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Lübeck Verdrängen und verharmlosen
Lokales Lübeck Verdrängen und verharmlosen
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21:14 04.11.2016
Im sogenannten lokalen Fenster, das in die Wanderausstellung der Nordkirche integriert ist, geht es speziell um lübsche Schlaglichter. Konzipiert hat diese Infotafeln Dr. Karen Meyer-Rebentisch, die hier mit Dr. Stephan Linck über die Themengewichtung diskutiert. Fotos (3): Michael Hollinde

Sieben Jahre hat er recherchiert und es auf 800 gedruckten Buchseiten zusammengefasst. „Doch in dieser Form kann man die Ergebnisse natürlich nicht einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen“, erklärt Dr. Stephan Linck. Deshalb habe die Nordkirche ein Expertengremium beauftragt, die wichtigsten Resultate schlaglichtartig zusammenzufassen, so der Studienleiter für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit bei der Evangelischen Akademie in Hamburg.

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Pastorin Annegret Wegner-Braun und Pastor Robert Pfeifer.

Was dabei herausgekommen ist, kann nun ab heute Abend bis zum 20. November in St. Marien verfolgt werden. „Neue Anfänge nach 1945? Wie die Landeskirchen Nordelbiens mit ihrer NS-Vergangenheit umgingen“– ein Jahr lang wanderte die Ausstellung durch die Nordkirche. Lübeck ist jetzt die letzte Station in 2016. Betrachtet wird der Zeitraum zwischen 1945 und 1985. In sechs Themenfeldern auf insgesamt 40 bebilderten, großen Infotafeln dokumentiert die Schau, in welcher Weise sich die im lutherischen Norden lange Zeit vorherrschende nationalprotestantische Mentalität, die die Hinwendung zum Nationalsozialismus gefördert hatte, nach 1945 zunächst wieder durchsetzte und Wirkungsmacht entfaltete.

Im Vordergrund stehen dabei konkrete Fälle aus den nordelbischen Landeskirchen. „Zur Sprache kommt zum Beispiel der Fall des Euthanasie-Arztes Werner Heyde, der nach 1945 in Flensburg untertauchte und lange unter dem Namen Dr. Fritz Sawade praktizierte“, berichtet Linck. Das Perfide: Der Mediziner, der in der NS-Zeit als Euthanasie-Obergutachter über Tod und Leben entschieden hatte, erstellte bis zu seiner Enttarnung 1959 erneut psychiatrische Gutachten für Ämter und Gerichte. Mitwisser hätten ein „Kartell des Schweigens“ gebildet. „Dazu gehörte als Hauptförderer Sawades der damalige Präsident der Landessynode“, so der Historiker.

Gezeigt wird in der Ausstellung auch der mühevolle Weg von Auseinandersetzung und Dialog über Jahrzehnte, der schließlich zu einer Veränderung der Kirche führte. Auf die Hansestadt bezogen, sagt Linck: „In der Lübecker Landeskirche fand eine Entnazifizierung statt, die in ihrer Gründlichkeit in Deutschland einzigartig war.“ Alle aktiven Pastoren seien nach Kriegsende aus dem Amt geschieden.

Eine Auseinandersetzung mit der NS-Zeit habe man jedoch in allen vier ehemaligen Landeskirchen gemieden.

Ein besonderes Augenmerk wird auf das Gedenken an Pastor Karl Friedrich Stellbrink gelegt. Er wurde von den Nazis ermordet und zählt zu den vier Lübecker Märtyrern. „Das Interesse an seiner Person war in der evangelischen Kirche sehr gering, so dass seine Rehabilitation erst zum 50. Jahrestag der Hinrichtung im Jahre 1993 stattfand“, erläutert Dr. Karen Meyer- Rebentisch. Sie zeichnet verantwortlich für das „lokale Fenster“ mit drei Schwerpunkten, das in die Ausstellung integriert wurde.

Neben der Rezeption von Stellbrink geht es noch thematisch um die Rolle Lübecks als Flüchtlingsgroßstadt, den Tag der zerstreuten Heimatkirche und St. Marien als Mutter der Backsteingotik speziell zur 700-Jahr-Feier im Jahr 1951.

„Wir stehen für Frieden und Versöhnung, so dass diese Ausstellung wunderbar zu St. Marien passt“, betont Pastorin Annegret Wegner- Braun. Und ihr Kollege, Pastor Robert Pfeifer, sagt: „Der Anspruch muss immer sein, sich mutig, offen und ehrlich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und daraus Lehren für die Gestaltung der Zukunft zu ziehen.“

Das Begleit-Programm im Überblick

Heute, 21 Uhr, St. Marien: „Politisches Nachtgebet“ und Einführung in die Ausstellung;

Morgen, 10 Uhr, St. Marien: Gottesdienst zur Eröffnung der Ausstellung;

Dienstag, 8. November, 19 Uhr, Lutherkirche, Moislinger Allee 96: Das „verwirrende Geschehen zwischen 1933 und 1945“, Vortrag von Dr. Stephan Linck, Hamburg;

Freitag, 18. November, 19 Uhr, St. Marien: Die Ostdenkschrift der EKD (1965) als Wegbereiterin eines neuen Europa. Vortrag von Prof. Martin Greschat, Münster.

Die Ausstellung ist geöffnet: montags bis sonnabends 10 bis 17 Uhr, sonntags 11.30 bis 17 Uhr.

Weitere Info: www.st-marien-luebeck.de, www.nordkirche-nach45.de

Michael Hollinde

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