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Vom Flüchtling zum Flüchtlingshelfer

Lübeck Vom Flüchtling zum Flüchtlingshelfer

Aydin Candan ist das einzige kurdischstämmige Mitglied der Bürgerschaft. 1992 beantragte er in Deutschland Asyl - heute ist er gefragter Experte bei Flüchtlingsfragen.

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Aydin Candan blickt voller Tatendrang und Zuversicht in die Zukunft. Das größte Bild an der Wand im Wohnzimmer zeigt seinen früh verstorbenen Vater.

Quelle: Matthias Wiemer

Lübeck. Ein knappes Vierteljahrhundert ist es her, da war er noch selbst Flüchtling, jetzt ist es seine Hauptaufgabe, Flüchtlingen zu helfen: Aydin Candan, das einzige kurdischstämmige Mitglied der Lübecker Bürgerschaft, blickt auf einen steinigen, aber erfolgreichen Weg seiner eigenen Integration in das Leben in Lübeck und die bundesdeutsche Gesellschaft zurück. Wenn der 42-Jährige in seinem großzügigen, modern eingerichteten Wohnzimmer in seinem Haus in Buntekuh sitzt und mit seiner Frau die Nachrichten über die Flüchtlinge im Fernsehen verfolgt, fühlt er sich oft an die abenteuerliche Zeit seiner eigenen jungen Jahre erinnert. Um so mehr ist er froh über sein gegenwärtiges Dasein; in Deutschland zu leben, eine Familie zu haben, zu arbeiten, sich zu engagieren, anderen Menschen zu helfen. Als Aydin Candan 1992 als politischer Flüchtling in Dortmund ankam und einer unsicheren Zukunft entgegensah, hatte er keinen blassen Schimmer davon, dass er 21 Jahre später einmal für die SPD in der Bürgerschaft der Hansestadt Lübeck Politik machen und in der Flüchtlingsarbeit aktiv sein wird.

 

LN-Bild

Aydin Candan blickt voller Tatendrang und Zuversicht in die Zukunft. Das größte Bild an der Wand im Wohnzimmer zeigt seinen früh verstorbenen Vater.

Quelle: Fotos: Matthias Wiemer

„Ja“, lehnt er sich im Sessel zurück und sagt mit sympathischem Lächeln, „bei mir kann man sagen: vom Flüchtling zum Flüchtlingshelfer. Ich habe gelernt, dass man als Migrant besonders aktiv sein muss. Ich lerne viel beim Umgang mit Menschen. Jeder Mensch ist wie ein offenes Buch.“ Offen. Das ist mehr als ein Wort für die Familie Candan. Offenheit ist für das Ehepaar und die drei Kinder im Teenageralter ein wesentlicher Teil der Lebensauffassung. Ja, religiös sind sie, aber weit weg von jedem Dogmatismus oder gar Fanatismus. „Kopftuch trägt nur meine Mutter“, sagt Candan. „Sie ist damit in der Osttürkei groß geworden und trägt es auch hier – wer will es ihr verbieten?“ Aydin Candans Vater lebt nur noch in der Erinnerung. Sein Bild hat einen Ehrenplatz unter den Familienbildern an der Wand. „Er war noch nicht einmal 40, als er starb“, erinnert sich Candan, „im Auto auf dem Weg zum Arzt. Den wollte er aufsuchen, weil er Schmerzen in der Brust hatte. Herzinfarkt, es gab damals bei uns keine Rettungswagen.“

Vielleicht hat der Mann aus der osttürkischen Stadt Midyat von seinem Vater seine eher linke, aber in den Grundzügen auch sehr liberale Einstellung. Auch der Vater war eine Zeitlang in Deutschland, arbeitete als Schweißer. Zurück in der Türkei war er stets sozial und politisch engagiert. Und politisches Engagement war und ist in der Türkei nie ganz einfach, schon gar nicht als Kurde. Diese Tatsache war schließlich auch ausschlaggebend für Aydin Candans Entschluss, in Deutschland Asyl zu beantragen. „Das war am 6. Juli 1992 in Dortmund.“ Seine Begründung muss schlüssig gewesen sein: Nach nur drei Monaten erhielt er die Anerkennung als politischer Flüchtling und konnte seine schwangere Frau nach Deutschland nachholen.

Die ersten Schritte zu einem normalen Mitglied der deutschen Gesellschaft waren klein und schwierig. Der Vater hatte den Sohn das Schweißen gelehrt. Immerhin hatte er mittlere Reife, die ihm aber noch nicht viel half. „Mein erster Aufenthaltsort war die Kleinstadt Velbert im nordrhein-westfälischen Kreis Mettmann“, blickt das Bürgerschaftsmitglied zurück, und erinnert sich an die ersten Aushilfsjobs. Kaum ein Jahr später drängte es den jungen Mann zu politischen Aktivitäten: Er gründete einen deutsch-kurdischen Solidaritätsverein – sein erstes Engagement in der Flüchtlingshilfe in Deutschland.

1995 sah er das erste Mal Lübecks sieben Türme und verliebte sich gleich in die Stadt. Auch hier begann er mit Aushilfsjobs, bildete sich aber weiter und machte sich mit einem Restaurant in Moisling 2003 selbstständig. Candan ist mittlerweile deutscher Staatsbürger, „die türkische habe ich gekündigt“, sagt er und betont:

„Deutschland ist meine erste Heimat.“ Getreu seinem Grundsatz „nur über Politik ärgern reicht nicht, man muss auch etwas tun“ trat der mittlerweile mehrfache Familienvater 2004 in die Moislinger SPD ein. Bald wurde er in den Parteivorstand gewählt, schließlich 2012 als Kandidat für die Bürgerschaft aufgestellt. 2015 gründete er die Initiative „Moisling hilft“ zur Flüchtlingsunterstützung. Gegenwärtig ist Candan integrationspolitischer Sprecher der Fraktion und Mitglied in den Ausschüssen für Jugendhilfe und Soziales. 2014 wurde er Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft Migration und Vielfalt.

So wurde aus einem politischen Flüchtling ein politisch aktiver Helfer für Flüchtlinge. Nun auch beruflich, denn seit diesem Jahr ist er als Flüchtlingsassistent bei der Gemeindediakonie beschäftigt.

Dabei sind vor allem seine Sprachkenntnisse im Türkischen, Kurdischen und Arabischen hilfreich. „Ich mag übrigens das Wort Migrationshintergrund nicht, ich spreche lieber von Menschen mit Migrationsgeschichte“, so der 42-Jährige.

In seinem Alter sieht er noch viele Möglichkeiten für sich offen. Und was wäre sein Traumziel? Mit verschmitztem Grinsen verweist er auf die britische Hauptstadt: „Vielleicht möchte ich einmal Bürgermeister von Lübeck werden – London hatte schließlich auch einen Migranten als Bürgermeister.“

DREI FRAGEN AN...

1 Flüchtlinge in großen Zahlen werden zunehmend als Bedrohung für die Integrität der deutschen Gesellschaft empfunden. Wie sehen Sie das?

Die Menschen müssen auf viele Plätze verteilt werden, das hilft bei der Integration, Ghettos müssen vermieden werden. Die Gesellschaft braucht langfristig Einwanderung, jetzt sind bei der Integrationsaufgabe auch die bereits länger hier lebenden Migranten gefordert.

2 Woran denken Sie bei aktuellen Nachrichten aus der Türkei?

Staatspräsident Erdogan wandelt sich zum Kalifen, und der gescheiterte Putsch kam wie gerufen für ihn, um seine Macht zu stärken. Ich verstehe aber nicht, wie man wenige Tage nach dem Ereignis gezielt namentlich Zigtausende von Menschen verfolgen, aus Ämtern vertreiben und inhaftieren kann.

3 Hilft Erdogan nicht auch der Terror in der Türkei? Anschläge von welcher Seite auch immer sind zu verurteilen. Aber Erdogans Politik, vor allem gegen die Kurden, und seine unklare Haltung gegenüber den IS-Terroristen werden keine Lösungen bringen.

 Matthias Wiemer

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