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Lübeck "Väterabende": Schutzreservat vor dem "Bestimm-Schlumpf"
Lokales Lübeck "Väterabende": Schutzreservat vor dem "Bestimm-Schlumpf"
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11:23 02.11.2013
Lars Mähl: „Ich muss auch putzen und kochen.“ Quelle: Roeßler
Lübeck

Zehn Stühle stehen im Kreis. Iris Birnbacher hat Naschzeug und Getränke aufgefahren. Dann verabschiedet sich die Leiterin der Kita „Unter dem Regenbogen“. Frauen haben heute hier nichts mehr zu suchen. In der kleinen Kita in St. Jürgen steht ein Väterabend an. „Wir wollen Väter in ihrer Erziehungskompetenz stärken“, sagt Volkert Brammer, der den Abend zusammen mit Torger Bünemann moderiert. Bünemann: „Männer sollen sich aktiver in Kitas einbringen.“ Väterabende sind Teil des Projekts „Mehr Männer in Kitas“.

Sieben Väter und ein Großvater versammeln sich. In zwei Stunden geht es um die Vater-Rolle, Entwicklungsphasen der Kinder, Bindung und Trennung. Am Anfang steht die Frage, welche Erinnerung die Väter an ihre Väter haben. Fazit: Die Mehrzahl hat gute Erinnerungen, auch wenn ihre Väter oft abwesend waren. Dann geht es um die eigene Rolle. „Reparieren, vorlesen, toben — das ist der Papa“, erzählt Matthias Belohlavek, Ausbilder bei der Beschäftigungsgesellschaft BQL. Ein Vater von mehreren Kindern, der nicht namentlich genannt werden möchte, beklagt sich, „dass Väter auf die körperliche Rolle reduziert werden“. Er fühle sich „auf die klassische Rolle zurechtgestutzt“.

Moderator Bünemann liefert wissenschaftliche Erkenntnisse zu den Geschlechterunterschieden. Männer hätten eine höhere, motorische Aktivität („Jungs stapeln lieber Bierkästen als Knöpfe zu sortieren“), eine etwas bessere räumliche Orientierung und größere Risikobereitschaft. Aber dass der Mann Sachen repariere, sei nicht genetisch bedingt. Bünemann, Vater eines 25-Jährigen („Er ist aus dem Gröbsten raus“), rät: „Ihr müsst euren Kindern auch mal anders begegnen — backt mal einen Kuchen und putzt das Klo.“ Das muss der moderne Mann sich aber nicht sagen lassen. Lars Mähl, Handwerker, eine Tochter: „Meine Frau und ich arbeiten im Schichtdienst. Ich muss auch putzen und kochen.“ BQL-Erzieher Belohlavek, eine Tochter: „Bei uns macht jeder alles. Ich erledige immer den Abwasch.“

Trotzdem gibt es Unterschiede in der Erziehung. Die Mehrzahl der anwesenden Väter hat damit Probleme, dass die Partnerinnen sich in Alltagsfragen immer wieder einmischen. Der Vater von mehreren Kindern: „Mir steht ein übermächtiger Bestimm-Schlumpf gegenüber, ich brauche ein Schutzreservat für meinen eigenen Erziehungsstil.“ Dietmar Stremmel, SAP-Berater, zwei Kinder, berichtet vom Kampf um Klamotten. „Es ist doch egal, ob die Kleidung farblich zusammenpasst.“ Aber er reagiere eher defensiv, überlasse der Frau die Entscheidung. Dirk Rummert, Grabungsingenieur, Vater von zwei Söhnen, ist offensiver: „Ich mache das, was ich für richtig halte.“ Moderator Bünemann hält ein „klares Wort zur Partnerin“ für nötig. „Erziehung ist eine gemeinsame Aufgabe.“

80 Väterabende haben Brammer, Bünemann und zwei weitere Moderatoren in diesem Jahr schon in Kitas angeboten. 800 Männer haben sie erreicht. Im bundesweiten Vergleich liege Lübeck bei den Väterabenden mit Abstand an der Spitze, berichtet Brammer. Das Angebot wird sogar exportiert. Die Moderatoren traten in Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg auf, die ersten Anmeldungen für 2014 liegen auch schon vor. Zum Väterabend in der Kita „Unter dem Regenbogen“ haben sich Männer angemeldet, die beim letzten Elternabend nicht dabei gewesen seien, erklärt Kita-Leiterin Birnbacher. 45 Kinder werden in der Einrichtung betreut, nach Schätzung der Leiterin hätten sich 40 Väter für das Angebot interessieren können.

Das Projekt „Mehr Männer in Kitas“ endet in diesem Jahr. Die Väterabende sollen aber weitergehen. Die Veranstalter hoffen auf Zuschüsse der Possehl-Stiftung.

Das Projekt
2010 startete das Projekt „Mehr Männer in Kitas“ bundesweit in 16 Modellregionen. Auch die Hansestadt gehört dazu. 13 Millionen Euro gab der Bund aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds in das Projekt, 890 000 Euro flossen nach Lübeck. Die Zahl der männlichen Mitarbeiter in Kitas wurde von drei auf zehn Prozent gesteigert. Am Montagabend ziehen die Projektverantwortlichen die Bilanz von drei Jahren.

Kai Dordowsky

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