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Lübeck Uni-Forscher sind dem Zika-Virus auf der Spur
Lokales Lübeck Uni-Forscher sind dem Zika-Virus auf der Spur
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21:04 05.08.2016
Im gentechnischen Funktionsraum seines Instituts freut sich Uni-Professor Rolf Hilgenfeld (61) über den Erfolg seines Teams. Quelle: Guido Kollmeier

Den ersten Etappensieg haben Uni-Professor Rolf Hilgenfeld und sein Team bereits erzielt. Sie waren die Ersten, die ihre Ergebnisse zum Zika-Virus veröffentlichen konnten; und zwar nicht irgendwo, sondern in dem in Wissenschaftskreisen höchst platzierten Fachmagazin „Science“. „Der Konkurrenzdruck ist sehr groß“, sagt der Direktor des Instituts für Biochemie, „und ich bin mir ziemlich sicher, dass unsere Kollegen in Singapur, Peking und Texas ebenfalls kurz vor dem Durchbruch in dieser Frage standen.“ Deshalb habe die Gruppe in den letzten Monaten sehr hart gearbeitet und sei so erfolgreich gewesen.

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Team um Prof. Rolf Hilgenfeld liefert Grundlage für Wirkstoff-Entwicklung – Schneller als die internationale Konkurrenz.

In seinen Arbeiten beschäftigt sich der renommierte Forscher seit vielen Jahren mit Viren, um bei ihnen die Struktur bestimmter Bestandteile zu analysieren. Mit dem Ziel, aufgrund dieser Informationen zum Bauplan der Übeltäter ein Gegenmittel, also einen antiviralen Wirkstoff, konstruieren zu können. „Im Januar hatten wir in unserer Gruppe entschieden, dass wir uns mit dem aktuell so brisanten Zika-Virus beschäftigen wollen“, berichtet Hilgenfeld. Schließlich interessiere man sich schon seit vier Jahren ganz besonders für die Familie der Flavi-Viren, zu der neben dem Zika-Virus zum Beispiel auch das Gelbfieber-Virus, das DengueVirus oder das FSME-Virus gehört, das durch Zecken übertragen werden kann.

Deshalb hatten die Uni-Wissenschaftler auch gleich einen Ansatz im Labor, wo sie aufgrund der Verwandtschaft genauer hinschauen wollten. „Es ging uns um ein spezielles Protein, das für die Vermehrung des Virus verantwortlich ist. Und wenn man es schaffen sollte, dieses durch einen Wirkstoff lahmzulegen, kann man die ganze Fortpflanzung der Zell-Schädlinge blockieren“, erläutert der Biochemiker.

Die gesamte Gen-Information für das Zika-Virus hätten bereits andere Forscher entschlüsselt, so dass man sich die nötige Sequenz, die für den Bau dieses Enzyms nötig ist, aus einer Datenbank ziehen konnte.

„Danach haben wir für rund 300 Euro von einer Münchner Firma das synthetische Gen nachbauen lassen, um dieses dann in ein Bakterium einzuschleusen, wo das für uns so spannende Protein hergestellt wurde“, schildert Hilgenfeld in vereinfachter Form die Vorgehensweise. Doch wie erfahren die Forscher, wie diese Substanz im Detail, also auf atomarer Ebene, aussieht? Hilgenfelds Team nutzte einen von einer Heidelberger Arbeitsgruppe hergestellten Hemmstoff, um die „Protease“ zu blockieren und zu kristallisieren. „Stichwort Kristallografie: Wir behandeln die Proteinkristalle mit Röntgenstrahlung und nehmen das entstehende Bild auf“, erklärt er.

Gerade ist er von einem zweitägigen Treffen in Breslau zurückgekehrt. Da ging es um die weitere Charakterisierung des entschlüsselten Vermehrungs-Enzyms. „Wir haben eine Kooperation mit einer polnischen Forscher-Gruppe und versuchen nun zusammen, noch mehr Details herauszubekommen, um einen Wirkstoff designen zu können.“ Allerdings weiß er jetzt schon, dass das entscheidende Hemm-Molekül wohl erst dann gebaut sein wird, wenn der aktuelle Ausbruch des Zika-Virus längst vorbei ist. „Da bin ich Realist. Deshalb haben wir ja auch den Ansatz, einen Wirkstoff zu entwickeln, der gegen alle Flavi-Viren eingesetzt werden kann.“ Denn gegen die meisten Flavi-Viren weltweit gebe es weder einen antiviralen Hemmstoff noch einen Impfstoff.

Angesprochen auf die zur Zeit laufenden Olympischen Spiele in Rio und die mögliche Zika-Viren-Gefahr zeigt er sich äußerst entspannt: „Als schwangere Frau würde ich natürlich nicht hinfahren. Aber für alle anderen sehe ich kein großes Risiko.“ Zwar werde man wohl nicht vermeiden können, dass man von einer möglicherweise infizierten Mücke gestochen wird, „die Symptomatik der Erkrankung ist jedoch in der Regel verhältnismäßig unproblematisch“.

1947 in Uganda entdeckt

Das Zika-Virus wurde schon 1947 im „Zika Forest“ in Uganda entdeckt, aber bis 2007 wurden nur zwölf Fälle von Infektionen beschrieben. Seit 2007 kam es zu mehreren Epidemien auf Inseln im Pazifischen Ozean. Meist verliefen die Erkrankungen glimpflich, mit grippeähnlichen Symptomen. Erst seit dem Ausbruch in Brasilien wurde entdeckt, dass eine Infektion schwangerer Frauen zur Gehirnschädigung beim Neugeborenen führen kann.

 Michael Hollinde

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