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Von der Werkbank in die Kita

Lübeck Von der Werkbank in die Kita

Zehn Einrichtungen starten Programm für Quereinsteiger. Der Bund fördert Kampf gegen den Fachkräftemangel.

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Die neuen Erzieher mit ihrem Schützling Lucas: Kai Westphal (39) war vorher Schichtführer bei McDonalds, Christine Mosler (53) arbeitete als Schulbegleiterin.

Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Lübeck. Kai Westphal hat Elektroinstallateur gelernt, aber nie als Geselle in dem Beruf gearbeitet. Später heuerte er beim Fastfood- Riesen McDonalds an, brachte es zum Schichtführer. Jahrelang hat der Ehemann und Vater von zwei Kindern Schichtdienste geleistet. „Ich wurde im Handwerk nicht glücklich, und die Gastronomie war für mich auch nicht das Gelbe vom Ei“, sagt der 39-jährige Lübecker. Jetzt arbeitet Westphal als Erzieher in der Kita Weidenweg. „Ich habe mein berufliches Glück gefunden“, sagt der Quereinsteiger. Fröhliche Kinder, zufriedene Eltern. Westphal: „Das ist ein dankbarer Beruf.“

Der Bund und die Europäische Union (EU) haben das fünfjährige Modellprogramm „Quereinstieg — Männer und Frauen in Kitas“ aufgelegt. 33,8 Millionen Euro stellt die EU dafür bereit. Bundesweit haben sich neun Jugendhilfeträger um Förderung beworben. Einer ist Kinderwege aus Lübeck. Am 5. August erhielt das gemeinnützige Unternehmen mit 300 Mitarbeitern und 21 Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen den Zuschlag. „Die Quereinsteiger sind eine große Bereicherung für unsere Einrichtungen“, sagt Geschäftsführer Joachim Karschny, „es kommen gestandene Erwachsene zu uns.“ Kinderwege ist damit nicht mehr allein. Neun weitere Einrichtungen haben sich angeschlossen. 26 Quereinsteiger nehmen zum September eine Ausbildung zur Erzieherin oder zum Erzieher auf.

Gas- und Wasserinstallateure, Tischler, Steuerfachgehilfen, EDV-Spezialisten und Kaufleute satteln um, oft in fortgeschrittenem Alter und nach langen Jahren im bisherigen Beruf. 4160 Frauen und Männer haben sich laut Bundesfamilienministerium bei einer bundesweiten Koordinierungsstelle als interessierte Quereinsteiger registrieren lassen. Christine Mosler hat Chemielaborantin gelernt, in dem Beruf gearbeitet, war danach Mutter, Köchin und Masseurin. Zwölf Jahre arbeitete sie im pädagogischen Bereich — als sogenannte sozial erfahrene Person. Konkret war sie zuletzt Schulbegleiterin, bevor sie vor drei Jahren die Ausbildung zur Erzieherin wagte. „Das Quereinsteiger-Programm war meine Chance“, sagt die 53-Jährige, die bereits Großmutter ist. „In meiner Klasse war ich nicht die Älteste.“ Die Ausbildung hat sie ebenso wie Kai Westphal mit Bravour absolviert. Seit März dieses Jahres ist sie Erzieherin in der Kita Weidenweg.

Was der Bund mit seinem neuen Modellprojekt auf breite Beine stellt, praktiziert Kinderwege schon länger. Erst mit dem Projekt „Mehr Männer in Kitas“, jetzt mit den Quereinsteigern. „Wir brauchen neben den jungen Menschen, die den Beruf erlernen, auch die Frauen, die aus der Familienpause zurückkehren — und als dritte Gruppe die Quereinsteiger“, sagt Kinderwege-Chef Karschny, „sonst werden wir den Fachkräftebedarf nicht decken können.“

Doch die Ausbildung ist für die Quereinsteiger kein Zuckerschlecken. Drei Jahre lang, berufsbegleitend und die Theorie im Berufsbildungszentrum Mölln. Die Möllner waren bereits Kooperationspartner bei „Mehr Männer in Kitas“. Christine Mosler arbeitete während ihrer Erzieherinnen-Ausbildung 25 Wochenstunden im Schulkindhaus St. Gertrud und ging an einigen Tagen nach der Arbeit in die Theoriestunden. „Wir haben auch an Sonnabenden Unterricht in Mölln gehabt“, berichtet Kai Westphal. „Künftig werden die Quereinsteiger drei Tage in der Woche in den Kitas und anderen Einrichtungen arbeiten und an zwei Tagen in die Berufsschule gehen“, sagt Joachim Karschny. Außerdem bekommen die Quereinsteiger 1250 Euro brutto im Monat. „Sonst bekommen wir diese Menschen nicht in den Beruf“, erklärt der Kinderwege-Geschäftsführer. Was so selbstverständlich klingt, ist es nicht. Sozialpädagogische Assistenten und Erzieher müssen während ihrer Ausbildung in der Regel sehen, wie sie finanziell zurechtkommen.

Ein weiteres Problem: Wie andere Erzieher auch arbeiten die Quereinsteiger oft nur auf Stellen mit begrenzter Stundenzahl. Christine Mosler hat 25 Wochenstunden in der Kita Weidenweg, ihr Kollege Westphal ist mit 30 Wochenstunden dabei. Der 39-Jährige jobbt deshalb nebenbei bei McDonalds. Aber er bereut nichts. „Ich hatte während der Ausbildung Sechs-Tage-Wochen. Jetzt habe ich mehr Zeit für meine Familie.“

3,9 Millionen für Lübeck

33,8 Millionen Euro stellt der Europäische Sozialfonds für fünf Jahre zur Verfügung. 1,9 Millionen Euro fließen nach Lübeck. Weitere zwei Millionen Euro wenden das Land, das eine Lehrerstelle im Berufsbildungszentrum Mölln für die Quereinsteiger finanziert, und die Lübecker Einrichtungen auf, die die Gehälter der Quereinsteiger bezahlen. Insgesamt beträgt das Projektvolumen in der Hansestadt damit rund 3,9 Millionen Euro.
Neben Kinderwege, die die Fördermittel beantragten, beteiligen sich die Hansestadt, die Vorwerker Diakonie, das Kitawerk der Gemeindediakonie, die Johanniter Schleswig-Holstein, die Kinderschutz-Kreisverbände Ostholstein, Segeberg und Lübeck, Pädiko aus Kiel und der Landschaftspflegeverein Dummersdorfer Ufer an dem Projekt.

Kai Dordowsky

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