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Lübeck Unschöne Magerkeit
Lokales Lübeck Unschöne Magerkeit
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00:22 01.12.2016
Von Hanno Kabel
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Mein „Modernes Kochbuch für die bürgerliche Küche“ von 1927 enthält 20 Seiten Anzeigen. Neben allerfeinster Butter und böhmischen Bettfedern werden dort „Eta-Tragol- Bonbons“ angepriesen: „Kopf hoch, liebe Lucie! Auch für dich gibt es eine Rettung aus deiner unschönen Magerkeit!“ Dazu Zitate aus Dankesschreiben: „Bin sehr zufrieden, habe jetzt schon elf Pfund zugenommen.“

In den 50er-Jahren waren die mageren Zeiten dann endlich vorbei. Zu Weihnachten gab’s eine fette Gans, süßen Wein und einen Schnaps. Dann rauchten die Herren noch eine Zigarre. Als 1954 in Lübeck die Innenstadt zum ersten Mal festlich beleuchtet wurde, waren die Stadtwerke stolz darauf, wieviel Energie verballert wurde: 11 000 Glühbirnen! 125 000 Watt! Es gab leistungsfähige Kraftwerke, starke Leitungen und genug Geld, um die Stromrechnung zu bezahlen.

Und heute? Und wir? Wir leben nicht in mageren Zeiten, aber es scheint, als sehnten wir sie herbei. Wir sind auf Diät oder vegan. Wir wollen eine schlanke Verwaltung und eine schwarze Null. Alle sollen sparen: die Griechen, der Bürgermeister, das Theater. Unser Ideal ist die schwäbische Hausfrau, aber nicht, weil sie so himmlische Maultaschen zubereitet, sondern weil sie so gern spart.

Unsere Kinder sind nicht unsere Kinder, sondern „unsere Zukunft“; und seine Zukunft verwöhnt man nicht, man investiert in sie.

Ich mache da nicht mit. „Unschöne Magerkeit“ lasse ich gar nicht erst aufkommen. Noch diesen Absatz, dann gehe ich auf den Weihnachtsmarkt, esse fettiges Essen, trinke zu viel Glühwein und kaufe nutzloses Zeug für die Kinder.

LN

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