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Lübeck Völkerkundesammlung: Ein Abschied und eine Hoffnung
Lokales Lübeck Völkerkundesammlung: Ein Abschied und eine Hoffnung
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09:23 10.02.2018
Brigitte Templin (65) wollte ursprünglich Übersetzerin für indische Sprachen werden. 1996 übernahm sie die Lübecker Völkerkundesammlung.
Innenstadt

Als sie eine Delegation aus Japan in ihrem Büro zu Gast hatte, fiel Brigitte Templin zum ersten Mal der Hakenkreuz-Stempel an ihrem Schreibtisch auf. „Ich denk’, mich trifft der Schlag“, erinnert sie sich. Seitdem ist der Stempel notdürftig mit einer Postkarte verdeckt. An dem Schreibtisch hat wohl einmal ein Beamter gesessen, als das Zeughaus noch Sitz der Gestapo war. Der Tisch ist einfach geblieben. Auch das übrige Mobiliar ist seit Jahrzehnten nicht erneuert worden.

 

Die Judaica-Sammlung überstand die NS-Zeit. Quelle: Fotos: Olaf Malzahn
Farbenfrohe Darstellung der Heiligen Familie aus Peru.

Als die junge Indologin Brigitte Templin 1984 kam, herrschte Aufbruchstimmung. Zum ersten Mal seit 1945 bekam die Völkerkundesammlung ein eigenes Museum. 1985 gestaltete Templin die erste Ausstellung im Zeughaus. Große Ansprüche hat sie nie gestellt. Die Sammlung, deren älteste Stücke mehr als 300 Jahre alt sind, lagert zum größten Teil in einfachen Holzschränken und -schubladen. Die Räume sind nicht klimatisiert. Seit Templin 1996 die Sammlung übernahm, hat sie – nominell – auf einer halben Stelle gearbeitet. „Wir waren so ein Impro-Theater hier“, sagt sie. „Wir mussten uns selbst an die Kasse setzen.“

Aber die große Niederlage von 2002, die hat sie noch immer nicht verwunden. In diesem Jahr beschloss die Bürgerschaft, das Museum zu schließen – trotz steigender Besucherzahlen, trotz Schulklassen, die ins Museum kamen. Einige Jahre hielt ein Verein den Museumsbetrieb noch aufrecht. Mit Beginn des Jahres 2007 war die Völkerkundesammlung endgültig keine Ausstellung mehr, sondern ein Bestand, der verwaltet wird, ab und zu einer Forscherin, einem Studenten oder einer Delegation aus Übersee zugänglich gemacht wird, und aus dem ab und zu Exponate in Ausstellungen zu sehen sind.

Brigitte Templin streicht über den Kopf einer zwei Handbreit hohen Figur aus Speckstein, ein knieender, in dicken Pelz gehüllter Mann. „Diese Figur ist wirklich toll“, sagt sie. „Die würde auch als Barlach durchgehen.“ Es ist so gut wie kein Arbeitstag vergangen, an dem sie keine Zeit zwischen den Skulpturen, Bildern, Körben, Masken, Kleidern, Bechern, Pfeilen, Puppen, Vasen aus Asien, Europa, Afrika, Amerika, Ozeanien verbracht hätte. „Ich hab’ immer versucht rüberzubringen, wie faszinierend das ist, sich auf etwas Fremdes einzulassen.“

Sie hat sich nicht entmutigen lassen. Im Gegenteil. „Erst hat man mir das Geld weggenommen, dann die Leute“, sagt sie. „Das hat mich immer mehr angespornt.“ Nach der Schließung setzte Brigitte Templin sich an ihre halb fertige Doktorarbeit – Thema: die Geschichte der Lübecker Völkerkundesammlung – und brachte sie zu Ende. Sie fertigte einen Katalog mit Bildern und Beschreibungen der bedeutendsten Stücke an. Eher eine lästige Pflicht war es, dass sie jedes einzelne der 26000 Stücke mit einem Geldbetrag bewerten musste, als die Stadtverwaltung die doppelte Buchführung einführte. Dabei kam ein Gesamtwert von 80 Millionen Euro heraus. „Das war genau das, was ich geschätzt hatte“, sagt sie. Zuletzt digitalisierte sie den gesamten Bestand, der jetzt mit Fotos und Objektbeschreibungen in einer Datenbank zugänglich ist – zunächst nur für die Fachwelt. Jetzt hat sie das Rentenalter erreicht. Wer auf sie folgt, ist noch nicht entschieden.

Ihre große Hoffnung nimmt sie mit in den Ruhestand: dass die Völkerkundesammlung, oder wenigstens ein Teil davon, wieder öffentlich gezeigt wird. „Nur dafür habe ich’s gemacht!“

Lübecks verborgener Schatz

Keimzelle der Völkerkundesammlung war die Privatsammlung des Marienpastors Jacob von Melle (1659 - 1743), die unter anderem ein isländisches Trinkhorn, schwedische Runenstäbe und japanische Waffen enthielt.

Vor 125 Jahren zog die Völkerkundesammlung in das neue Museum am Dom. 1942 wurde es von Bomben zerstört. Nach 1945 gelangte die Sammlung nach Hamburg und kehrte 1969 zurück. 1985 zog sie in ein eigenes Museum im Zeughaus, das 2007 ganz geschlossen wurde.

 Hanno Kabel

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