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20:25 27.07.2016
Sie harmonieren, wie ein eingespieltes Orchester: Werner Stutz (v. l.), Hildegard Niebuhr, Margrit Christensen und Lukas Stubenrauch. Manchmal spielen Stubenrauch und Niebuhr für ihre Nachbarn, künftig wollen sie auch den Touristen ab und an ein Ständchen gönnen. Quelle: Wolfgang Maxwitat

Innenstadt In Lübecks Gassen wird derzeit viel diskutiert. Eine autofreie Innenstadt, ein asphaltierter Koberg, eine Untertrave ohne Linden, – es gibt viel zu besprechen in der Altstadt. Denn die Anwohner in der City sind von all diesen Themen am stärksten betroffen. Die LN haben sie besucht.

Eine von vielen möglichen Antworten auf all die Fragen findet sich im Durchgang Nr. 56 zwischen Marlesgrube und Depenau. Ein nur 64 Zentimeter breiter Gang mit angefressenem Putz mündet in einen kleinen Hof. Dort sitzen die Musikstudenten Hildegard Niebuhr (25) und Lukas Stubenrauch (23) gemeinsam mit der Bauhistorikerin Margrit Christensen (68) und ihrem Lebenspartner Werner Stutz (74) an einem Bistrotisch. Die Nachbarn frühstücken; es gibt Kaffee, Müsli und eine Schale mit Aprikosen. Stutz ist eigentlich Züricher, nur ein Drittel des Jahres verlebt er bei seiner Partnerin. „Über welchen Kleinkram die Lübecker diskutieren können – und wie ausdauernd“, darüber wundert sich der Schweizer, der seit 20 Jahren die lokalen Nachrichten verfolgt. Christensen nickt: „Man müsste die Dinge einfach ausprobieren“, meint die promovierte Ingenieurin. Sie sei für die autofreie Altstadt, doch die Diskussion hat Jahrzehnte auf dem Buckel – anstrengend sei das geworden.

Hildegard Niebuhr hat aufmerksam zugehört. „Ich befürchte, dass ein Autoverbot Lübeck nach und nach in eine Puppenstadt verwandelt“, wirft die aus Leipzig stammende Geigenstudentin ein. Und das Gefühl, in einem Puppenhaus zu leben, kennen die Gangbewohner nur zu gut; weil Touristen in die Fenster starren, als seien die Räume dahinter unbewohnt. Auch das ist ein altes Leid. „Bis zu 24 Stadtführungen habe ich einmal an einem Sonnabend gezählt“, berichtet Christensen. Kein Wunder: Der „Durchgang“ ist der erste Gang hinter dem Holstentor. „Lübeck platze überall vor Tourismus“, meint die Bauhistorikerin und fügt an: „Aber sollen sie kommen.“ Zwar wünschen sich die Gangbewohner mehr Rücksicht, aber wird das verwehrt, entwickeln sie eben Humor. „Glotzt mir einer ins Fenster, strecke ich ihm den Kopf entgegen und mache ,muh‘“, sagt Stutz lachend.

Die Wohngemeinschaft aus Lukas Stubenrauch und Hildegard Niebuhr reagiert hingegen so: „Wir tragen jetzt selbstgenähte Hüte hier draußen, um die Touristen zu irritieren“, erzählt Stubenrauch grinsend. Es sind aufwendige Modelle aus bunten Stoffen und Krepppapier. Stubenrauchs Hut erinnert an eine Krone. „Jetzt ist er unser Gangkönig“, sagen die anderen.

„Es gibt nichts Besseres, als in der Altstadt zu leben“, ist sich Niebuhr sicher. „Die Trave ist mein Garten; und überhaupt ist alles nah beieinander.“ Manchmal vergesse die 25-Jährige, dass es um die Insel herum noch ein anderes Lübeck gibt.

Auch Christensen möchte nicht mehr weg, nicht aus der Altstadt und nicht aus dem Gang. Sie erzählt: „Das älteste Haus hier ist auf das Jahr 1440 datiert. Und dort“, weist sie auf ein weißes Häuschen zwischen den Längsseiten des Ganges, „in der Nummer 1 lebte einmal Gertrud Meyer, Widerstandskämpferin und Partnerin von Willy Brandt.“

Neben zwei weiteren Parteien gibt es im Durchgang noch ein Ferienhaus. Geht es nach den Anwohnern, sollen es auch nicht mehr werden. „Wir genießen das Miteinander, feiern zusammen“, erzählt Christensen. Eigentlich seien es die Ferienhäuser, die Lübeck langfristig zur Puppenstadt machten.

Schon vor zwei Jahren wollte die Stadt der illegalen Vermietung von Ferienhäusern in Wohngebieten einen Riegel vorschieben. Doch Kontrollen sind schwer, weil Vermieter Gästewohnungen nicht bei der Gewerbeaufsicht anmelden müssen. Das beunruhigt die Bewohner des Durchgangs. Denn Touristenströme und autofreie Innenstadt hin oder her – in einem sind sich die vier Altstadtbewohner einig: „Wir haben hier die tollsten Nachbarn; und das ist doch, was zählt.“

Reif für die Insel

14 076 Menschen wohnen laut der letzten Zählung am 30. Juni auf 2,28 Quadratkilometern zusammen. Diese Fläche schließt Wallhalbinsel, Wallstraße und Wasserflächen ein. Ohne diese Einbeziehung reduziert sich die Fläche fast nochmal auf die Hälfte, die Anzahl der Einwohner bleibt annähernd gleich.

Die meisten Innenstadt-Bewohner, nämlich rund 6000, sind zwischen 30 und 59 Jahre alt. Ganze 60 Prozent der Insulaner sind ledig, nur 24 Prozent verheiratet. Zum Vergleich: In St. Jürgen und St. Gertrud sind immerhin rund 39 Prozent verheiratet.

Luisa Jacobsen

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