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Lübeck Verprügelt, beschimpft, bedroht: Gewalt gegen Retter nimmt zu
Lokales Lübeck Verprügelt, beschimpft, bedroht: Gewalt gegen Retter nimmt zu
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00:00 27.10.2012
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Lübeck

Täglich rücken Rettungssanitäter der Feuerwehr, der Johanniter (JUH), des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) und Deutschen Roten Kreuzes (DRK) aus, um Leben zu retten. Doch zunehmend geraten dabei auch die Retter selbst in Gefahr. Die Hemmschwelle innerhalb der Gesellschaft scheint seit Jahren zu sinken, immer häufiger werden die Einsatzkräfte von Patienten oder Umstehenden attackiert.

Alle Hilfsorganisationen bemerken einen Anstieg der Gewalt. „Es ist schlimmer geworden“, sagt Marco Lihring, Leiter des Rettungsdienstes bei der Berufsfeuerwehr. Genaue Statistiken der Übergriffe erhebt zwar keine der vier Hilfsorganisationen. Das Problem sei oft die Wahrnehmung von Gewalt, meint Matthias Rehberg, Rettungsdienstleiter der Johanniter. Manche zählen bereits eine Beleidigung dazu, andere erst den Faustschlag. „Aber das Bewusstsein dafür ist mittlerweile geschärfter.“

Erahnen lässt sich das Gewaltpotenzial mit Hilfe einer Studie der Ruhr-Universität Bochum unter 2000 Rettungsdienst-Mitarbeitern in Nordrhein-Westfalen. Dort waren 98 Prozent bereits verbaler Gewalt ausgesetzt, 59 Prozent erlebten während der Arbeit mindestens einen tätlichen Übergriff.

Laut Lehrrettungsassistent Thomas Bartz vom DRK ist das Risiko kaum vorhersehbar: „In der Wohnung eskaliert die Situation genauso schnell wie in der Disco.“ Er wurde nach eigenem Berichten schon mit einem Samuraischwert angegriffen und mit einer Pistole. Erst diesen Sommer musste der 45-Jährige wieder einem niedergeschlagenen Betrunkenen ausweichen. „Viele suchen sich den Erstbesten, um ihre Aggressionen abzubauen.“ Carsten Gerlach (22) vom ASB berichtet, zwei Jugendliche haben ihm aus heiterem Himmel den Mittelfinger gezeigt. „Man versucht, Beleidigungen auszublenden.“ Auch Gerlach hätte einmal von einem Patienten fast einen Tritt ins Gesicht bekommen. Sein ASB-Kollege Daniel Rohde wollte einem die Kellertreppe hinuntergestürzten Mann helfen. „Er riss plötzlich beide Fäuste hoch“, so der 31-Jährige.

JUH-Helfer Sebastian Ewald konnte gerade noch aus dem Rettungswagen flüchten – mitten auf der Kronsforder Allee. „Der Patient schnallte sich während der Fahrt ab und wollte mich schlagen“, schildert der 30-Jährige. Dabei war der Einsatz an sich harmlos: Der Mann war zuvor mit dem Fahrrad gestürzt, die aufgeplatzte Unterlippe sollte im Krankenhaus genäht werden.

„Früher waren wir die Guten“, bestätigt Feuerwehrmann Lihring. In der Vergangenheit richtete sich Gewalt meist nur gegen Polizisten. „Oft wird jetzt aber gar nicht mehr großartig differenziert“, so Johanniter Rehberg. „Da werden nur noch Blaulicht und Uniform gesehen.“ Carmen Vogt aus der DRK-Wachleitung bereiten zunehmend die Angehörigen Sorgen. „Die Gewalt hat definitiv zugenommen.“ In diesem Zusammenhang gehe vielen das Retten oft nicht schnell genug.

Die Konsequenz: Lübecks Rettungswagen sind vom Inneren des Patientenraums zentral verriegelbar. Gleichzeitig wird über Deeskalations- und Selbstverteidigungskurse nachgedacht. Der schmale Grat hierbei ist jedoch, dass die Retter plötzlich nicht selbst zur Gefahr werden wollen. „Selbstverteidigung wird es bei uns nicht geben“, sagt JUH-Mann Rehberg. Auch Feuerwehr, DRK und ASB setzen vorrangig auf Deeskalationskurse. „Lange war das Thema Gewalt gegen Rettungskräfte tabu“, sagt Thomas Bartz. „Aber es findet gerade ein Lernprozess statt.“

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