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Lübeck Von der Bruchbude zum Schmuckstück
Lokales Lübeck Von der Bruchbude zum Schmuckstück
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15:55 07.11.2013
Haben sich viel vorgenommen: Christian Hoffmann (v. l.), Dr. Annegret Möhlenkamp und Holger Thöl. Quelle: Fotos: Lutz Roeßler
Lübeck

Wer in diesen Tagen an den geöffneten Flügeltüren des Hauses mit der zartgelben Fassade vorbeikommt, wirft zwangsläufig einen Blick ins Innere — und sieht etwas, das ein wenig wie eine Gruft oder ein Spukhaus aussieht: Dünne, schmale Laufplatten weisen einen kleinen Weg über alte Balken, die den dunklen Keller überspannen, zwischen den schiefen Außenwänden sind ebenfalls nur mehr oder weniger vertrauenswürdige Balken zu sehen. Das Haus, in dem jahrzehntelang die „Alte Stadtschänke“ untergebracht war und das zum Schluss einen vietnamesischen Imbiss und eine Änderungsschneiderei beherbergte, ist komplett von jüngeren Einbauten befreit. Aus dem maroden Bau soll ein schmuckes Geschäfts- und Wohnhaus werden. Doch das braucht Zeit.

„Wir haben hier so ziemlich alle Befunde außer Schwamm“, sagt Bauherr Christian Hoffmann mit einem gewissen Galgenhumor. Gemeinsam mit Jörg Fey hat er das Gebäude im Jahr 2012 erworben. Die Brandmauern der Königstraße 93 stammen aus dem späten 13. Jahrhundert, das eigentliche Haupthaus wurde um 1580 zwischen diesen Wänden fast neu gebaut. Es ist, wie Denkmalpflegerin Annegret Möhlenkamp weiß, „seit 1958 im Denkmalbuch der Hansestadt Lübeck als Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung eingetragen“. Und es ist Teil des Unesco-Weltkulturerbes.

Ein ganz besonderes Haus also, eines mit Spuren aus diversen Epochen. Am Staffelgiebel der Straßenfassade ist die Renaissance zu erkennen, die Haustür ist klassizistisch, über der Dornse (mittelalterlicher Begriff für einen durch die nebenliegende Küche beheizten Raum, der oft als Schreibstube benutzt wurde) und der Küche liegen ein Kriechboden und eine sogenannte Hangelkammer. Die Treppenanlage stammt aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, im Seitenflügel wurden Decken- und Wandmalereien aus Renaissance und Barock entdeckt. Diese sollen demnächst von Restauratorin Eileen Wulff wiederhergestellt werden.

Die Jahrhunderte und die Menschen, die in der Königstraße 93 das Sagen hatten, haben dem Haus arg zugesetzt. Die Balken sind marode, die Wände des Seitenflügels rissig und nicht mehr standsicher, die Fenster kaputt und windschief, um nur einige Beispiele zu nennen. „Es gab schon in den 80er und 90er Jahren Pläne, es zu sanieren“, sagt Denkmalpflegerin Möhlenkamp, „doch daraus ist nie etwas geworden.“ 2006, im Zuge des Abrisses des alten Haerder-Gebäudes, wies das Haus plötzlich tiefe Risse auf. Ein Baustopp wurde verfügt, erste Sicherungsmaßnahmen am Kulturdenkmal vorgenommen.

Und auch als die Bauherren Hoffmann und Fey mit dem Lübecker Architekten Holger Thöl vergangenes Jahr in die Planungen einstiegen, standen neben Freilegungs- auch weitere Sicherungsarbeiten an, unterstützt von der Possehl-Stiftung. Für die Planung hat man sich sehr viel Zeit gelassen, „denn es war wichtig, vor der Stellung des Bauantrages etliche Voruntersuchungen unter Hinzuziehung eines Bauhistorikers zu machen“, sagt Holger Thöl. Ihm wie auch den Bauherren liegt viel daran, „dass wir in sehr konstruktiver Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege in vielen Gesprächen ein schlüssiges Gesamtkonzept gefunden haben“.

Hoffmann, von Hause aus selbst Architekt und im elterlichen Reinfelder Bauunternehmen tätig, macht allerdings deutlich: „Ich freue mich zwar an dem alten Haus, aber es muss natürlich auch wirtschaftlich tragbar sein.“ Schließlich schätzt er die reinen Baukosten auf 1,3 bis 1,5 Millionen Euro. Auch wenn die Possehl-Stiftung schon weitere Gelder zugesagt hat: Es wird ein aufwendiges Unterfangen.

In die einstige Diele des Hauses — die abgehängte neuzeitliche Zwischendecke ist inzwischen entfernt — sowie in die Galerie, die in Anlehnung an das historische Vorbild wiederhergestellt wird, soll ein Laden einziehen, die alte Dornse wird in ihrer ursprünglichen Form samt Stuckdecke repariert. Vorstellen könne man sich, sagt Thöl, ein räumliches Konzept ähnlich wie im „Laden 15“ in der Königstraße 30.

Im zweiten Obergeschoss sowie im Seitenflügel sollen insgesamt fünf Maisonette-Wohnungen entstehen. Hierfür muss ein eigenes, neues Treppenhaus gebaut werden, das vermutlich durch eine Glaswand vom Laden getrennt wird.

Noch fällt es schwer, sich vorzustellen, dass die Königstraße 93 bis Ende 2014 ein schmuckes Altstadthaus mit wiederhergestellten Wandmalereien und Mehrfach- Nutzung wird. Doch die Beteiligten sind guter Dinge.

Haus mit Historie
1591 ist der erste Hausbesitzer, ein gewisser Hans Tunne, vermerkt. 1747 bis 1751 wurde das Haus vom Lübecker Stadtchronisten Dr. Johann Peter Willebrandt bewohnt, 1821 wird es als Gewürzkramhaus bezeichnet.
1865 wird ein Schankbetrieb verzeichnet — eine Nutzung, die bis 2012 bestehen bleibt.

Sabine Risch

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