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Lübeck Vorwerker Diakonie baut neue Klinik für Kinderpsychiatrie
Lokales Lübeck Vorwerker Diakonie baut neue Klinik für Kinderpsychiatrie
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21:07 22.06.2017
Hans-Uwe Rehse, einer der beiden Geschäftsführer der Vorwerker Diakonie, verkündete auf dem Jahrestreffen den Klinik-Neubau. Quelle: Foto: Kai Dordowsky

Zugleich würde die Verweildauer der jungen Patienten in der Klinik sinken, weil die Kostenträger Druck machen würden. „Wir haben darauf reagiert und werden auf unserem Gelände eine neue Fachklinik bauen“, erklärte Hans-Uwe Rehse, einer von zwei Geschäftsführern.

Zwischen dem Verwaltungsgebäude und dem Festsaal in der Triftstraße soll der Neubau entstehen, der mehr als zehn Millionen Euro kostet und vom Land kräftig bezuschusst wird. 50 stationäre Betten in 29 Patientenzimmern sind geplant. Der dreigeschossige Neubau, der von den Lübecker Architekten Heske, Hochgürtel und Lohse entworfen wurde, besteht aus zwei Teilen. Sie beherbergen eine geschützten Innenhof einer Klinikschule, Akut-, Behandlungs- und Therapieräume. „Das Gesamtprojekt soll darüber hinaus auch eine Tagesklinik und ambulante Behandlungsmöglichkeiten integrieren“, erklärt Lutz Regenberg, Sprecher der Vorwerker Diakonie. Dazu soll das bisherige Verwaltungsgebäude umgebaut werden, die Verwaltung zieht dann in ein anderes Gebäude um. „Spätestens 2019 wollen wir mit den Bauarbeiten beginnen“, sagte Hans-Uwe Rehse.

Die Vorwerker Diakonie reagiert damit nicht nur auf steigende Fallzahlen, sondern auch auf komplexer werdende Krankheitsbilder. „40 bis 50 Prozent der Aufnahmen erfolgt ungeplant“, sagte Chefarzt Soyka, „wir haben täglich Anfragen von Familien, Schulen und Jugendhilfe-Einrichtungen.“ Die Zahl der Kinder mit Selbsttötungsabsichten nehme deutlich zu. „Das ist erschütternd“, sagte Soyka. Früher seien die Kinder und Jugendlichen nicht so schwer erkrankt gewesen, berichtete Anja Hojan, Heilerzieherin in der Tagesklinik: „Sie hatten eine Diagnose, heute kommen sie mit mehreren Diagnosen.“

Darunter seien viele Kinder mit ADHS (Aufmerksamkeits- Defizit-Hyperaktivitätsstörung), Bindungs- und Wahrnehmungsstörungen. „Es gibt Sechs- bis Siebenjährige“, sagte Hojan, „die keine Impulskontrolle haben und bei jeder Kleinigkeit ausflippen.“

Die steigende Zahl von Kindern, die seelische und sozial-emotionale Probleme haben, bekommen auch die Schulen zu spüren. „Immer mehr Kinder sind nicht beschulbar“, sagte Schulrat Gustaf Dreier. Die Stadt steuere mit einem erheblichen Ausbau der Schulsozialarbeit dagegen, fast 30 Schulsozialarbeiter seien heute in den Schulen tätig. Die Stadt investiert zudem kräftig in die Schulbegleiter oder Integrationshelfer. Deren Hilfe wird zu 78 Prozent von Jungen in Anspruch genommen. „Jungen kehren ihre Probleme nach außen und erscheinen so als die Problemkinder“, erklärte Dreier, „Mädchen werden depressiv, wenn es ihnen schlecht geht und ziehen sich zurück.“ Trotzdem reagiere die Schulaufsicht auf diese Zahlen. Dreier: „Wir werden im September eine Fortbildung für Lehrkräfte anbieten für den pädagogischen Umgang mit Jungen.“

Die Ursachen für die Zunahme an seelischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen seien zahlreich, befanden die Fachleute. Einen großen Einfluss habe der Medienkonsum. „Das Smartphone ermöglicht, dass schon Grundschulkinder jeden Dreck sehen“, sagte der Schulrat. Heilerzieherin Hojan berichtete von Achtjährigen, die nach der Schule drei Stunden vor dem Tablet sitzen würden, statt draußen zu spielen. Sie sieht die Erziehungskompetenzen von Eltern schwinden, was ebenfalls mit modernen Medien zu tun habe. Weil man Eltern nicht ändern könne, müssten Schulen diese Kinder auffangen, sagte der Schulrat. „Wir brauchen gebundene Ganztagsschulen.“

Neue Angebote

Die Vorwerker Diakonie (2000 Mitarbeiter) investiert regelmäßig in neue Angebote. Nach Angaben von Geschäftsführer Fred Mente wurde 2017 eine Tagesstätte für Menschen mit Autismus, eine Beratungsstelle für soziale Hilfen in der Moislinger Allee sowie eine Tagesstätte in Geesthacht in Betrieb genommen. In der Dr.-Julius-Leber-Straße erwarb die Diakonie ein städtisches Gebäude für die Unterbringung von Obdachlosen. Und in diesem Jahr werde das neue Pflegezentrum Travetal in Betrieb genommen, sagte Mente.

 Kai Dordowsky

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