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Lübeck Vom Abi-Bier zum Abiball
Lokales Lübeck Vom Abi-Bier zum Abiball
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18:01 15.07.2017
1969: Abiturienten laden auf dem Markt Passanten zu einem Schlückchen ein. Quelle: hfr
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Natürlich wurde es gefeiert, als Friedrich Thorn und seine Mitschüler 1975 an der Friedrich-List-Schule ihr Abitur in Empfang nahmen. „Wir sind danach in die ,Marienbrücke‘ gegangen und haben ordentlich und gut Bier getrunken. Das war’s“, erinnert sich Thorn, heute Leiter des Bereichs Schule und Sport der Hansestadt Lübeck. Gut 40 Jahre später kostet eine typische Abifeier gut und gern 20 000 Euro, und wenn die Schüler ein Jahr vorher mit den Vorbereitungen anfangen, sind sie schon spät dran.

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Giuseppe Cascio (26), von Beruf Veranstaltungskaufmann, hat daraus eine Geschäftsidee gemacht. Seit drei Jahren organisiert er Abibälle in Lübeck und Umgebung – mit allem Drum und Dran. Er zählt auf: Location, DJ, Fotograf, Catering, Tische und Stühle, Versicherung, Gema, Deko, Servicepersonal, Online-Ticketsystem, Abendkasse. „Die Schüler müssen sich um gar nichts mehr kümmern“, sagt Cascio. Allerdings erst, wenn sie das Geld für eine Anzahlung vonetwa 3000 Euro aufgebracht haben. 400 Leute, sagt Cascio, kämen zu einem durchschnittlichen Abiball. Der normale Preis für eine Karte liege bei 56 Euro.

Der politisierten Jugend der 70er Jahre wäre so etwas ein Graus gewesen: „Ein Ball mit Schlips und Kragen war für uns völlig undenkbar“, sagt Bereichsleiter Friedrich Thorn. „Wir hätten das als Verrat an der Arbeiterklasse gesehen.“

Das war auch eine Reaktion auf die Zeiten, in denen das Abitur noch eine exklusive und zutiefst bürgerliche Sache war. Nicht weniger fremd als der revolutionäre Geist der 70er erscheint heute das Pathos der 50er Jahre. „Aber wenn der Weg hinaus auch hart ist“, gab die Direktorin der Oberschule am Falkenplatz 1955 den Abiturientinnen mit auf den Weg, „so liegt in dieser Härte etwas Schönes und Förderliches.“

Es erscheint paradox: Seit den 70er Jahren ist das Abitur immer weniger exklusiv geworden, aber gefeiert wird es immer mehr. 1975 reichten noch ein paar Bier in der Kneipe. In den 80er und 90er Jahren waren öffentliche Massenfeiern auf dem Markt en vogue. Einmal, im Juni 1988, artete eine solche Feier in ein wüstes Saufgelage aus. 400 Abiturienten drängten sich in der Breiten Straße, warfen Bier- und Sektflaschen auf das Pflaster und bedrängten Passanten. Es dauerte mehr als anderthalb Stunden, bis die Polizei die Lage unter Kontrolle hatte. Aber auch das ist im Zeitalter der professionell organisierten Abibälle Vergangenheit. Stefan Muhtz, Sprecher der Lübecker Polizei, konstatiert: „Die letzten Jahre war absolut gar nichts mit Abifeiern.“

Hanno Kabel

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