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Lübeck Vermeintlich wertvolles Ölgemälde ist Reproduktion
Lokales Lübeck Vermeintlich wertvolles Ölgemälde ist Reproduktion
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21:17 21.03.2016
Markt und Rathaus à la Cornelis Springer und in der Realität: Michael Schnopp (l.) mit dem Bild, das sein Onkel Reinhard Sitzler 1985 gemalt hatte. Rechts Alexander Bastek, der das Bild, da es eine Reproduktion ist, nicht im Behnhaus aufhängen kann. Quelle: Wolfgang Maxwitat

Ganz kurzfristig hatte die Stadt gestern eine feierliche Übergabe anberaumt, denn das berühmte Bild „Markt mit Rathaus und Marienkirche“ von Cornelis Springer sollte in die Hansestadt zurückkehren. Vor zwölf Jahren war es als Raubkunst aus der NS-Zeit an die Erben des rechtmäßigen Eigentümers zurückgegeben worden. Diese hatten es dann für umgerechnet rund 450000 Euro von Sotheby‘s in London versteigern lassen. Der damalige Erwerber blieb anonym. Zuvor hatte es im Treppenaufgang des Behnhauses gehangen. Namhafte Lübecker wie Lisa Dräger, deren Stiefsohn Christian Dräger und der Lübecker Nervenarzt Dr. Bernd Carrière riefen 2004 eine Spendeninitiative zwecks Rückkauf ins Leben. Aber erfolglos.

„Sehr überrascht“ von der Nachricht wurde gestern Vormittag auch Dr. Alexander Bastek, Leiter des Behnhaus Drägerhaus. Auch er eilte kurzfristig in den Audienzsaal. Und ja, das goldgerahmte Ölgemälde, das Stadtpräsidentin Gabriele Schopenhauer gestern bei Rotspon und Marzipan von Michael Schnopp (62) aus dem badischen Sinsheim überreicht bekam, ähnelt dem wertvollen Gemälde, das von 1939 bis 2004 in Lübeck im Behnhaus Drägerhaus weilte.

Aber es ist nicht das Original-Gemälde und Michael Schnopp nicht der anonyme Käufer von 2004, wie sich dann an Ort und Stelle sehr schnell aufklärte. Schnopps Onkel Reinhard Sitzler, vergangenes Jahr 92-jährig in Sinsheim verstorben, ist nicht nur in Lübeck aufgewachsen, sondern war Zeit seines Lebens auch begeisterter und offensichtlich sehr talentierter Hobby-Maler. Nach Fotos oder einer Postkarte hatte er 1985 auch besagtes Lübeck-Bild nachgemalt. Und nie ein Hehl daraus gemacht, dass es eine Reproduktion ist, denn in der unteren linken Bildecke steht neben seiner eigenen Signatur n. (also nach) C. Springer.

Das Bild hing stets im Wohnzimmer von Reinhard Sitzler. „Er wollte, dass es nach seinem Tod nach Lübeck zurückkommt“, erzählt Schnopp. Also machte er, bestimmt als Nachlassverwalter, sich auf den Weg, nachdem er via E-Mail mit Stadtpräsidentin Gabriele Schopenhauer Kontakt aufgenommen hatte. Nur leider war die E-Mail so formuliert, dass jeder glauben musste, es handele sich um das Original von Springer. Stadtpräsidentin Gabriele Schopenhauer nahm‘s gelassen, obschon sie — das lässt zumindest die gestern versandte Presseeinladung vermuten — davon ausging, das Original zurückzubekommen. „Ich freue mich sehr, dass diejenigen, die den Hausstand von Herrn Sitzler aufgelöst haben, an Lübeck gedacht haben“, sagte sie bei der Übergabe. Es sei zudem „sehr würdevoll gegenüber dem Verstorbenen“.

Ins Behnhaus Drägerhaus wird das Gemälde aber nicht Einzug halten. „Als Reproduktion geht das nicht“, so Bastek. Die Stadtpräsidentin erwägt nun, es dem Fachbereich Kultur im Brömsen-Palais zur Verfügung zu stellen. Bastek sagte, er sei zwar „mit großen Erwartungen zu dem Termin gegangen, von Enttäuschung könne er jedoch nicht sprechen. Er finde es „interessant, dass das Lübeck-Bild auch nach zwölf Jahren noch ein solches Feedback erhält und dass so viele Geschichten mit dem Bild verbunden sind“, so Bastek. Vielleicht sei das ja nun ein Anlass, noch einmal nachzuforschen, an wen das Bild im Jahr 2004 gegangen ist.

Ein Bild mit Geschichte

1870 erschuf der niederländische Maler Cornelis Springer (1817-1891), der Europa bereiste und viele Stadtansichten malte, das Bild „Markt mit Rathaus und Marienkirche“.

1938 enteigneten die Nazis den jüdischen Bankier und Kunstsammler Viktor Ephrussi. Wie das Bild 1939 nach Lübeck gelangte, ist bis heute unklar. Dass es sich um Raubkunst handelte, erfuhr man in der Hansestadt erst, als sich 2003 ein Rechtsanwalt meldete, der das Bild im Namen der Erben Ephrussis zurückforderte. 2004 wurde es von der Hansestadt zurückgegeben.

Von Sabine Risch

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