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Lübeck Von der Trave bis in die Dörfer
Lokales Lübeck Von der Trave bis in die Dörfer
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19:02 09.03.2018

Es ist der Tag der Reisenden. Den ersten begegne ich auf der Teerhofinsel. Nach meiner gestrigen Radtour zwischen Moorgarten und Bad Schwartau bin ich wieder zu Fuß unterwegs, und ich finde es schön. Mehr Zeit zum Entdecken, mehr Muße und keine Wadenschmerzen mehr. Hurra.

So begegne ich beschwingt gleich am Start Andrea (52) und Rüdiger Hinrichs (63). Das Ehepaar hat bei der Nord-Ost Marina auf der Teerhofinsel einen Zweimaster liegen, den sie seit drei Jahren flottmachen für eine große Reise. Sie wollen von Lübeck über die Kanäle bis nach Frankreich und hoffen, dass sie Mitte September Marseille erreichen. Da sie entlang der Kanäle viele Brücken und rund 250 Schleusen erwarten, lassen sie die Masten per Lkw separat gen Süden transportieren. „Sie könnten sonst Schaden nehmen“, sagt der Mann, der in Pension ist und seit 30 Jahren von dieser Reise träumt.

Ihre Wohnung haben sie schon untervermietet, den Alltag ein Stück hinter sich gelassen. Noch liegt das Schiff für Restarbeiten an Land, aber in zwei, drei Wochen soll es mit dem zwölf Meter langen und 3,60 Meter breiten Schmuckstück losgehen. Sie haben keine Eile, fahren los, wenn alles fertig ist. Und was machen sie am Mittelmeer? „Ein konkretes Ziel haben wir nicht, werden uns wohl einfach treiben lassen.“ Sorgen oder Ängste gibt es angesichts der Tour auch nicht. „Ich habe nur Respekt vor Schwerwetter“, sagt der 63-Jährige, „aber da müssen wir ja nicht hinein.“ Im Wesentlichen hoffen sie auf ein nettes Leben, dort wo es warm ist. „Wir haben genug von acht Monaten Regen im Jahr.“ Und in diesem Sinne trägt ihr Zweimaster auch den Namen „Sunshine“.

Die beiden strahlen so eine heitere Gelassenheit und Vorfreude aus, dass ich am liebsten mit an Bord gehen würde. Aber ich habe ja andere Ziele und mache mich Richtung Schwartauwiesen auf den Weg, die Tagesetappe liegt noch vor mir. Radfahrer, Spaziergänger und Läufer teilen meine Strecke, die parallel zur Trave entlangführt. Neben den Schienen geht es auf einem Schotterweg zügig weiter, bis auf der rechten Seite ein Pfad mit Schild erscheint. „Denkmalschutzgebiet“ steht darauf und es verweist   auf die erste slawische Burganlage von Alt-Lübeck am Zusammenfluss von Trave und Schwartau.

1072 ist der Name „Liubice“ in der Chronik des Geschichtsschreibers Adam von Bremen genannt, doch 1138 wird der Ort zerstört. Er wird nicht wieder aufgebaut. Aber ein Ringwall, das Fundament einer Kirche und Reste einer Handwerkersiedlung sind geblieben.

Meine Tour soll weiter ein Stück näher ans Wasser gehen, doch Brombeeren und Brennnesseln versperren die Uferpassage. Aber der Blick auf die vorbeifahrenden Boote ist trotzdem herrlich. Kurz darauf treffe ich kurz vorm Luv-Shopping die nächsten Reisenden. Diese sind mit dem Rad unterwegs und auf der Rückfahrt von Rügen nach Travemünde. „Insgesamt haben wir 600 Kilometer geschafft“, sagt Gabriele Paree (53) an der Seite von Ruud Campman (64). In Travemünde ist die Reise der beiden Holländer fast zu Ende. Denn im Ostseebad steht ihr Auto und damit werden sie zurück in die Heimat fahren. „Aber unsere Radwanderung können wir auf jeden Fall empfehlen, immer an der Ostsee entlang“, sagt sie und winkt zum Abschied.

Schritt um Schritt komme ich dem großen Einkaufscenter in Dänischburg näher. Der Gedanke an eine eiskalte Cola lässt mich nicht los und ich nehme den Weg über den Bahnhaltepunkt. Dort stehen Marita (64) und Jürgen (67) Salzmann auf dem Bahnsteig – und man ahnt es – auch sie sind Reisende. „Wir kommen gerade aus Bayern zurück, wo wir fünf Wochen gewandert sind“, sagt die Bad Schwartauerin, „und in 14 Tagen wollen sie wieder los.“ Meine Wanderlust können sie gut verstehen, denn sie gehen mindestens 1500 Kilometer im Jahr. „Auch daheim machen wir fast alles zu Fuß.“

Als ich ins Luv-Shopping komme, erschlägt mich fast der Gegensatz. Eben noch in der gefühlten Wildnis, jetzt in der Glitzerwelt der Einkaufsverlockungen. Aber erfrischt vom Kaltgetränk gehe ich lieber wieder ins Grüne. Vorbei am Forsthof Dänischburg wandere ich auf sandigem Boden unter Eichen, Kiefern und Birken. Rotfuchs, Waldmaus, Dachs, Blattschneidebienen sowie Holhltauben leben hier, und die warme Juliluft ist voller Zirpen, Zwitschern und Gesumm.

Am Rugenberg sind die Begegnungen mit Reisenden vorbei. Ich treffe jemand, der angekommen ist. „Ich kenne hier jeden Baum und Strauch“, sagt Uwe Dretzler (80), dessen Zuhause an gestapelte Schuhkartons erinnert. „Das war mal ein Umschaltwerk“, verrät er und erzählt, dass sein Vater – und später auch er – im ehemaligen Kohlekraftwerk an der Trave gearbeitet haben. „Da sind wir als Kinder immer geschwommen, weil das Wasser so schön warm war“, sagt Dretzler lachend und mäht dann weiter das Gras vor seinem Grundstück. Das wächst gerade noch so auf Lübecker Boden, auf der anderen Seite beginnt Ostholstein. Durch den Waldhusener Forst erreiche ich stolz nach 14 Kilometern Pöppendorf. Für meine Füße war es auch eine kleine Weltreise.

 Cosima Künzel

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