Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Von der Rock-Kneipe in die Galerie
Lokales Lübeck Von der Rock-Kneipe in die Galerie
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:18 12.09.2016

Für Achterbahnfahrten braucht es robuste Typen. Typen wie Florian Seyer – 1,90 Meter groß, um die 130 Kilo schwer, breite Schultern, Jeans und Lederjacke. Und tatsächlich hat der 48-Jährige eine Achterbahnfahrt hinter sich, die unter anderem von einer Rock-Kneipe in der Lübecker Innenstadt bis in die Kunstgalerie in der Timmendorfer Trinkkurhalle führte.

Florian Seyer (48) hat sich nach einem schweren Unfall wieder auf die Beine gekämpft. Quelle: Latzel

Richtig leicht ist es für ihn wohl von Anfang an nicht. In Neustadt geboren, wächst er an der Küste und in Lübeck auf.

Florian Seyer schmeißt das Abi, bricht Ausbildungen ab, arbeitet in der Gastronomie und als Türsteher. Die Sub-Kulturen ziehen ihn an, „im Rider’s Café bin ich sozusagen groß geworden.“ 2001 macht er sich mit einer Rock-Kneipe selbstständig, dem „Angus“ in der Marlesgrube. Das scheint wie maßgeschneidert auf „Flo“ zu passen.

Aber irgendwann läuft es nicht mehr, finanziell nicht und gesundheitlich auch nicht. Das Nachtleben fordert seinen Tribut. 2009 verkauft er das „Angus“ und kann es doch nicht lassen, sondern eröffnet ein paar Hundert Meter weiter in der Beckergrube das „Dr. Rock“, einen Club fürs bodenständige Publikum, den er nach drei Jahren wieder abgibt. Danach hat er in Braak bei Eutin einen Biker-Treff.

Dann ändert ein Unfall im November 2012 alles. Sein Jeep kracht in einen Graben. Seine Freundin trägt nur leichtere Blessuren davon, „aber ich war nicht angeschnallt.“ Ergebnis: zwei Halswirbel gebrochen, schwer geschädigte Lunge, diverse Armbrüche. Seyer liegt mehrere Wochen im Koma und monatelang am Beatmungsgerät. Die damalige Prognose? „Pflegeheim“, sagt er knapp. Er werde wieder in seinem Lokal am Herd stehen, erklärt Seyer den Ärzten. „Die meinten daraufhin, dass ich froh sein würde, wenn ich irgendwann wieder allein zur Toilette gehen kann.“

Er muss sitzen und später laufen lernen. Im Sommer 2013 fängt er tatsächlich wieder an zu arbeiten. Doch der Körper macht nicht mehr mit, Seyer gibt auf, verbringt wegen Suizidgefährdung einige Wochen in der Psychiatrie. „Für mich war das nichts“, sagt er. „Ich war mein Leben lang Rocker, und dann sollte ich auf einmal Bildchen malen, das ging nicht.“ Etwas nimmt er aber mit: „Die haben mir gesagt, dass ich ja nie zufrieden bin. Und wenn einem so etwas gesagt wird, lohnt es sich, darüber nachzudenken.“ Monatelang langweilt er sich, setzt sich mit den Ämtern auseinander. „Irgendwann dachte ich, dass ich einer von denen werde, die schon nachmittags RTL 2 gucken. Ich suchte mir wieder eine Aufgabe.“

Er unterstützt zunächst ehrenamtlich eine syrische Flüchtlingsfamilie. Dann entdeckt er eine Zeitungsanzeige: Anja Es sucht eine Aushilfe für ihre Galerie in der Timmendorfer Trinkkurhalle. Zum Vorstellungsgespräch erscheint Seyer mit Lederjacke und Haartolle. „Ich wirkte wahrscheinlich wie ein Elefant im Porzellanladen.“ Aber die Chemie stimmte, „und ich bin lernfähig“. Florian Seyer kleidet sich etwas konservativer und verbringt Nächte am Computer, „ein Crash-Kursus in Kunst, und ich lerne immer weiter“.

Bandscheibenprobleme sind geblieben, auf einem Ohr hört er schlecht, Geruchs- und Geschmackssinn sind beeinträchtigt, deshalb beschränkt er sich auf einen Aushilfsjob. „Aber mit Anja als Chefin läuft es super, und ich habe die Kunst für mich entdeckt.“ Der ehemalige Kneipier lebt gesünder, und die Beziehung zu seiner Freundin hat die Achterbahnfahrt auch überstanden. „Es wird alles besser, auch wenn es immer wieder mal ein Tief gibt“, sagt Florian Seyer. Und wie sieht’s mit seinen Wünschen aus? „Ich plane nicht so viel. Aber eine gewisse Zufriedenheit zu finden – das wäre schön.“

latz

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Beste Laune und große Begeisterung: Insgesamt 460 ältere Mitbürger und Menschen mit Behinderungen nahmen am Wochenende an der Aktion „Sonnentag“ teil.

12.09.2016

Schranken am Mönkhofer Weg streiken – Polizei regelt Verkehr.

12.09.2016

Das Lübecker Architekturforum ruft am Freitag zum Parking Day auf.

21.09.2016
Anzeige