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Lübeck Volksfestplatz: Das Ende der Erstaufnahme steht bevor
Lokales Lübeck Volksfestplatz: Das Ende der Erstaufnahme steht bevor
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20:20 10.08.2016
Dreiräder stehen verlassen auf dem Volksfestplatz – die Erstaufnahme wird abgewickelt. Quelle: Wolfgang Maxwitat (2), Holger Marohn
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Lübeck

„Moin & welcome“ haben unbekannte Künstler auf eine Containerwand gesprüht – auf eine Silhouette der sieben Türme Lübecks bei Sonnenuntergang. Aber hier auf dem Volksfestplatz wird niemand mehr ankommen, den man willkommen heißen darf. Mit der Erstaufnahme des Landes ist in Kürze Schluss. Am 22. August schließt die Einrichtung, bestätigt das Kieler Innenministerium.

Genau am 11. September vor einem Jahr stampften das Land sowie die Hilfsorganisationen Deutsche Rotes Kreuz (DRK) und Johanniter eine Flüchtlingsunterkunft aus dem Boden. Der Lübecker DRK-Chef Stefan Krause erinnert sich daran, als sei es gestern gewesen: „Innerhalb von 24 Stunden haben wir die Anlage hochgefahren.“ Der Medizincontainer, der Caterer und die Kleiderkammer waren von Anfang an dabei, hausten zunächst in Zelten. Später wechselten sie in Container. Nach und nach wuchs das Dorf der Blechkisten. In Hochzeiten lebten über 1500 Geflüchtete hier. „2992 Menschen haben die Einrichtung in den vergangenen elf Monaten durchlaufen“, liest Krause in seinen Statistiken. Vor allem zwischen September und Januar wurde es eng. Der DRK-Chef: „Die Menschen blieben zehn bis zwölf Wochen, weil die Kommunen nicht genug eigene Flüchtlingsunterkünfte fertig hatten und die Menschen nicht übernehmen konnten.“ Ab Februar kamen dann weniger neue Flüchtlinge. Jetzt kommen gar keine mehr. Das Land schließt acht Erstaufnahmen, darunter die auf dem Volksfestplatz.

Ein Teil der ursprünglich 600 Container ist bereits abgefahren worden. Andere Bereiche auf dem Platz sind mit Flatterbändern abgesperrt. Die verbliebenen Flüchtlinge verteilen sich auf wenige Container. Hier und da tritt jemand vor die Tür. Dreiräder und Kinderfahrräder stehen und liegen verlassen auf dem Gelände.

Die Schule ist abgeschlossen, ebenso die Kita, in der zu Spitzenzeiten rund 100 Kinder im Zweischicht-System betreut wurden. Der Medizincontainer ist nur noch vormittags geöffnet. Vorgestern wurde zum letzten Mal das Taschengeld an die Flüchtlinge ausgegeben. An einer Containerwand kleben zahlreiche Zettel. Es gibt Hinweise auf Sprachkurse, die Hebammensprechstunde und das Frauentreffen. Mehrere Zettel enthalten Warnhinweise vor „bissigen Wildschweinen im Wald“. Die Tipps braucht hier keiner mehr.

Monika Drescher legt Kleidung zusammen. Die hauptamtliche Mitarbeiterin bereitet die Abwicklung vor. „Wir haben einmal in der Woche für zwei Stunden geöffnet“, sagt sie. Vor ein paar Monaten noch war die Kleiderkammer auf drei Container verteilt. Vom Schuppen F und aus eigener Sammlung kamen die Hosen, Röcke, Schuhe, Mäntel und Unterwäsche. Mehr als 40 Helferinnen und ein paar Dolmetscher sorgten für eine reibungslose Ausgabe, unterstützt von Bundeswehrsoldaten.

Jeden Tag hatte die Ausgabestelle mehrere Stunden geöffnet. „Es war eine tolle Erfahrung“, sagt Monika Drescher, „und irgendwie ist die Schließung der Einrichtung schade.“ 300 Plätze zählte die Essenausgabe. Drei Mahlzeiten am Tag – das ist bis heute so. Aber statt über 1000 Menschen müssen Christian Pekruhn und seine Kollegen vom Caterer nur noch 22 Menschen satt bekommen. „Die Ausgabezeiten für das Frühstück und das Abendbrot wurden um eine halbe Stunde verkürzt“, sagt Pekruhn. Der Job sei langweilig geworden.

Rund 100 hauptamtliche Mitarbeiter haben DRK, Johanniter, Polizei, Sicherheitsdienst und Caterer hier beschäftigt. Die Verträge der DRK-Beschäftigten sind bis Ende September befristet. Danach können sie in andere DRK-Erstaufnahmen wechseln oder müssen sich etwas ganz anderes suchen. Bis zum 30. September wird das Lager abgewickelt. Am 31. Dezember endet der Mietvertrag des Landes mit der Stadt.

Die Verwaltung plant dort ein Wohngebiet. Bürgermeister Bernd Saxe (SPD): „Die Vorbereitungen laufen schon.“ Saxe hofft, dass Mitte 2017 ein B-Plan vorliegt.

 Kai Dordowsky

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