlebnissen.

Als wir am Abend in den Schlafbus steigen, regnet es. Die Schuhe kommen in die Plastiktüte, auf Socken laufen wir durch die zwei schmalen Gänge mit zweistöckigen Liegen auf beiden Seiten. Wir klettern in unsere Liege mit Kunstlederbezug, weit hinten im Bus. Dann geht es los. Schlagloch um Schlagloch hupt sich der Busfahrer durch den Verkehr. Wir versuchen zu schlafen. Unser Ziel ist Da Lat.

16 Stunden später steigen wir völlig gerädert aus dem Bus wieder aus. Weil ich seit einigen Tagen erkältet bin, hat sich während der Fahrt den Pass hinauf mein linkes Ohr verabschiedet. Florian muss die Bergstadt erst einmal allein erkunden und fährt mit dem Fahrrad zu den nahegelegenen Kaffee-Farmen. Ich lege mich im Hostel schlafen.

Am nächsten Tag nehmen Florian und ich den Stadtbus zum Elefanten-Wasserfall. Meine Knie drücken sich in das Metallgestell des Sitzes vor mir. Die Hand des Busfahrers scheint mit Gaffa-Tape an der Hupe befestigt zu sein. Alles klappert, alles ächzt. Immer wieder stellen Menschen während der Fahrt Pakete und Säcke in den Bus, die irgendwo anders von anderen Menschen angenommen werden. Bus, Post, Lieferservice. Praktisch.

Eine steile, in den Stein gehauene Treppe führt senkrecht in die Tiefe zum Wasserfall. Lebensgefährlich. In Deutschland hätten die Behörden diesen Weg längst abgeriegelt, wir springen und klettern über die glitschigen Felsen, zwängen uns durch eine dunkle Spalte in eine Höhle hinter dem Wasserfall. Das Gefühl, in der spritzenden Gischt der Wassermassen zu verweilen, die mit brachialer Gewalt den Fels hinunter gedonnert kommen, während sich das Sonnenlicht in allen Farben des Regenbogens in den Wassertropfen bricht, ist unbeschreiblich. Als wir die Höhle schon wieder verlassen haben, kehre ich noch einmal um.

Silvester. Nach dem ganzen weihnachtlichen Drama würde ich Silvester am liebsten verschlafen, all diesen Emotionen, all diesen Erinnerungen, wie ich mit meinen besten Freunden die vergangenen Silvesternächte durch München zog und an Neujahr zum Skispringen fuhr, den Rücken kehren. Doch es ist nicht nur Silvester, es ist auch der letzte gemeinsame Abend mit Florian in Vietnam.

Wir gehen ins 100 Roofs. Bar, Café, Irrgarten. Am Eingang gibt es einen Gin Tonic, dann stürzen wir uns in die schmalen Gänge, die scheinbar endlos durch das vierstöckige Haus verlaufen. Es ist so dunkel, dass wir kaum die Hand vor Augen sehen, geschweige denn, wo wir hingehen oder wo wir hergekommen sind. Über ein Loch in der Decke, nicht viel größer als ein Hula-Hoop-Reifen, klettern wir, mit dem Gin Tonic in der Hand, auf das Dach. Während sich das erste Getränk leert, entscheide ich spontan, dass es Zeit für einen Haarschnitt ist.

Für die fünf Frauen des Salons ist das Schneiden meiner Haare ein Spektakel. Auf mich starrend stehen sie um mich herum. Das erste Schneidegerät versagt, das zweite, das dritte. Die Haare sind zu lang, zu dick. Die Friseurin schnappt sich die Schere, und schneidet sich erst einmal in den Finger. 20 Minuten später sind die Haare auf wenige Millimeter gestutzt. Ballastbefreit ziehen wir zurück in die Irrbar.

Mittlerweile sind die verzweigten Gänge voll. Amerikaner und Europäer toben sich aus. Wir scheinen uns alle abgesprochen zu haben – in der Hoffnung auf eine knallende Silvesterparty. Doch 20 Minuten vor Mitternacht heißt es auf einmal: letztes Getränk. Die Bar schließt. Um Mitternacht.

Auf der Suche nach einem anderen Ort, um anzustoßen, sinkt die Stimmung; alle verpassen den Moment. „Also, ähm, frohes Neues“, kommt es Florian um halb eins zögerlich über die Lippen. Kein Feuerwerk, keine Musik, keine Party. Die Straßen, auf denen eine Stunde zuvor noch das Leben tobte, sind ausgestorben. Das war Silvester. Na toll.

Der Grund für die trübe Stimmung ist übrigens ganz einfach. Wie die Chinesen feiern die Vietnamesen ihr Neujahrsfest, das Tet genannt wird, an einem ganz anderen Tag. Die Vietnamesen richten sich dabei nach dem Mondkalender. 2018 fällt das Neujahrsfest dabei auf den 16. Februar.

Immerhin etwas Gutes hat diese Nacht für mich aber trotzdem gebracht: Die Haare muss ich mir jetzt nicht mehr waschen.

Luisa Rische

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Geschichte von Peter Pan funktioniert auch als Musical: Mit leuchtenden Augen verfolgten Kinder und ihre Eltern die Vorstellung am Sonntag im Kolosseum. Mit rockigen Songs und emotionalen Balladen wurde eine stimmige Performance geschaffen, die fesselte und verzauberte.

08.01.2018

82 ehrenamtliche Seelsorgerinnen und Seelsorger haben im vergangenen Jahr mit ihrem Dienst am Telefon von durchschnittlich je zehn Stunden pro Monat den 24-Stunden-Service- Dienst für Menschen in Not sichergestellt. Dies steht im Jahresrückblick 2017 der Telefon-Seelsorge.

08.01.2018

Seit 1843 pflegt die Liedertafel deutsches und internationales Liedgut, engagiert sich in sozialen Bereichen und belebt das kulturelle Leben des lübschen Seebads. Am Sonntag, auf den Tag genau 175 Jahre nach der Gründung, wurde der Geburtstag des Vereins in St. Lorenz gefeiert.

08.01.2018