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Lübeck Vom Rohling zum weltberühmten Rotter Glas
Lokales Lübeck Vom Rohling zum weltberühmten Rotter Glas
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21:40 27.10.2017
Karl-Heinz Krönert schleift hoch konzentriert den Boden eines Glases. Man brauche ein bisschen künstlerisches Talent, eine ruhige Hand und „vor allem Spaß an der Arbeit“, um Glasveredeler zu sein. Quelle: Fotos: Lutz Roessler

Wer den nicht sehr großen, weißen Bungalow im Wohngebiet betritt, wird zunächst einmal geblendet von der Strahlkraft der farbigen Gläser mit ihren typischen Dekoren. Dass hier, in der Elisenstraße in St. Lorenz Nord, Gläser für stilbewusste Menschen in aller Welt entstehen, ahnt nur, wer am Bürotrakt vorbei zur größenmäßig überschaubaren Werkstatt geht. Von irgendwoher ist ein hohes Schleifen zu hören – ein Ton, der ein bisschen an einen Zahnarztbesuch erinnert.

Rotter Glas geht von Lübeck in alle Welt. Doch während Kunden aus vieler Herren Länder die besonderen Gläser schätzen, Dior und Claudia Schiffer zu den Kunden zählen, wissen viele Lübecker nicht einmal, was in dem von Carl Rotter gegründeten Betrieb überhaupt passiert.

Barbara Thieß (63) steht mit einer blauen Wasserkaraffe und einem Geschirrhandtuch am Waschbecken. „Das Glas spricht mit uns“, sagt die erfahrene Glasveredelerin zu dem hohen Schleifton, „ein stilles Glas geht eher kaputt.“ Die Karaffe mit dem Fischschwarm, die sie gerade putzt, war am Boden verkratzt. „Das habe ich gerade neu gemacht“, sagt Thieß.

Jeder macht hier alle Arbeitsschritte für einen Auftrag – und genau das, nämlich die Abwechslung, ist es, die auch dem gelernten Siebdrucker Stephan Meixner (28) soviel Freude an seinem Zweitberuf, der Glasveredelung, bereitet. Mundgeblasenes Kristallglas – jedes Stück an sich schon ein Unikat – wird in der Lübecker Manufaktur veredelt. Meixner arbeitet gerade am berühmten Kugelschliff, dem Klassiker. Auf den farbigen, sogenannten Überfang-Becher hat er zunächst mit einem wasserfesten Stift Kästchen gezeichnet, dann stand der tiefe Vorschliff mit einer Diamantscheibe an. Mit Korund-Schleifscheiben bringt er dem Becher den Feinschliff bei, wodurch ein gewisser Glanz entsteht. Der letzte Schritt ist das Polieren mit Korkrädern und Bimssteinmehl.

Angst, die wertvollen Gläser zu ruinieren, hat in der Werkstatt niemand. „Aber man muss sich beim Schleifen schon sehr konzentrieren“, sagt Meixner.

Es gibt zig verschiedene Schleifscheiben aus unterschiedlichen Materialien und in allen Größen. Den Laien, die sich kaum vorstellen können, wie die kleinen Fische fürs beliebte Fischschwarm-Dekor aufs Glas kommen, zeigt Meixner schnell die Technik: Kleine Striche werden aufs Glas gezeichnet, dann wird der Fischkörper mit einer kleinen Scheibe eingeschliffen, mit Mini-Scheiben kommen Kiemen und Flossen hinzu.

Beim Schleifen an allen Arbeitsplätzen unabdingbar, damit das Glas nicht zu heiß wird: Wasser, das aus kleinen Düsen auf die Schleifbänder oder -steine spritzt. Aus ausrangierten Fahrradschläuchen haben sich die Glasveredler Gummiringe für die Handgelenke gemacht, „damit das Wasser nicht die Arme hochläuft“, sagt Matthias Schrön, der gerade farbige Becher schleift. Er verbringt auch viel Zeit am PC, entwickelt Grafiken für die inzwischen mehr als 150 Dekore, die Rotter fertigt – oder für Auftragsarbeiten und Kundenwünsche. Wie den des Maritimen Museums Hamburg, das spezielle Gläser als Gastgeschenk für Prinz William und Herzogin Kate bestellte, als die im Juli Hamburg besuchten. „Es war Gemeinschaftsarbeit“, sagt Schrön bescheiden.

Von seinem Kollegen Sascha Bilgenroth (45), der seit fast 30 Jahren bei Rotter arbeitet, dringt der hohe, unangenehme Schleifton herüber. Er macht besonders gern Hohlschliffe für Motive wie Kraken oder Löwen: „Ich nehme die Farbe weg, durch das Schattenspiel wird das Motiv dann plastisch“, erklärt er. Neben ihm sitzt Karl-Heinz Krönert (65), dem seine Arbeit so viel Spaß macht, „dass ich verlängert habe“. Er bringt einem leuchtend grünen Glas mit einer Diamantscheibe den Wellenschliff bei.

Überall herrscht höchste Konzentration, während die quirlige Firmenchefin Birgit Rotter (60) vorn im Bungalow zwischen in allen Farben leuchtenden Gläsern und Vasen Kundengespräche führt. Über ihre Lübecker Großmutter ist die in Kalifornien aufgewachsene Amerikanerin mit Rotter Glas und mit Wolfgang Rotter in Kontakt gekommen, den sie 1988 heiratete. Sie führt Verhandlungen, fährt zu Messen weltweit und hat ihre kleine, feine Galerie „Artemani“ in der Fleischhauerstraße. „Ich bin sehr dankbar für das alles“, sagt sie.

Historie

1929 in Schlesien lässt sich Carl Rotter das Kugelbohr-Verfahren patentieren. In der elterlichen Glasschleiferei ist es nicht gefragt, weshalb Carl Rotter die Technik erst einsetzen kann, als er das Unternehmen 1948 in Lübeck neu gründet. Später übernimmt Sohn Wolfgang den Betrieb, 2013 dessen Frau Birgit.

Führungen durch den Betrieb und Schleifkurse bietet die Firma für Jung und Alt an. Information und Anmeldung unter Telefon 0451/ 404405.

 Sabine Risch

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