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Viel Auf und Ab in 100 Jahren

Flughafen Lübeck Blankensee Viel Auf und Ab in 100 Jahren

Von Insolvenzen bedroht, von Briten besetzt, von den Bürgern vor dem finalen Crash bewahrt: Lübecks Flughafen in Blankensee hat viel überstanden und feiert jetzt ein ganz besonderes Jubiläum.

Ein Lotse am Flughafen Blankensee im Dezember 1972.

Quelle: LN-Archiv

Lübeck. Vielleicht hätte man den seit langem ums Überleben kämpfenden Flughafen in Lübeck auch „Heraklit Airport“ nennen können. Der griechische Philosoph hatte schließlich vor rund zweieinhalb Jahrtausenden den Spruch „Der Krieg ist der Vater aller Dinge“ geprägt. Und der Krieg, der vor hundert Jahren in Europa tobte, brachte nicht zuletzt auch den Lübecker Flughafen hervor, der in diesem Jahr hundertjähriges Fliegerei-Jubiläum feiert.

Zum ersten Mal seit der Blockade Berlins 1948/49 landet am 28. Juni 1964 ein Passagierflugzeug, welches regelmäßig Lübeck-Berlin anfliegt.

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Chronik

1792 Am 3. Juli des Jahres kommen Tausende am Mühlentor in Lübeck zusammen, um den französischen Aeronauten Jean- Pierre Blanchard ihre Aufwartung zu machen. Von acht Kanonenschüssen begleitet, startet er mit seinem Ballon und fliegt über die Wakenitz nach Wesloe.

1908 Der „Lübecker Verein für Luftfahrt“ wird gegründet – und das Interesse an der Luftfahrt nimmt zusehends Fahrt auf. In den folgenden Jahren organisiert der Verein unzählige Veranstaltungen zum Thema; 1912 landet der erste Zeppelin auf dem Flugfeld Karlshof. 1916 kauft Lübeck in Blankensee von Bauern Felder; der Bau der ersten Gebäude beginnt umgehend.

1917 Am 6. August erhält der amtierende Bürgermeister in Lübeck die Nachricht, dass der Flugbetrieb vom Militär aufgenommen worden sei. Er wird eingeladen, die fertiggestellte Fliegerstation zu besichtigen. Kurze Zeit später schon überschlagen sich die Ereignisse: Der Versailler Vertrag bringt 1919 das Ende der Militärfliegerei. Nur zivile Luftfahrt wird in beschränktem Ausmaß erlaubt.

1933 Mit Adolf Hitler als Reichskanzler erwacht der Flughafen nach Jahren eines Dornröschenschlafs zu neuem Leben – wenngleich er wieder im Dienst des Militärs steht. Der Fliegerhorst wird neu gebaut; und mit Anna Reitsch war auch der erste weibliche Flugkapitän in Blankensee vertreten. Ab 1945 wird der Flughafen als Flüchtlingslager genutzt.

1948 erfährt der Flughafen eine Renaissance. Die Start- und Landebahn wird während der Berlin-Blockade für die „Rosinenbomber“ auf 1800 Meter ausgebaut. 1957 wieder ein Neustart: Der Passagierverkehr beginnt. Ziel: Malmö – mit der TransAir Sweden. Allerdings: Aufgrund der großen Unrentabilität werden alle hochfliegenden Pläne wieder zunichtegemacht: Die Linie wird mangels Fluggästen nur ein Jahr später wieder eingestellt.

1972 Neues Jahrzehnt, neues Glück. Mit dem Passagierverkehr nach Frankfurt am Main versuchen sich die Betreiber an einer neuen Linie. Drei Jahre hält sich das Projekt; danach ist wieder Schluss. In der Zwischenzeit haben sich die Anlagen vergrößert – zugleich wachsen die Hoffnungen auf neue Projekte: Im März 1978 etwa plant die amerikanische „Berlinair“ einen Pendelverkehr zwischen der Spreemetropole und Blankensee, im August scheitert das Ganze wieder.

1991 Die Start- und Landbahn werden erneuert. Zeitgleich werden die Flugsicherheit mit einem Instrumentenlandesystem und einer Radaranlage verbessert; 1995 sind die Arbeiten abgeschlossen. Ein Jahr später beginnt der Charterverkehr ans Mittelmeer.

1999 Wieder Ärger. Der Ausbauplan für den Flughafen mit einer Verlängerung der Rollbahn führt zu Konflikten zwischen Lübeck und der Landesregierung um das Vogelschutzgebiet Wulfsdorfer Heide.

2000 Neues Jahrtausend, neue Pläne. Die Fluggesellschaft Ryanair startet mit dem Linienverkehr nach London, auch Stockholm, Bergamo und Pisa – und während es zunächst scheint, als würde der Flughafen endlich eine Blütezeit erleben, wird die Krise zum Dauerthema. Das Stichwort Insolvenz im Zusammenhang mit Blankensee wird eine gewohnte Wortkombination, Käufer kommen, Käufer gehen – im Sommer 2016 übernimmt Winfried Stöcker, Chef der Firma Euroimmun, den Flughafen und weckt Hoffnungen auf ein Comeback. Zurzeit wird der Flughafen nur von Geschäfts- und Sportfliegern genutzt.

Am 6. August 1917 meldete Oberleutnant Gierke als „Führer der Fliegerschule“ dem Bürgermeister, dass die Fliegerschule nunmehr fertiggestellt sei und den Betrieb aufgenommen habe. Es gab sieben Unterkunftsgebäude für die dringend benötigten Nachwuchspiloten, acht Hallen fürs Fluggerät – das konnte sich schon sehen lassen. Auch wenn die Flugschüler mitunter auf nahen Feldern zur „Butterlandung“ ansetzten und im Angesicht einer sich zuspitzenden Versorgungslage regen Tauschhandel mit der hiesigen Landbevölkerung pflegten.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: "Ein Flughafen sucht seine Zukunft"

Vorangegangen war eine Anfrage des Kaiserlichen Kriegsministeriums, das nach geeignetem Gelände für die Unterbringung von Fliegerschulen fahndete – Lübeck offerierte trotz eigentlich durch langjährige landwirtschaftliche Nutzung eher ungeeigneter Bodenbeschaffenheit ein 135 Hektar großes holpriges Areal bei Blankensee, das den Größenanforderungen des Ministeriums genügte und in einjähriger Bauzeit sozusagen wehrfähig gemacht wurde. Als der Krieg verloren und beendet war, endete auch die erste Blütezeit des Flughafens, noch vorhandene Flugzeuge wurden verbrannt, um den Verpflichtungen von Versailles zu genügen.

Das einstige Offizierskasino wurde zum „Heidehof“, einem Erziehungsheim für Mädchen. In die Baracken an der Blankenseer Straße zogen bald Familien ein, ins leerstehende „Kriegsdepot“ zogen die „Roten Falken“ und Handwerkslehrlinge ein, weshalb bald vom „Kommunistendepot“ die Rede war. Übrig blieb aus jener Zeit lediglich ein Holzpropeller, gefertigt aus Eschen- und Eichenholz, schreibt der akribische Autor Alexander Steenbeck in seinem Standardwerk zur Geschichte des Flughafens Blankensee, der 1917, also im Eröffnungsjahr der „königlich- preußischen Fliegerschule“, bei den eigentlich doch sehr zivilen Bechstein-Klavierwerken hergestellt wurde. Der aber dann sein Dasein zeitweise als umfunktionierte Lampendekoration im Fenster einer Lübecker Altstadtkneipe fristen musste und inzwischen im Besitz der Pfeil-Pfadfinder ist.

Die Freude am Fliegen überdauerte ebenfalls. 1925 lud der rührige „Lübecker Verein für Luftfahrt“ zum ersten großen „Flugtag in Lübeck“, köderte das Publikum mit simulierten „Luftkämpfen“ sowie „Geschwader-Passagier-, Kunstflügen und Ballonjagden“ nebst „Zielabwürfen“. Eine Fokker D VII warf zur Freude vieler Lübecker Schokoladenproben der Trumpfwerke ab. Da kam dann wirklich mal alles Gute von oben.

Mehr zum Thema: Ein neuer Terminal für Lübecks Flughafen

Auch später gab es in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts noch Flugtage und Flugschauen: „Die Jungfliegerstaffel kommt“, hieß es auf den Plakaten, und im „Lübecker Generalanzeiger“ wurde für „Luftreigen, Zielabwurfkonkurrenz, Fallschirmabsprung-Konkurrenz, Ballonrammen“ und ähnliche Verlustierungen geworben. Die militärische Ausrichtung kleidete sich in den „roaring twenties“ noch in Tarnanzüge, die Eintrittspreise begannen bei einer Reichsmark, „Kinder, Militär und Erwerbslose die Hälfte“, hieß es im September 1928 in der Anzeige. Und außerdem, eigentlich ganz heutig angesichts der Unwetterkapriolen dieses Sommers: „Die Veranstaltung findet bei jedem Wetter statt.“

o friedlich ging es aber nicht lange zu in den Lüften über Lübeck. In den 30ern frönten die technikbegeisterten NS-Herren ihrer Leidenschaft für die Luftfahrt, bauten auch die Luftwaffe kräftig aus – und im Zweiten Weltkrieg, der Lübeck selbst aus der Luft so furchtbar traf, brummten hier die Motoren wie nie zuvor, als die Flugzeuge auch von Blankensee aus zur Luftschlacht um England aufbrachen, die Ju 52 zu Transport- und Versorgungsflügen startete und am Ende sogar schon die hypermodernen ersten Düsenjäger wie die Me 262 abhoben, denen die Alliierten zu jener Zeit kaum etwas entgegenzusetzen hatten, die aber das Ruder im längst verlorenen Zweiten Weltkrieg nicht mehr herumreißen konnten.

Auch der ging folglich verloren, noch viel übler als der Erste, und nun sorgte Kalter Krieg für Leben am Lübecker Airport. Die britischen Besatzer der Royal Air Force nutzten das Gelände als Einsatz- und Übungsgelände, während der sowjetischen Blockade von Westberlin starteten hier 2600 Flüge ab 1948 – mitunter bis zu 100 am Tag – und schleppten über 73 000 Tonnen Lebensmittel und andere Versorgungsgüter in die abgeschottete Stadt.

In den 50er Jahren brachte man in der ehemaligen Kaserne DDR-Flüchtlinge unter, die US-Army belauschte nebenan den DDR-Funkverkehr, weiß Steenbeck – und der Lübecker Verein für Luftfahrt kurz LVfL, und der Aero Club brachten als Pächter des Geländes wieder Segelflieger und zivile Motorflieger in die Luft.

Aber, so heißt es in der Flughafen-Chronik: „Der Linienverkehr hat es aufgrund der Nähe zur DDR zunächst schwer.“ Zu groß war das Risiko, in den ostdeutschen Luftraum zu geraten, in damaligen Zeiten zu bedrohlich für den fragilen Frieden im geteilten Land. Doch mit dem massiven Ausbau der Ferienfliegerei ab den 70er Jahren entstehen erste Verbindungen und ein Flughafengebäude. Nach der Wiedervereinigung 1990 und der damit einhergehenden Öffnung des innerdeutschen Luftraums gab es dann auch ein Instrumentenlandesystem, regelmäßige Charterflüge und ein Terminal.

Wechselnde Privatbetreiber, mal aus Neuseeland, mal aus Fernost, sorgten für Auf und Ab, kauften sich ein und segelten ins Nirwana, ab 2000 flogen Linien wie Ryanair, die niedrige Nutzungsgebühren für ihre Kampfpreise benötigen. 2005 verzeichnet der Flughafen immerhin 715 000 Passagiere – eine aus heutiger Sicht beachtliche Anzahl, die allerdings im Vergleich zu Hamburgs 17 Millionen den weiten Weg vorausahnen lässt.

Das große Feiern

Am Wochenende 2./3. September ist es soweit , der Flughafen Lübeck feiert sein Jubiläum. Was gibt es zu erleben? Ein Programm mit Rundflügen und Flugzeugschau. Ein Flugsimulator ist im Angebot, ein Astronauten-Trainer und ein Icarus Flightdeck.

Tickets sind erhältlich im Vorverkauf, etwa bei Lübeck Ticket ( www.luebeckticket.de), dem Lübeck Travemünde Marketing und im Airport Service. Oder an der Tageskasse. Eintritt: Erwachsene: 8 Euro, Kinder: 4 Euro (unter 7 Jahren frei), Erwachsener mit bis zu 3 Kindern: 14 Euro, Familienkarte (2 Erwachsene, 2 Kinder): 18 Euro.

Wie hinkommen? An den Veranstaltungstagen wird die Buslinie 6 von 10 bis 18 Uhr durch zusätzliche Shuttle-Busse verstärkt, so dass Interessenten alle 15 Minuten zum Flughafen gelangen.

Doch dann liegt Insolvenz in der Luft, die luftfahrtbegeisterten Lübecker aber votieren für den Erhalt ihres defizitären Etat-Albtraums, der nun trotz aller Widrigkeiten mit dem Motto „Aufwind für Lübeck und Deutschlands Norden“ seinen 100. Geburtstag feiern kann – mit einem großen Flughafengeburtstag samt Airport-Attraktionen aller Art. Flugsimulator, Astronauten-Trainer, Icarus Flightdeck sind angekündigt, ebenfalls „ein vielfältiges gastronomisches Angebot, VIP-Catering, Hotels und Gastronomie aus Lübeck und Travemünde“, wie es heute unverzichtbar ist. Zieldarsteller sowie „Fluggerät und Informationen von Bundeswehr und Nato“ wird es auch geben – Heraklit bleibt aktuell.

Von Michael Wittler

Buch zum Jubiläum

100 Jahre Blankensee: Der Historiker und Journalist Alexander Steenbeck schildert in seinem vierten Buch die Höhen und Tiefen des Lübecker Airports. Mit zahlreichen bislang unveröffentlichten Fotos und Dokumenten. Hardcover (21 x 29,7 cm), 208 Seiten, etwa 500 Abbildungen. ISBN: 978-3-00- 053574-1. 39,90 Euro. Bestellbar per E-Mail unter blankensee @gmx.de oder unter www.100-jahre-blankensee.de

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