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Lübeck Was geschah Heiligabend in der Zelle?
Lokales Lübeck Was geschah Heiligabend in der Zelle?
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20:16 16.03.2016

Ein weiterer Tag im Prozess um die Weihnachts-Geiselnahme im Lübecker Gefängnis 2014. Und ein weiterer Tag, an dem man dem Ablauf an jenem späten Nachmittag auf die Spur zu kommen suchte, möglichst exakt. Aber das ist nicht so einfach. Es gibt viele Beteiligte mit vielen Erinnerungen. Und die trügen manchmal und sind nicht immer zur Deckung zu bringen. Gestern war denn auch eine Reihe Justizvollzugsbediensteter als Zeugen geladen, darunter wieder Rene K. (44), den Gefangene vor fünfzehn Monaten überwältigt und mit einem Messer am Hals bedroht hatten (die LN berichteten). Und den die Geschichte mit einiger Macht aus der Bahn geworfen hat.

Ich war in einem tiefen Loch. Antriebslosigkeit, Angstzustände, kein Schlaf. Und das steigerte sich über die Tage, Wochen und Monate eigentlich immer weiter.“ Justizvollzugsbeamter

Rene K. (44)

Er hatte Dienst an jenem Heiligabend, als er sich gegen 17 Uhr plötzlich in einer Zelle auf dem Boden liegend wiederfand, jemand auf ihm drauf und drei Männer um ihn herum. Er hat die Sache schon öfter geschildert, in einer Meldung fürs Gefängnis, bei der Polizei, auch vor Gericht. Jetzt war er erneut geladen, weil es „ein paar Nachfragen“ gebe, wie der Vorsitzende Richter Kai Schröder sagte.

Also erzählte K. noch einmal, wie ein Gefangener auf einen anderen wies, der seinen Kopf wie bei einem epileptischen Anfall gegen den Türrahmen zu schlagen schien, und sagte: „Gucken Sie sich den mal an.“ Der Mann am Türrahmen sei Eugenijus F. (38) gewesen, der andere Alexej S. (23). Mit dabei waren Kahaberi A. (25) und Gintaras A. (51). Plötzlich sei er in die Zelle hineingezogen und -gedrückt worden, sagte K. Dann habe er auf dem Bauch gelegen, die Füße zur Tür, den Kopf mehr zum Fenster und S. auf ihm drauf.

Dass die vier Häftlinge aus Russland, Georgien und Litauen jetzt vor Gericht sitzen, liegt an Beamten und anderen Häftlingen, die eine Flucht verhinderten und die Aktion scheitern ließen. Eine im Übrigen „ungeplante“ Aktion, wie K. sagte. Das sei zumindest sein Eindruck gewesen. Die Gefangenen hätten sich angepöbelt und schienen nicht einig zu sein.

K.s Schilderungen wichen zum Teil von anderen ab, unter anderem von denen der Justizvollzugsangestellten Julia S. (24), die an jenem Tag Inspektorin vom Dienst war. Aber auch sie trogen ihre Erinnerungen. Anfangs hatte sie gesagt, sie habe sich damals keine handschriftlichen Aufzeichnungen gemacht. Jetzt erkannte sie doch einige Notizen als die ihren wieder. „Ich bin eigentlich jemand, der sehr gründlich arbeitet“, sagte sie. Aber sie sei in der Situation sehr aufgeregt gewesen, da könne einiges durcheinander geraten sein.

Wie Julia S. war auch Ralf Hapke noch einmal geladen, Brenn- und Destilliermeister aus Bad Oldesloe. Er sollte Auskunft geben über den Alkohol, den die Angeklagten in der Zelle aus Apfelsaft, Zucker und Weißbrot gebraut hatten. Elf Liter Maische hätten nach sieben Tagen Gärung 200 bis 209 Milliliter reinen Alkohol ergeben, sagte er. Daraus hätten sich 1,3 Liter 16-prozentiger Schnaps destillieren lassen.

Für Rene K. sind all diese Details nicht so wichtig. Er ist krankgeschrieben, nach wie vor. Und er weiß auch nicht, ob er jemals wieder wird arbeiten können. Er sei an dem Heiligabend noch zu seiner Familie gefahren, und dann sei es ab dem Tag danach nur bergab gegangen. „Ich war in einem tiefen Loch. Antriebslosigkeit, Angstzustände, kein Schlaf. Und das steigerte sich über die Tage, Wochen und Monate eigentlich immer weiter.“ „Wie geht es Ihnen heute?“, fragte der Vorsitzende Richter. „Schlecht“, sagte Rene K.

Von Peter Intelmann

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