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Lübeck Von Syrien nach Travemünde: Ein Schritt in die Normalität
Lokales Lübeck Von Syrien nach Travemünde: Ein Schritt in die Normalität
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15:05 17.11.2016
Kasem Alzein (M.) mit seinem Sohn Nabil und den Töchtern Gardinea (13) und Maria (6). Die Familie fühlt sich wohl in Travemünde. FOTO: JACOBSEN

Dr. Kasem Alzein (51) nimmt einen Schluck Kaffee und fragt, womit er seine Erzählung beginnen soll. Neben ihm sitzt seine Frau Mirna Alzein und neben ihr der 17-jährige Sohn Nabil. Kasem Alzein und seine Familie sind vor zwei Monaten nach Lübeck gekommen. In der arabischen Welt ist der Gastrologe und ehemalige Direktor des staatlichen Krankenhauses der einstigen Rebellenhochburg Kusseir eine Art Medienstar geworden. Eigentlich, so erzählen sie, hatte die Familie niemals vor, nach Deutschland zu kommen – doch am Ende sei es eine glückliche Fügung gewesen, dass es diese Stadt geworden ist.

„Im Untergrund gab es kein Familienleben.“ Mirna Alzein, Syrerin

„Alles begann mit dem sogenannten arabischen Frühling“, sagt Alzein leise. Der Glaube der Syrer, dass eine Liberalisierung auch in ihrem Land möglich sei – und dann das Entsetzen über die blutige Antwort des Staatspräsidenten Baschar al-Assad. „Auch ich habe 2011 friedlich für freie Wahlen und gegen Unterdrückung demonstriert“, erzählt Alzein. Der Arzt verlor seine Stelle und tauchte aus Angst vor der Verhaftung mit seiner Familie unter.

„Im Untergrund gab es kein Familienleben“, erzählt Mirna Alzein. Erst in Lübeck fanden sie langsam wieder zueinander. Noch lebt die Familie zu fünft in einem Zimmer in der Flüchtlingsunterkunft in Blankensee, doch eine eigene Wohnung steht in Aussicht, und alle drei Kinder besuchen die Schule. Dennoch ist die Erinnerung an Syrien allgegenwärtig. „Niemand hätte erwartet, dass es soweit kommt“, sagt Mirna Alzein leise. Veränderungen hätten sie sich gewünscht, aber niemals diese Gewalt. 2013, so erzählt das Paar, wurde Kusseir von der syrischen Armee und der libanesischen Hisbollah belagert.

Zu diesem Zeitpunkt war aus den Demonstrationen längst ein bewaffneter Aufstand geworden. Während Mirna Alzein mit den drei Kindern in ein Versteck floh, organisierte ihr Mann die medizinische Versorgung der belagerten Bevölkerung. „Wir haben notdürftig ein Krankenhaus aufgebaut, es gab nicht genug Medikamente, nicht genug Personal“, sagt Kasem Alzein. Es fällt ihm schwer, darüber zu sprechen.

Kurz vor der Eroberung Kusseirs im Mai 2013 floh Kasem Alzein zusammen mit 12000 Zivilisten und Rebellen aus der Stadt. „Fünf Tage waren wir zu Fuß unterwegs in den Libanon“, erzählt er. Viele seien unterwegs von Assads Truppen getötet worden, doch Alzein erreichte die libanesische Grenzstadt Arsal. Dort gelang es ihm, gemeinsam mit anderen syrischen Ärzten, innerhalb weniger Wochen ein Krankenhaus zu eröffnen. Mittlerweile waren die Medien auf Kasem Alzein aufmerksam geworden. Der arabische Nachrichtensender Al Jazeera berichtete über das überfüllte Krankenhaus in Arsal und die syrische Non-Profit-Organisation produzierte ein Porträt über den Arzt, der seinen Beruf wieder aufnehmen möchte. „Ich muss Deutsch lernen, einen Sprachkurs für Mediziner absolvieren und ein Praktikum machen“, berichtet Kasem Alzein.

Vorerst sei ihm aber wichtiger, dass sich die Kinder in Lübeck einleben. Dabei hatten sie ursprünglich in der Türkei leben wollen. „Im Libanon wurde ich verhaftet, als ich aus Arsal zur Verlängerung meiner Aufenthaltsgenehmigung heraus musste.“ Man hätte ihn aufgefordert, das Land zu verlassen. Im Juli kam Kasem Alzein in Mersin an. Kurz darauf verschärften sich die Einreisebedingungen aufgrund des Putschversuchs, sodass seine Familie nicht nachkommen konnte. Deshalb entschieden sie sich für Deutschland und kamen nach Lübeck. „Es ist gut hier“, sagen Kasem und Mirna Alzein. Die Kinder lieben Travemünde und langsam, ganz langsam kehrt Normalität ein.

 Luisa Jacobsen

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